Geschichte(n) in einem „dichten Befund“ – eine multidisziplinäre Untersuchung des ägyptischen Sarges mit Mumie in Münster
Im Archäologischen Museum der Universität Münster befindet sich als Dauerleihgabe ein altägyptischer Sarg mit einer Mumie. Der Sarg ist vermutlich in die späte 21./frühe 22. Dynastie (10. Jh. v. Chr.) zu datieren, der Herstellungsort ist (noch) unbekannt. Die Mumie ist die eines mindestens 30 Jahre alten Mannes und 150–200 Jahre jünger zu datieren – im frühen 1. Jt. v. Chr. war die Wiederverwendung von Särgen gebräuchlich. Eigentümerin des Ensembles ist die Stadt Mülheim an der Ruhr, denn 1903 wurde es vom Kaufmann Wilhelm Schmitz-Scholl dort seiner ehemaligen Schule gestiftet.
Die Forschung zum Münsteraner Konvolut wird anhand von zwei Leitlinien durchgeführt.
Ein Strang liegt in der disziplinären Analyse der vielen Einzelaspekte: Materialanalysen an Sarg und Mumienbinden (Holz, Stuck, Pigmente, Firnis, Textil), Untersuchungen an der Mumie (Balsamierungssubstanzen, Isotopen, humane DNA, Mikrobiologie, Zahnschmelz) sowie Beifunden (Käfer) und nicht zuletzt eine umfassende ägyptologische Bearbeitung unter Einbeziehung der nach der Erstedition veröffentlichten relevanten Werke. Für die einzelnen Aspekte konnten unterschiedliche Kolleginnen und Kollegen gewonnen werden, die jeweils mit ihrer Expertise an das Ensemble herantreten.
Eine zweite Orientierung liegt im diachronen Blickwinkel: Beginnend mit der Herstellung des Sarges, als Werkstück eines Schreiners, der Überarbeitung durch den Stucküberzug und die Farbfassung, über die Nutzung und mögliche Wiederverwendung bis zur Deponierung, schließlich ab dem Fund, über den Kauf durch Wilhelm Schmitz-Scholl, die Schenkung an die Schule, die „Schulzeit“, die Überlassung an das Archäologische Museum bis zur Rezeption durch die Besucher bei Ausstellungen wird das „Leben“ der Objekte nachvollzogen und die Interaktion der jeweiligen Akteure (Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Handwerke, der Trauergemeinschaft, des Antikenhandels, der Schulgemeinschaft, des Museumspublikums und nicht zuletzt der Wissenschaft) versucht zu ergründen.
Das Münsteraner Ensemble ist weder außergewöhnlich noch von besonders hoher Qualität. Doch gerade das macht es interessant für eine umfassende Publikation: in der Regel sind es die ungewöhnlichen oder exquisiten Objekte, die als Einzeluntersuchungen veröffentlicht werden. Auch ein qualitativ mittelmäßiger, auf den ersten Blick uninteressanter Sarg verspricht neue Erkenntnisse. Vor allem aber kann mit diesem durchschnittlichen Ensemble ein altägyptischer Standard vorgestellt werden, der als Referenzwert für andere Konvolute dienen kann.
Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft
