Gut im Zeitplan
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Fit für Industrie und Wissenschaft macht Prof. Susanne Fetzner ihre Studierenden in den Bachelor- und Master-Programmen. Foto: Angelika Klauser |
Die Umsetzung der Ziele der Studienreform in Deutschland hat in den vergangenen zwei Jahren deutlich an Dynamik gewonnen. An der WWU werden im Rahmen des viel zitierten Bolognaprozesses bereits Masterprogramme angeboten, weitere profilierte Masterprogramme sind in Vorbereitung. Der Bachelor gilt zunächst als Regelabschluss, das heißt, sicherlich werden nicht alle Studierenden direkt im Anschluss einen Master-Studiengang beginnen. Ein Teil der Studierenden wird zunächst anfangen zu arbeiten und unter Umständen nach oder begleitend zu einer Berufstätigkeit ein Masterstudium aufnehmen, prognostiziert Dr. Marianne Ravenstein, Prorektorin für Lehre und Studentische Angelegenheiten. Nachdem Bachelor-Studiengänge an der WWU fast flächendeckend eingeführt sind, werden zum Wintersemester 2008/09 weitere Master-Studiengänge ins Leben gerufen. Die ersten Kohorten der Bachelor-Absolventen in den Lehramtstudiengängen, die jetzt im Sommersemester im Rahmen des Modellversuchs ihr Studium abschließen, werden sich ab dem kommenden Wintersemester für den "Master of Education" einschreiben.
Neben den zurzeit angebotenen Masterstudiengängen wie zum Beispiel Biowissenschaften, Geoinformatics oder Politikwissenschaft werden an der WWU ab Oktober 2008 weitere 23 neue Masterprogramme angeboten. Hinzu kommen ab dem kommenden Semester rund 50 mögliche Fächerkombinationen für den "Master of Education", der für künftige Lehrer angeboten wird. Bachelor und Master gelten als zwei getrennte Studiengänge. Das bedeutet, dass sich die Studierenden ein zweites Mal bewerben müssen, wenn sie an einem Master-Programm teilnehmen wollen. Die Zugangsvoraussetzungen sind von Fach zu Fach unterschiedlich geregelt: neben dem Bachelorabschluss über die Note, über zusätzliche Qualifikationen oder über Auswahlgespräche. Die Studierenden, die sich für den Studiengang "Master of Education" bewerben, müssen unter anderem nachweisen, dass sie an einem internetbasierten "Self Assessment" teilgenommen haben, bei dem ihre persönliche und soziale Qualifikation für den Lehrerberuf getestet wird.
In der Biologie, die für ihr Studienkonzept ausgezeichnet wurde, werden drei Masterstudiengänge angeboten – Biowissenschaften, Biotechnologie, gemeinsam mit dem Fachbereich Chemie und Pharmazie, und Molekulare Biomedizin zusammen mit der Medizinischen Fakultät. Knapp 100 Plätze pro Jahr stehen dafür insgesamt zur Verfügung, mehr als dreimal so viele Studierende bewarben sich darum. "Aber man muss berücksichtigen, dass die Strategien andere sind als früher und sich die Studierenden an mehreren Hochschulen um einen Masterplatz bewerben. Den Absolventen beispielsweise eines BSc-Studiengangs Biowissenschaften stehen ja auch prinzipiell eine ganze Reihe von Master-Programmen mit Bezug zur Biologie offen", berichtet Studiendekanin Prof. Susanne Fetzner. Raphael Voges von der Fachschaft Biologie meint: "Der Übergang hat zwar geklappt, aber alle, die einen Schnitt schlechter als 2,3 hatten, wurden nicht aufgenommen und mussten erst ein Semester an einer anderen Uni studieren, bevor sie nach Münster zurückkehren konnten." Allerdings seien es nur wenige gewesen, die diese Hürde nicht überspringen konnten. Eine nicht repräsentative Umfrage der Fachschaft hat gezeigt: Der überwiegende Teil der Studierenden möchte noch den Master dranhängen. "Ich habe mit Leuten aus der Industrie gesprochen. Von denen kann sich noch keiner vorstellen, wie sie Bachelor-Absolventen einschätzen sollen. Man braucht eher das komplette Studium", meint Voges. Fetzner bestätigt das zwar, aber: "Ich denke, dass auch der Bachelorabschluss Perspektiven für die wissenschaftliche Arbeit in der Industrie eröffnet."
"Ich kann genau das machen, was ich eigentlich will."
Andreas Kotissek von der Fachschaft Wirtschaftswissenschaften will auf jeden Fall ebenfalls noch einen Master in Volkswirtschaftslehre machen. Dieser Studiengang startet ebenso wie der in Wirtschaftsinformatik und die vier in Betriebswirtschaftslehre erstmals zum kommenden Wintersemester. 80 bis 90 Prozent geben laut einer Umfrage der Fachschaft an, auch den zweiten berufsqualifizierenden Abschluss anzustreben. "Ich vermute zwar, dass man auch mit dem Bachelor einen guten Einstieg in den Beruf bekommt, aber die meisten wollen eben doch einen verantwortungsvolleren Job", so Kotissek.
Beide, Voges wie Kotissek, begrüßen die Möglichkeit, sich im Bachelor-Studiengang ein breites Fachwissen anzueignen und sich dann zu spezialisieren. "Ich kann genau das machen, was ich eigentlich will", so Voges, der Biotechnologie studiert. Dass die modulare Gestaltung der Studiengänge straffere Lehrpläne, ständige Prüfungen und größeren Zeitdruck mit sich gebracht hat, nehmen die beiden gelassen: "Die Industrie freut sich, wenn die Studierenden früher fertig sind, aber das Studentenleben ist nicht mehr so wie früher", meint Voges und Kotissek fügt hinzu: "Der Leistungsdruck ist gestiegen, aber es ist machbar."
Die Hoffnung, dass durch einen frühen ersten berufsqualifizierenden Bachelorabschluss nach sechs Semestern die Abbrecherquoten sinken, hat sich noch nicht bestätigt. "Die Erfahrung ist noch zu kurz, um etwas über die Studienerfolgsquote sagen zu können", so Ravenstein. Die Chancen der Bachelor-Absolventen schätzt sie unterschiedlich ein. "Die Akzeptanz des Masters auf dem Arbeitsmarkt stellt kein Problem dar, weil er als gleichwertig zu den herkömmlichen Diplom-, Staatsexamens- und Magisterabschlüssen gewertet wird. Der Bachelor-Grad dagegen ist in Deutschland noch neu. Es wird Berufsfelder geben, in denen Absolventen nur mit einem Master unterkommen. Aber vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften sehe ich auch gute Chancen mit einem Bachelorabschluss." Eine allgemeine Aussage sei schwer möglich, da der Kenntnisstand bei den Arbeitgebern zu unterschiedlich ist. Großunternehmen, vor allem solchen mit internationaler Belegschaft, ist der Bachelor schon bestens vertraut. Auch kleinere und mittelständische Unternehmen rekrutieren zunehmend Bachelorabsolventen. Die Qualifikationsanforderungen des Arbeitsmarkts – so Ravenstein – ändern sich heute sehr schnell, so dass Vorhersagen nur sehr schwer möglich sind. Einige Branchen sind für Bachelor-Absolventen offen, weil es hier gute Möglichkeiten des Berufseinstiegs für Akademiker in einem assistierenden Bereich gibt: "Den Studierenden der WWU kann man nur raten: Wer sein Berufsziel genau kennt, sollte sich erkundigen, welche Wege zu diesem Ziel führen."
bn
