Beim Schreiben dieser Zeilen schaut die Welt gebannt nach Griechenland und fragt sich, ob das Land in der nächsten Zeit seine Schulden umstrukturieren muss oder nicht. Im ersteren Fall wäre es nach 1826, 1893 und 1932 das vierte Mal in seiner Geschichte. Zahlungsschwierigkeiten souveräner Schuldner sind eine wichtige Begleiterscheinung globalisierter Finanzmärkte seit der Entfaltung der Weltwirtschaft ab dem 19. Jh. Das Hauptseminar behandelt das derzeit höchst aktuelle Thema aus historischer Sicht. Im Zentrum stehen folgende Aspekte: Formen und Gründe von Zahlungsschwierigkeiten; Folgen von Zahlungsschwierigkeiten souveräner Schuldner für die betroffenen Länder und das weltweite Finanzsystem; Formen der Schuldenregelungsmechanismen.

Die Übung vermittelt erstens die Fähigkeit, sich eigenständig mit aktuellen Forschungsergebnissen des Fachgebiets auseinanderzusetzen. Aktuelle Forschungsarbeiten werden in Referaten vorgestellt und anschließend diskutiert. Vor allem sollen 90 englischsprachige Texte, die wirtschaftswissenschaftlich und historisch argumentieren und ökonomische Methoden verwenden, diskutiert werden. Zweitens werden auch praktische Übungen zur quantitativen Analyse von historischen Daten im PC-Pool vermittelt.
Grundkenntnisse der Volkswirtschaftslehre und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit englischsprachigen Texten sind daher Teilnahmevoraussetzungen. Inhaltliche Schwerpunkte sind Handel und Marktintegration im 19. Jahrhundert sowie die Rolle von Finanzsystemen für das Wirtschaftswachstum. Die Übung wird interdisziplinär für Studierende der Wirtschaftswissenschaften und der Geschichte angeboten. Für einen Teilnahmeschein oder 2 LP mit Note sind regelmäßig aktive Mitarbeit und ein Referat oder eine ca. sechsseitige Skizze eines empirischen Projektes nötig.
On request the course may be given in English. The course outline is available in English from the course leader.

Die „Globalisierung“ beginnt in den meisten Köpfen in der frühen Nachkriegszeit. Tatsächlich ist aber schon um die Mitte des 19. Jh. ein deutlicher Aufschwung des internationalen Handels sowie der grenzüberschreitenden Mobilität von Arbeit und Kapital festzustellen. Die Jahre 1850–1913 werden daher gelegentlich als die „Erste Globalisierung“ bezeichnet. Zwischen dieser und der „Zweiten Globalisierung“ liegt eine Periode der De-Globalisierung, die in der Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929–1932 gipfelte. Die Vorlesung behandelt Güterhandel, Finanzströme und Arbeitsmigration seit der ersten Hälfte des 19. Jh. bis ca. 1990. Beschreibung und Analyse der internationalen Wirtschaftsbeziehungen beinhalten u. a. die Rolle von Wechselkursregimen wie z. B. den Goldstandard. Für den Güterhandel und Migration wird die Rolle von Transportinfrastruktur diskutiert sowie relative Faktorpreise. Schließlich werden auch die Folgen internationalen Handels für Wirtschaftswachstum (Konvergenz von Pro-Kopf-Einkommen) und die weltweite Wohlfahrtsverteilung erörtert.