Studium der Romanistik und Anglistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Erstes Staatsexamen und Magister Artium in Französisch, Englisch und Italienisch. 4/2009-4/2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der WWU. Im Wintersemester 2010/11 Visiting Researcher am Department of Comparative Literature der Stanford University. Im Sommersemester 2012 Lehrbeauftragter am Romanischen Seminar der WWU.
Dissertationsprojekt:
Poe im Pantheon. Übersetzerische Autorschaft bei Charles Baudelaire
Betreuerin: Prof. Dr. Karin Westerwelle
War der Übersetzer von literarischen, philosophischen oder historischen Texten in der höfischen Gesellschaft Frankreichs seit der Renaissance in den Kulturtransfer eingebunden und trug zur Repräsentation von Nation und Staat bei, bedeutet der Fall des Ancien Régime für ihn einen Legitimationsverlust. Ein aussagekräftiges Beispiel dafür, wie der Übersetzer in der nachrevolutionären Gesellschaft ein eigenes Rederecht beansprucht und sich positioniert, stellt der Dichter und Kritiker Charles Baudelaire dar. Seinen ab 1848 zunächst im Feuilleton, dann bis 1865 in mehreren Sammelbänden erscheinenden Übersetzungen der Prosa Edgar Allan Poes hat Baudelaire ausführliche biographische Studien vorangestellt, die Poe als „grand homme“ feiern und in pseudoreligiöser Überhöhung zur Lichtfigur einer gefallenen Zivilisation stilisieren. Indem Baudelaire Poes Aufnahme in den französischen Kanon, ja seine symbolische ‚Pantheonisierung‘ betreibt, verbindet er in der Rolle des Übersetzers auf neuartige Weise die Felder Literatur, Politik und Religion. Er bezeichnet seine Tätigkeit als „très-humble et très-dévouée faculté de traducteur“ und erbittet von der Tante und Schwiegermutter Poes, der er die Übersetzungen widmet, mütterliche „charité“. Die Stilisierung geistiger Tätigkeit nimmt Elemente kultischer Frömmigkeit auf. Bei seiner Entfaltung eines von den christlichen Tugenden humilitas, devotio und caritas geleiteten Autorbildes bedient sich Baudelaire zugleich traditioneller Elemente übersetzerischer Selbstinszenierung, die auf offizielle und zeremonielle Funktionen des Übersetzers in der höfischen Gesellschaft zurückweisen.
Das Dissertationsprojekt fragt nach der Bedeutung von Baudelaires Inanspruchnahme dieser Formen, denen die Übersetzungen selbst gegenüberzustellen sind. Ihnen hat Baudelaire an entscheidenden Stellen Momente von Differenz gegenüber der Vorlage eingeschrieben. Dem Unterwerfungsgestus der Paratexte, so die These der Arbeit, steht eine ‚unzuverlässige‘ Übersetzungspraxis gegenüber, in der sich Baudelaire über Original und Autor erhebt und die Sprachlichkeit des Transfers in den Vordergrund rückt. Es gilt, durch die Gegenüberstellung von Ausgangs- und Zieltexten und ihre deskriptive linguistische Analyse solche Abweichungen zu ermitteln, die nicht dem Translationsprozess geschuldet sind, sondern reflektierte Entscheidungen des Übersetzers darstellen. Diese Eingriffe sollen vor dem Hintergrund der Aussagen der Paratexte interpretiert werden. In der Verwendung religiös-politischer Inszenierungsformen einerseits, ihrer gleichzeitigen Infragestellung durch die Übersetzung andererseits, gewinnt jene Distinktion an Kontur, die Baudelaire dem Übersetzer als Produzenten eines neuen Unsichtbaren zumisst.
Funktion innerhalb des Clusters:
- Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt B2: Figuren der Distinktion. Autorschaft im nachrevolutionären Frankreich
- Mitglied der Arbeitsgruppe Autorschaft
Vorträge:
- „Michael Kohlhaas“, Heinrich von Kleist's Gestures, Colloquium Stanford University, Panel-Beitrag, 16. März 2012
- „Poe im Pantheon – Die Übersetzervorreden Charles Baudelaires“, XXXII. Romanistentag, Humboldt-Universität zu Berlin, 28. September 2011.
- „Der Übersetzer als Prophet? Du Bellay, Amyot, Malherbe“, Autorschaft und Prophetie. Charisma, Heilsversprechen und Gefährdung, Tagung am Exzellenzcluster, Forumsbeitrag, 28. Mai 2011.
- „Dévotion und enthousiasme. Übersetzerische Autorschaft bei Charles Baudelaire“, Autorschaft. Ikonen – Stile – Institutionen, Tagung am Exzellenzcluster, 8. April 2010.
Lehrveranstaltungen am Romanischen Seminar:
Sommersemester 2012
- Hauptseminar: Dialog und Toleranz. Die Essais von Michel de Montaigne (mit Prof. Dr. Karin Westerwelle)
- Proseminar: Literatur und höfische Kultur. Die Fabeln La Fontaines
Wintersemester 2011/12
- Einführung in die französische Literaturwissenschaft
Sommersemester 2011
- Proseminar: Baudelaires Spleen de Paris und die Tradition des ‚tableau de Paris’ (mit Prof. Dr. Karin Westerwelle)
- Einführung in die französische Literaturwissenschaft
Sommersemester 2010
- Proseminar: Charles Baudelaire, Les Fleurs du mal. Literarische und linguistische Perspektiven (mit Prof. Dr. Karin Westerwelle)
Wintersemester 2009/10
- Proseminar: Frankreich und England im Spiegel der Literatur: das 19. Jahrhundert
Sommersemester 2009
- Proseminar: Kontrastive Linguistik französisch-englisch-deutsch
Kontakt
Karl Philipp Ellerbrock M.A.Romanisches Seminar
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