Konfessionslosigkeit als „neue Religion“?

Die renommierte Religionssoziologin Linda Woodhead wird neue Hans-Blumenberg-Gastprofessorin am Exzellenzcluster – Forschung zur wachsenden Gruppe der Religionslosen in Europa und den USA – Öffentlicher Vortrag am 8. Mai „Ist ‚keine Religion‘ die neue Religion?“

Prof. Linda Woodhead
Prof. Dr. Linda Woodhead - Hans-Blumenberg-Gastprofessorin
© Christine Baker-Parrish

Preseemitteilung des Exzellenzclusters vom 28. April 2017

Mit der wachsenden Gruppe der Religions- und Konfessionslosen weltweit befasst sich die neue Hans-Blumenberg-Gastprofessorin Prof. Dr. Linda Woodhead am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. Die britische Religionssoziologin untersucht während ihrer Gastprofessur im Sommersemester die Gruppe derer, die keiner organisierten Religion angehören, aber auch nicht alle atheistisch sind. Sie untersucht Gründe, warum insbesondere immer mehr jüngere Menschen konfessionslos sind und die christliche Mehrheit in einigen Ländern abnimmt. In einem öffentlichen Vortrag am Montag, 8. Mai, erörtert die Wissenschaftlerin von der Lancaster University, inwieweit Konfessionslosigkeit die „neue Religion“ ist. Alle Interessierten sind eingeladen. Der englischsprachige Vortrag „Is ‘No Religion’ the New Religion?“ (Ist „keine Religion“ die neue Religion?) ist um 18.15 Uhr im Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters, Raum JO 101, Johannisstraße 4 in Münster zu hören.

In einer öffentlichen Buchvorstellung am Dienstag, 2. Mai, diskutiert Linda Woodhead mit dem Religionswissenschaftler Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel und dem islamischen Theologen Prof. Dr. Mouhanad Khorchide vom Exzellenzcluster Fragen der religiösen Vielfalt und interreligiösen Theorie. Die englischsprachige Veranstaltung ist von 11.15 bis 12.45 Uhr im Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters, Raum JO 101, Johannisstraße 4 in Münster zu hören. Mit Mitgliedern des Exzellenzclusters und Forschern aus Europa und den USA wird Woodhead sich in einem interdisziplinären Blumenberg-Workshop am 4. und 5. Mai über die Gruppe der Konfessionslosen in Europa und den USA austauschen.

„Linda Woodhead ist durch ihre These von der ‘spiritual revolution‘ hervorgetreten“, erläutert der Sprecher des Exzellenzclusters, der Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack. „Sie beschreibt damit einen Formenwandel des Religiösen in modernen Gesellschaften, durch den neue individualistische und synkretistische Religionsformen an Bedeutung gewinnen und mehr und mehr an die Stelle rückläufiger kirchlicher Bindung treten.“ Ihrem international beachteten Buch „The Spiritual Revolution“ (mit Paul Heelas) von 2005 liegen Studien christlicher und alternativer Formen von Spiritualität in England zugrunde.

Diskussion über religiöse Vielfalt mit Schmidt-Leukel und Khorchide

„Linda Woodhead befasst sich in ihren Forschungen schwerpunktmäßig mit Säkularisierung, Religion und Geschlecht sowie mit Religion und Emotion“, führt Prof. Pollack aus. „Das bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte zu den Forschungen am Exzellenzcluster.“ Auch durch ihre langjährigen Erfahrungen in der interdisziplinären Forschung sei Woodhead eine Bereicherung für den Exzellenzcluster. Von 2007 bis 2012 leitete die neue Blumenberg-Gastprofessorin den interdisziplinären Forschungsverbund „Religion and Society research programme” (Forschungsprogramm Religion und Gesellschaft), den das „Arts and Humanities Research Council“ und das „Economic and Social Research Council“ mit 20 Millionen Euro förderten. (ill/vvm)

