Von Jungfrauen, Müttern und Möhnen

Historiker Werner Freitag über neue weibliche Lebensentwürfe im Bistum Münster um 1900

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Prof. Dr. Werner Freitag

Über fromme Frauen im Bistum Münster um 1900 hat Historiker Prof. Dr. Werner Freitag in der Ringvorlesung „Religion und Geschlecht“ des Exzellenzclusters gesprochen. In der Zeit des Kulturkampfes seien ganz neue weibliche Lebensentwürfe entstanden. Die Kirche habe zölibatär lebenden Frauen andere Entfaltungsmöglichkeiten als zuvor geboten. „Vor allem in Bereichen wie Caritas, Haushalt und Andacht erschlossen sie sich neue Betätigungsfelder im kirchlichen und kirchennahen Bereich – häufig mit der Unterstützung der katholischen Geistlichen“, sagte der Wissenschaftler.

Besonders sticht nach den Worten des Forschers der massenhafte Eintritt in neue karitative Genossenschaften wie die Clemens- oder Franziskusschwestern hervor. „Die Schwestern übernahmen professionelle Krankenpflege und Seelsorge in Hospitalen, arbeiteten in Haushalts- oder Landwirtschaftsschulen sowie im Waisenhaus oder Altersheim.“ Die Frauen im Bistum hätten damit auf die Nöte der Zeit und auf die schlechte Armen- und Krankenversorgung reagiert. „Auch der weibliche Wunsch nach Bildung und Berufstätigkeit wurde hier im Rahmen der Möglichkeiten in die Tat umgesetzt.“

Dass die katholische Kirche neue weibliche Lebensentwürfe bejahte, ist laut Prof. Freitag nicht auf eine liberale Sozial- oder Geschlechterpolitik des Münsteraner Klerus zurückzuführen. „Vielmehr half dies den Geistlichen dabei, drohenden Machtverlust in Zeiten von Modernisierung und Kulturkampf abzuwehren. Die frauenfreundlichen Innovationen festigten im Endeffekt die kaderförmige und bürokratisch-zentralistische Priesterkirche“, so der Historiker. Im Altarraum der Kirche habe es neben den männlichen Priestern weiterhin keinen Platz für Frauen gegeben. Für Frauen sei es aber dennoch zu einem gesellschaftlichen Fortschritt gekommen. „Zumindest in der Ausnahmesituation des Kulturkampfs akzeptierte die Kirche Frauen als Teil ihrer Selbstbehauptung.“

„Das Leben als Nonne wurde nicht massiv beworben“

Auch andere zölibatäre Lebensentwürfe von Frauen befürwortete die Kirche im Bistum Münster – solange sie mit dem Dienst am Nächsten und der Erziehung zum christlichen Glauben verbunden waren. „Der Lehrerinnenberuf, der bis in die 1950er Jahre keusch gelebt werden musste, hat sich bereits um die Jahrhundertwende zu einem besonderen Einfallstor für eine hochqualifizierte Ausbildung für Frauen entwickelt“, sagte Prof. Freitag. Kleriker sprachen demnach auch viel Lob für Frauen aus, die in halbreligiösen Laienorden, als Betschwestern oder als sogenannte Möhnen lebten. „Letztere waren Frauen, die als unverheiratete Schwester eines Hofbesitzers auf dessen Gut bei der Arbeit und der christlichen Kindererziehung halfen“, erläuterte er. Das Leben als Nonne hinter Klostermauern habe die Kirche zu dieser Zeit ebenfalls akzeptiert, aber nicht massiv beworben.

Auch für Ehefrauen und Mütter entstanden mehr Freiheiten: Das Bistum gewährte ihnen nach Einschätzung von Prof. Freitag mehr Freiheiten als das bürgerliche Ehemodell. „Zwar forderte die Kirche weiterhin eine ‚Unterordnung des Weibes‘ in der Ehe. Praxiserfahrene Kleriker hätten aber erkannt, „dass Arbeiterfrauen zur Lohnarbeit außerhalb des Hauses gezwungen waren, und sie sahen Bäuerinnen als wichtige Stütze für das Wohl der zu modernisierenden Betriebe.“ Zudem habe die Kirche das „christlich-moralische Wächteramt“ der Frau gegenüber Mann und Kindern betont.

Bürgerliche Frauen fanden laut dem Wissenschaftler im aufkommenden Vereinswesen eigene gesellschaftliche Gestaltungsräume – etwa in Chören und Müttervereinen. „Ein höherer sozialer Rang half den Frauen des Münsteraner Bürgertums dabei, bestehende Geschlechtergrenzen zu überwinden“, sagte er. So hätten es sich die bürgerlichen Frauen im Jahr 1874 nicht nehmen lassen, dem Bischof Johann Bernard Brinkmann im Bischofspalais persönlich die Treue zu versichern – „bis dato ein Akt, der nur Männern vorbehalten war“, so der Forscher.

„Vermeintlich liberale Politik“

Grund für die vermeintlich liberale Politik der Kirche und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten für Frauen waren laut Prof. Freitag vor allem der Untergang der alten Adelskirche und der Bedeutungsgewinn von Bürgertum und Landbevölkerung, wie der Historiker ausführte. „Aber auch die Industrialisierung, das schnelle Bevölkerungswachstum und die damit großen seelsorglichen Herausforderungen dieser Zeit spielten eine große Rolle.“ Ebenso haben die Kirche aufgrund der für sie wachsenden Gefahr von Konversionen sowie Zivil- und Mischehen versucht, Frauen mehr Handlungsspielräume einzuräumen und somit ihre Kirchentreue zu sichern.

Das Bistum Münster bietet sich laut Prof. Freitag für seine historische Untersuchung der Zeit um 1900 besonders gut an: „Das Bistum wurde nicht nur von Agrarregionen, Kleinstädten und der Verwaltungsstadt Münster geprägt, sondern umfasste auch Teile des industrialisierten Ruhrgebiets.“ Es fungiere daher als „verkleinerte Makroebene“, die besonders aussagekräftig für das geschichtliche Gesamtbild sei, so der Wissenschaftler.

Prof. Freitag leitet am Exzellenzcluster das Projekt B4 „Segen für die Mächtigen: Legitimität und Legitimation politischer Herrschaft in spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Stadtprozessionen“. Die Ringvorlesung befasst sich im Wintersemester 2011/2012 mit dem Verhältnis von Religion und Geschlecht. Unter dem Titel „Als Mann und Frau schuf er sie“ untersucht sie, wie Religionen von der Antike bis heute die Geschlechterordnung beeinflussten. Am Dienstag, 6. Dezember, spricht die Rabbinerin Elisa Klapheck unter dem Titel „Frauen im Rabbinat“ über feministische Aufbrüche im Judentum von der ersten Rabbinerin Regina Jonas bis heute. Der öffentliche Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22. (han)


Ringvorlesung „,Als Mann und Frau schuf er sie.‘ Religion und Geschlecht“

Wintersemester 2011/2012
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster