Trockenperioden, Starkregen und die Verschlechterung der Bodenqualität stellen die Landwirtschaft vor große Herausforderungen. Gefragt sind Lösungen, die Wasser länger in der Landschaft halten, gesunde Böden fördern und zugleich unter betrieblichen Bedingungen funktionieren. Agroforstwirtschaft bietet dafür vielfältige Möglichkeiten. In Agroforstsystemen werden Bäume oder Sträucher gezielt mit Ackerbau, Weidewirtschaft oder Tierhaltung auf derselben Fläche kombiniert. Das schafft ökologische und wirtschaftliche Vorteile, beispielsweise einen besseren Schutz von Nutzpflanzen vor Wetterextremen, höhere Ertragsstabilität oder einen reduzierten Düngemittelverbrauch.
Trotzdem werden Agroforstsysteme in Deutschland bislang vergleichsweise selten praktisch umgesetzt. Die zentrale Herausforderung besteht darin, vorhandenes Wissen in praxistaugliche und wirtschaftlich sinnvolle Lösungen – wie Bewirtschaftungskonzepte, effiziente Pflege und Managementangebote oder funktionierende Geschäftsmodelle für landwirtschaftliche Betriebe – zu überführen.
Vom Forschungswissen zur tragfähigen Anwendung
Das neue agroforst innovate! center soll diese Lücke schließen. Dafür bringt das Center Vertreter:innen aus Wissenschaft, Landwirtschaft, Verbänden, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen. So soll eine dauerhafte Transferstruktur entstehen, die wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen überführt.
Herzstück des Centers wird ein rund 50 Hektar großes Landschaftslabor auf dem Familienhof Große-Kleimann in Steinfurt. Dort werden unterschiedliche Agroforstansätze innerhalb eines bestehenden landwirtschaftlichen Betriebs etabliert und über längere Zeit wissenschaftlich begleitet. Geplant sind unterschiedlich gestaltete Agroforstgehölzstreifen auf Acker- und Weideflächen, auch kombiniert mit steuerbaren Drainagen und bewirtschafteten Feuchtgebieten sowie weiteren Bewirtschaftungsmaßnahmen, die zum Humusaufbau und zur Bindung von Kohlenstoff im Boden beitragen. Diese Aktivitäten werden als Gesamtsystem erprobt, das ökologische Wirkung mit technischer Machbarkeit, betrieblichen Anforderungen und wirtschaftlicher Tragfähigkeit zusammenführt.
Die Erfahrungen aus dem Landschaftslabor sollen in Planungsgrundlagen, Bildungs- und Beratungsangebote, Entscheidungshilfen sowie übertragbare Geschäftsmodelle einfließen. Damit sollen andere landwirtschaftliche Betriebe und Regionen erfolgreiche Lösungen leichter übernehmen und an ihre jeweiligen Bedingungen anpassen können.
Stimmen zum agroforst innovate! center
„Erst wenn auf wissenschaftliche Erkenntnisse der mutige Schritt in die praktische Umsetzung folgt, entfalten gute Ideen gesellschaftliche Wirkung. Mit dem agroforst innovate! center unterstützen wir einen Ansatz, der wissenschaftliches Potenzial mit unternehmerischem Denken verbindet und neue Perspektiven für eine zukunftsfähige Landwirtschaft eröffnet. Was im Münsterland beginnt, soll künftig auch für andere Regionen nutzbar werden“, so Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, Vorstandsvorsitzende der Joachim Herz Stiftung.
"Das agroforst innovate! center bietet dank der großzügigen Förderung durch die Joachim Herz Stiftung nun eine einzigartige Chance für die Landwirtschaft, Boden-, Klima- und Landschaftsqualität entscheidend zu verbessern und dies ganz praxisnah wissenschaftlich zu begleiten", unterstreicht Prof. Tillmann Buttschardt, Leiter der Arbeitsgruppe „Angewandte Landschaftsökologie und Ökologische Planung“ an der Universität Münster und Sprecher des ZIN.
„Von vielen Praxisbetrieben habe ich gelernt: Wissen sowie Wirkung gehen niemals getrennt voneinander. Nun ist es unsere Aufgabe und besondere Chance, beides zusammenzuführen und zu multiplizieren“, erläutert Thomas Middelanis, designierter Geschäftsführer des agroforst innovate! center.
Dauerhafte Strukturen für den Wissenstransfer
Die Joachim Herz Stiftung fördert den Aufbau und die Durchführung des agroforst innovate! center mit insgesamt fünf Millionen Euro bis einschließlich 2035. Das Zentrum wird als privatrechtlich organisierte, gemeinnützige Transferstruktur in der Rechtsform einer GmbH aufgesetzt. In dieser Struktur wollen die Universität Münster, der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband, der Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft und die Joachim Herz Stiftung ihre sich ergänzenden Kompetenzen bündeln. So verfügt das Zentrum über die notwendige Flexibilität, um Projekte eigenverantwortlich umzusetzen und langfristig tragfähige Strukturen für den Wissenstransfer aufzubauen. Die Einzelheiten der Förderung und der Zusammenarbeit in der gGmbH werden derzeit vertraglich ausgestaltet. Im Januar 2027 soll das agroforst innovate! center seine Arbeit aufnehmen.