Blumenberg-Gastprofessorin Linda Woodhead

Linda Woodhead, geboren 1964 im englischen Somerset, ist Professorin für Religionssoziologie an der Lancaster University. Für ihre wissenschaftlichen Verdienste erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universitäten Uppsala, Zürich und Oslo. Die Wissenschaftlerin erhielt 2013 die Auszeichnung „Order of the British Empire“ für ihre Beiträge zur Hochschulbildung. Zuletzt war sie Delegierte beim Weltwirtschaftsforum in Davos und gehörte dessen Beirat für die Fragen des Glaubens (Global Agenda Council on the Role of Faith) an. Sie hat zahlreiche Publikationen über Religion in modernen Gesellschaften vorgelegt, darunter „A Sociology of Religious Emotion“ (Eine Soziologie des religiösen Gefühls, mit Ole Riis, 2010) und „That Was The Church That Was: How the Church of England Lost the English People“ (Das war die Kirche, die war: Wie die Kirche von England das englische Volk verlor, 2016). Prof. Woodhead studierte Theologie und Religionswissenschaften an der University of Cambridge und spezialisierte sich auf empirische Kultur-, Religions- und Werteforschung.

Für das Sommersemester 2017 hat der Exzellenzcluster erstmals zwei Hans-Blumenberg-Gastprofessoren berufen. Auf Prof. Woodhead im Mai folgt der Ethnologe Prof. Dr. Thomas Hauschild von der Universität Halle-Wittenberg im Juni und Juli, der in einer Vortragsreihe über „Die Unvermeidbarkeit von Religion“ sprechen wird.

In den kommenden Semestern werden weitere renommierte Forscherinnen und Forscher aus wechselnden Disziplinen auf die Hans-Blumenberg-Gastprofessur berufen. Zuletzt war im Wintersemester 2016/17 der Würzburger Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Horst Dreier Blumenberg-Gastprofessor in Münster und sprach über Herausforderungen des säkularen Verfassungsstaates. Der Bochumer Historiker Prof. Dr. Lucian Hölscher befasste sich im Sommersemester 2016 als erster Hans-Blumenberg-Gastprofessor mit dem Reformationsjubiläum 2017 und der protestantischen Frömmigkeitskultur in Deutschland. (ill/vvm)

Hans Blumenberg – Namensgeber der Gastprofessur am Exzellenzcluster

Der renommierte Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996) war von 1970 bis zu seiner Emeritierung 1985 Professor an der Universität Münster. Mit seinen Veröffentlichungen trug er wesentlich zur Neubestimmung des Ortes der Neuzeit in der geschichtswissenschaftlichen und philosophischen Diskussion bei. Er stellte die damals vorherrschende Säkularisierungsthese in Frage, nach der theologische Deutungsmuster aus dem Mittelalter über den Umbruch zur Neuzeit hinweg im modernen Staat fortwirken. Im Hauptwerk „Die Legitimität der Neuzeit“ plädiert Blumenberg dafür, die Entstehung der Neuzeit als Akt der humanen Selbstbehauptung gegen die theologischen Absolutheitsansprüche spätmittelalterlichen Denkens zu interpretieren. Auf diese Weise nahm er, in kritischer Absetzung von den Philosophen Carl Schmitt (1888-1985) und Karl Löwith (1897-1973), entscheidenden Einfluss auf die Säkularisierungsdebatte in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Dabei trug er auch zur Theorie der historischen Periodisierung und zur Theorie der Moderne bei.

Der Philosoph befasste sich in seinen begriffs-, geistes- und philosophiegeschichtlichen sowie in seinen anthropologischen Studien auch mit der Interpretation von Mythen und Metaphern. So stellte er anekdotische und essayistische Betrachtungen über das Motiv des Löwen an. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff greift dieses Motiv in ihrem Roman „Blumenberg“ auf. Der Wissenschaftler war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz, des Senats der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Mitglied der Senatskommission für Begriffsgeschichte und Mitgründer der Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“. Als junger Mann hatte er das Studium der Katholischen Theologie 1940 abbrechen müssen, da er im Nationalsozialismus mit Blick auf die Familie seiner Mutter als „Halbjude“ galt. Er studierte dann Philosophie, Germanistik und Klassische Philologie. (exc/vvm)