Religion in der verrechtlichten Gesellschaft

Neue Studie von Astrid Reuter untersucht Rechtskonflikte um Religion

Buchcover
© Vandenhoeck & Ruprecht

Mit Rechtskonflikten um Religion in Deutschland und öffentlichen Kontroversen darüber beschäftigt sich die neue Studie „Religion in der verrechtlichten Gesellschaft“ der Religionswissenschaftlerin PD Dr. Astrid Reuter vom Centrum für Religion und Moderne (CRM), das aus dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ hervorgegangen ist. Sie untersucht darin ausgewählte jüngere Rechtskonflikte und öffentliche Kontroversen um Religion in Deutschland und deutet sie als „definitionspolitische Auseinandersetzungen um die Grenzen des religiösen Feldes“. Beispiele sind die Auseinandersetzung um Kruzifixe in bayerischen Schulen, um das Kopftuch muslimischer Lehrerinnen und um die Einführung von Ethik-Unterricht in Berlin und Brandenburg. Die Studie ist im Göttinger Verlag „Vandenhoek & Ruprecht“ erschienen. Sie trägt den Untertitel „Rechtskonflikte und öffentliche Kontroversen um Religion als Grenzarbeiten am religiösen Feld“.

„Die Grund- und Menschenrechte haben seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit an Bedeutung gewonnen“, erläutert die Wissenschaftlerin. So sei das Recht zunehmend zu einem wichtigen Faktor auch im religiösen Feld geworden. Das Grundrecht auf Religionsfreiheit werde verstärkt beansprucht. Doch es birgt nach den Worten von Astrid Reuter ein Dilemma: „Religionsfreiheit kann nur denjenigen gewährt werden, die Religion haben. Was aber ist Religion? Und wer hat das Recht, Religion zu definieren?“ Diese Fragen stünden im Hintergrund zahlreicher Konflikte und öffentlicher Kontroversen um Religion. „In Rechtskonflikten um Religion kann das Grundrecht auf Religionsfreiheit nur gewährt werden, wenn Richterinnen und Richter bestimmten, was Religion im Sinne dieses Grundrechts ist“, unterstreicht die Wissenschaftlerin. „Damit aber werden sie zu Akteuren in den Auseinandersetzungen um die Grenzen des religiösen Feldes. Sie greifen in das religiöse Selbstbestimmungsrecht und mithin in die Freiheit der Religion ein.“

PD Dr. Astrid Reuter ist Mitglied im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ und wissenschaftliche Geschäftsführerin des Centrums für Religion und Moderne (CRM). Bei der Studie handelt es sich um ihre Habilitationsschrift, die sie im Rahmen des Cluster-Projekts C23 Religion in der verrechtlichten Gesellschaft. Rechtskonflikte und öffentliche Kontroversen um Religion in Deutschland im internationalen Vergleich abschloss. Das CRM entstand im Rahmen des Exzellenzclusters, um dem neuen Schwerpunkt der Religionsforschung in den Rechts- und Sozialwissenschaften der WWU Rechnung zu tragen. Es bündelt und organisiert Forschungen über Religionen in der Moderne an der Uni Münster. (exc/ska/vvm)

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

Einleitung
Teil 1 Religion in der ver(grund)rechtlichten Gesellschaft. Systematische Grundüberlegungen
1. Zur Logik des religiösen Feldes. Überlegungen im Anschluss an Pierre Bourdieu
2. Die Ver(grund)rechtlichung der Gesellschaft
3. Das Problem der Religionsfreiheit
Teil 2 Religionsrechtskonflikte und -kontroversen als Grenzarbeiten am religiösen Feld. Fallbeispiele
4. „Herz des Christentums“ oder „was heute die Kulturländer Europas und des Abendlandes einigt“? Der Streit um das Kreuz in der Schule
5. „Der Kopf zählt, nicht das Tuch“? Der Streit um die Kopfbedeckung muslimischer Lehrerinnen
6. Auf der Suche nach den regenerativen Ressourcen der Freiheitsordnung. Streitigkeiten um den Status von Religion im schulischen Unterricht
7. Zwischenfazit
Schluss: Perspektiven


Hinweis: Reuter, Astrid: Religion in der verrechtlichten Gesellschaft. Rechtskonflikte und öffentliche Kontroversen um Religion als Grenzarbeiten am religiösen Feld (Critical Studies in Religion/Religionswissenschaft, Bd, 005), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, 356 Seiten, ISBN 978-3-525-54023-7, 64,99 Euro.