Ein Fall fürs Welterbe
Als der frühchristliche Archäologe Prof. Dieter Korol 1978 das erste Mal ins italienische Cimitile kam, boten die frühchristlichen und mittelalterlichen Bauten ein jämmerliches Bild: Die Gemäuer hatten sich zu einer wilden Müllkippe entwickelt, in der Schlangen und Ratten hausten. Auf Jahrtausende alten Erdschichten spielte die Dorfjugend Fußball. Kaum zu glauben, dass sich darunter wertvolle Mosaiken, prächtige Fresken und die ersten christlichen Wandmalereien außerhalb Roms befinden sollten. Erst Forschungsarbeiten münsterscher Wissenschaftler brachten sie ans Licht. Heute hoffen Korol, Direktor des Instituts für Klassische und Frühchristliche Archäologie, und Dr. Tomas Lehmann von der Humboldt-Universität Berlin, dass die UNESCO das Zeugnis frühen Christentums in sein Welterbe aufnimmt. Sie unterstützen einen entsprechenden Antrag der Italiener bei der Organisation, der momentan vorbereitet wird.
Die Geschichte des Ortes, der in der kampanischen Provinz bei Nola liegt, begann vor etwa 1700 Jahren mit dem Tod des Christen Felix. Beerdigt wurde er im heutigen Cimitile, was soviel wie "Friedhof" bedeutet. "Er war kein Märtyrer", betont Korol. "Aber er bekannte sich in einer Zeit zu seinem Glauben, als Christen noch verfolgt wurden." Entsprechend verehrten seine Zeitgenossen den Toten: Glaubensbrüder errichteten um 300 nach Christus ein kleines Mausoleum über seinem Grab. Nach und nach entwickelte sich die Ruhestätte zu einem der bedeutendsten Pilgerorte der Spätantike.
Es war kein Zufall, dass etwa ein Jahrhundert später eine zentrale Figur der Kirchengeschichte nach Nola kam und in dem bis dato bescheidenen Cimitile eine prächtige Pilgerstätte errichtete: Der Schriftsteller und Ex-Konsul des Römischen Reichs Paulinus Nolanus ließ sich dort nieder. Geboren in einer aristokratischen Familie im heutigen Bordeaux, machte er zunächst eine politische Karriere und bekannte sich später zum Christentum. Als bekehrter Christ wollte er auf Felix' Grabstätte "ein neues Jerusalem" errichten. Dass er dort etwa im Jahr 409 nach Christus Bischof wurde, kam ihm dabei zu Hilfe.
Mit seinem Tod hatte der Ort Cimitile einen Heiligen mehr. Zwar pilgerten Jahrhunderte lang Gläubige in das kleine Dorf, doch verfielen die Gebäude und ihr wertvoller Schmuck zusehends. Neuere Ausgrabungen zeigen, dass Cimitile im sechsten Jahrhundert nach einem Ausbruch des Vesuvs mit einer zwei Meter hohen Schlammschicht bedeckt und konserviert wurde. Eine große Chance für die Wissenschaftler, denn unter den Schichten verbargen sich atemberaubende Zeugnisse aus der Spätantike. Die Wissenschaftler fanden christliche Reliefs und Reste heidnischer Bauten, die die Christen wieder verwendeten. Ein kostbarer Mamorfußboden, nahezu vollständig erhalten, trat zutage. "Vergleichbare Muster finden sich nur in Griechenland", erklärt Korol. Jahrhundert um Jahrhundert ist die Pilgerstätte erweitert, umgestaltet und überbaut worden. Detektivisch ordneten Lehmann und Korol die verschiedenen Bauphasen und entdeckten hinter Mauern Relikte früherer Bauten. Hinter mittelalterlichen Steinaltären stießen die beiden auf unbekannte Bilder, die zu den frühesten christlichen Darstellungen gehören.
jri