
Literatur und Erinnerung
apl. Prof. Dr. Christian Sieg | Seminar

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Die kulturwissenschaftliche Analyse von Erinnerungskulturen gehört zu den etablierten Forschungsfeldern der Germanistik. Der Gegenwartsbezug sowie die kulturelle Dimension von Erinnerungsprozessen bilden für viele Forschungsarbeiten den Ausgangspunkt: Indem wir mithilfe von Traditionen, Bildern oder Texten ein Wissen über Vergangenes generieren, arbeiten wir an unserem Selbstbild. Das gilt sowohl für die individuelle als auch für die kollektive Identitätsbildung. Erzählungen spielen in diesem Prozess eine herausgehobene Rolle. Sie haben eine selektierende, organisierende und perspektivierende Funktion und bezeugen damit den konstruktiven Charakter der Erinnerung.
Im Seminar beschäftigen wir uns mit der erinnerungskulturellen Funktion von erzählenden Texten der deutschen Literatur, deren Fokus auf der Darstellung des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit liegt. Wie konstruieren diese Romane und Erzählungen Vergangenheit? Um den Gegenwartsbezug von Erinnerungspraktiken zu erkennen, beschäftigen wir uns einerseits mit Texten aus den 1950er-Jahren und andererseits mit Texten, die nach 1989 erschienen sind. Unter anderem lesen wir Romane, die inzwischen zum Abiturstoff geworden sind: Uwe Timm „Am Beispiel meines Bruders“ (2003) und Jenny Erpenbeck „Heimsuchung“ (2007). Weitere literarische Texte: Friedrich Christian Delius „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ (1994) und Auszüge aus Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (2014). Die komplette Lektüreliste, die auch Forschungstexte zur Theorie und Praxis der Erinnerung enthält, wird vor Beginn des Seminars bekanntgegeben.