Die Joachim Herz Stiftung möchte mit ihrer Förderlinie innovate! center den Aufbau effizienter Transferstrukturen an Hochschulen unterstützen, um den Forschungstransfer zu beschleunigen und ein Good-Practice-Modell für die Verbesserung von Transferprozessen an weiteren Hochschulen zu etablieren. Das erste Zentrum wurde im Dezember 2024 an der Universität Bremen gegründet. Es fördert zukunftsweisende, nachhaltige Materialtechnologien und ihren Weg zur Marktreife.
Über die Beteiligten
Die Joachim Herz Stiftung setzt sich für Innovation und Transfer aus der Spitzenforschung ein, damit mehr Forschungsergebnisse in die Praxis gelangen und einen gesellschaftlichen Nutzen erzeugen. Die Stiftung stärkt Gründerökosysteme und unterstützt eine neue Generation von unternehmerischen Talenten, radikale Innovation und nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Mit der Förderung von Nachwuchsfachkräften in einer sich durch KI und Digitalisierung wandelnden Berufswelt, trägt die Stiftung dazu bei, die berufliche Bildung zu erneuern. Ziel ist es, wirksame Lösungen für aktuelle Herausforderungen wie Klimaschutz, mehr Ressourceneffizienz oder die Fachkräftesicherung zu ermöglichen. Die Aktivitäten der Stiftung nutzen Impulse aus den USA und stärken den deutsch-amerikanischen Dialog. Die Joachim Herz Stiftung wurde 2008 in Hamburg gegründet und gehört zu den großen deutschen Stiftungen.
Die Universität Münster zählt zu den großen und traditionsreichen Universitäten Deutschlands und versteht das Schaffen von Wissen und dessen Transfer in die Gesellschaft als Teil ihrer zivilgesellschaftlichen Verantwortung. Dazu gehört auch die Förderung von Entrepreneurship bei ihren Studierenden und Forscher:innen über alle Fächer hinweg. Insbesondere sollen mit Hilfe von Ausgründungen wissenschaftliche Erkenntnisse für die Bevölkerung und die Wirtschaft nutzbar gemacht werden. Mit dem agroforst innovate! center, welches am Fachbereich 14 – Geowissenschaften angesiedelt ist, werden zudem zentrale Fragen des nachhaltigen Landmanagements adressiert. Die langfristige klimaresiliente Veränderung der Landwirtschaft bildet mit dem Thema Agroforst einen Forschungsschwerpunkt der Arbeitsgruppe Angewandte Landschaftsökologie und Ökologische Planung. Hier entstand 2020 das deutschlandweit agierende Citizen Science-Forschungsnetzwerk agroforst-monitoring.
Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband e.V. (WLV) vertritt die Interessen der Landwirtschaft in Westfalen-Lippe. Er setzt sich für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Belange der landwirtschaftlichen Betriebe ein. Der Verband unterstützt seine Mitglieder bei fachlichen, rechtlichen und betrieblichen Fragen und bringt die Perspektiven der Landwirtschaft in Politik und Gesellschaft ein. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung einer leistungsfähigen und zugleich nachhaltig wirtschaftenden Landwirtschaft. Mit seinen regionalen Strukturen und seinem breiten Netzwerk zu landwirtschaftlichen Betrieben, Kommunen, Behörden und weiteren Akteuren ist der WLV ein wichtiger Partner bei der Umsetzung neuer Ansätze in der Fläche. Im Rahmen des agroforst innovate! center bringt der Verband insbesondere die betriebliche Perspektive und seine Erfahrungen aus der landwirtschaftlichen Praxis ein.
Der Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft e.V. (DeFAF) setzt sich für die Entwicklung und Verbreitung von Agroforstwirtschaft in Deutschland ein. Vernetzt mit Wissenschaft, Landwirtschaft, Beratung, Politik und weiteren Akteuren fördert der Verband den Austausch von Wissen und Erfahrungen rund um Agroforstsysteme. Er unterstützt Forschung, Bildung und Wissenstransfer und setzt sich für bessere Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Agroforstwirtschaft ein. Ziel ist es, Agroforstsysteme als Bestandteil einer nachhaltigen und klimaangepassten Landnutzung weiterzuentwickeln und in der landwirtschaftlichen Praxis stärker zu verankern. Im Rahmen des agroforst innovate! center bringt der DeFAF seine fachliche Expertise, sein bundesweites Netzwerk und seine langjährige Erfahrung bei der Entwicklung und Verbreitung von Agroforstsystemen ein.