Ein ausgeprägtes Ritualwesen macht noch keinen Glauben

Vortrag über die Trennung von Religion und Staat im vormodernen China

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Prof. Dr. Hubert Seiwert sprach in der Ringvorlesung über „Religion und Staat im vormodernen China“.

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Opferrituale sind laut Religionswissenschaftler Prof. Dr. Hubert Seiwert noch kein Beleg für den Glauben an die Existenz von Geistern oder Göttern. „Oft sind bestimmte Rituale einfach soziale Pflicht“, sagte der Leipziger Wissenschaftler in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. In seinem Vortrag über „Religion und Staat im vormodernen China“ zog Seiwert ein überraschendes Fazit: „Eine Trennung von Staat und Religion gab es in China lange vor der europäischen Moderne.“

Obwohl das chinesische Staatswesen bis zum Ende des Kaiserreichs im frühen 20. Jahrhundert auf dem ausgeprägten Ritualwesen des Konfuzianismus beruhte, könne man die konfuzianische Staatstheorie nicht als eine Religion bezeichnen, so Prof. Seiwert. „Rituelle Normen waren weder göttliche Gebote noch gingen sie auf eine göttliche Offenbarung zurück“, erläuterte der Forscher. „Die Konfuzianer sahen die rituelle Ordnung vielmehr als von Menschen gemacht und veränderbar an.“ Ihr Weltbild sei eher rational. „Moralisches Bewusstsein galt als der menschlichen Natur inhärent und die Ordnung der Gesellschaft als Teil einer natürlichen Ordnung, die vom Menschen aus eigener Kraft erkannt werden kann.“ Die rituellen Vorschriften hätten in erster Linie dazu gedient, die gesellschaftlichen Hierarchien abzubilden und zu bestätigen. „Das machte den Konfuzianismus als Staatsideologie zahlreicher Dynastien so brauchbar.“

„Praktiken des Volksglaubens hingegen waren den Konfuzianern ein Ärgernis“, berichtete Seiwert. „Feste, Tempelbauten und Prozessionen binden schließlich ökonomische Ressourcen und Arbeitskräfte, außerdem waren religiöse Massenbewegungen für den Staat schwer kontrollierbar.“ Der Staat habe auch Klosterschließungen angeordnet, eher aus ökonomischen Gründen als aus theologischer Konkurrenz zu Buddhismus und Daoismus: „Das Edelmetall sammelte sich in den Statuen der Klöster. Das hat die Geldwirtschaft durcheinander gebracht.“

Der nächste Termin der Ringvorlesung

In der öffentlichen Ringvorlesung „Integration religiöser Vielfalt von der Antike bis zur Gegenwart“ kommen 15 Experten zu Wort. Sie beleuchten aktuelle Fragen ebenso wie historische Beispiele von der Antike über das vormoderne China und Indien bis zum mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa. Es sprechen Historiker, Soziologen, Juristen, Judaisten, Theologen, Religionswissenschaftler und Ethnologen. In der nächsten Woche, am 14. Dezember, spricht PD Dr. Olaf Blaschke von der Universität Trier über die „Konfessionelle Koexistenz und Konflikt in der Kulturkampfzeit“. Der öffentliche Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22. (bhe)