Einfache Wahrheiten, komplexe Zugehörigkeiten

"Christen sagen, wir sind Juden, Juden sagen, wir sind Christen!" Unter diesem Titel hielten Prof. Dr. Dr. h. c. Hubert Wolf und der Münchner Dogmatiker Prof. Dr. Michael Seewald am 14. Oktober 2026 gemeinsam den Festvortrag bei der Leo-Brandt-Veranstaltung, der Jahresfeier der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Es handelt sich um ein Zitat aus einem Brief, den der ungarische Beamte Zoltán Kemény am 5. März 1939 an Papst Pius XII. schrieb. Er bat das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche nachdrücklich, sich für katholisch getaufte Jüdinnen und Juden wie ihn einzusetzen und öffentlich gegen die ungarischen "Rassengesetze" nach deutschem Vorbild zu protestieren.
Wolf und Seewald stellten in dem Vortrag das Akademienprojekt "Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa" vor, in dem rund 10.000 Bittschreiben verfolgter Jüdinnen und Juden an den Vatikan transkribiert und ediert werden. Das Vorhaben wird von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste sowie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften langfristig gefördert. Der Bitte Keménys kam der Papst niemals nach, erklärte Hubert Wolf. Allerdings sei erkennbar, dass der Vatikan in vielen Fällen bemüht war, den sehr unterschiedlichen Bitten um Hilfe nachzukommen.
Das Leitmotiv des Abends war der Begriff "Wahrheit", das Jahresthema der Akademie. Zoltán Kemény benutzte das Wort mehrfach. Für ihn war klar: "Die Doktrinen der Rassen wollen die ewige Wahrheit Christi durchbrechen." Seine Hoffnung war, dass mithilfe des Papstes "über die heidnische Weltanschauung die ewige Wahrheit von Christus, unserem Herrn … triumphiert!"
Kemény nahm Seewald zufolge eine traditionelle theologische Position ein. Die ewige Wahrheit, die sich in der Lehre der katholischen Kirche ausdrücke, werde demnach durch ein "Rassegesetz" unterlaufen, das nicht anerkenne, dass "jeder, der getauft ist, ein Christ ist". Er machte zugleich auf das bemerkenswerte "Geflecht an religiösen, ethnischen und nationalen Zugehörigkeitsformen" aufmerksam, das sich in dem Schreiben erkennen lässt: Kemény sah sich zugleich als Christ, Jude und Ungar.
Wolf und Seewald gingen noch auf zwei weitere Dokumente aus den vatikanischen Archiven ein. Der deutsche Jesuit Franz Hürth erörterte in einem Gutachten, unter welchen Bedingungen Menschen jüdischer Herkunft in Zeiten der Shoah getauft werden durften. "In Todesgefahr genügt für die Zulassung des Erwachsenen zur Taufe eine weniger sorgfältige Vorbereitung und Unterweisung", lautete sein Fazit. In einem Brief der rumänischen Katechetin Georgette Manoli ging es dann konkret um die Taufe einer jungen Frau. Durch eine Konversion zum Katholizismus erhofften sich nicht wenige rumänische Jüdinnen und Juden einen besseren Schutz vor Verfolgung und Deportation.
Leo Brandt, nach dem die Jahresfeier der Akademie benannt ist, war Ingenieurwissenschaftler, SPD-Politiker und ein Pionier der Forschungsförderung in NRW. Im Laufe des Abends wurde auch der mit 10.000 Euro dotierte Karl-Arnold-Preis verliehen. Er ging an den Sozialwissenschaftler Halil Emre Uçar, der in seiner Dissertation an der Universität Bochum die unterschiedlichen Wahrheitsansprüche von zwei Moscheegemeinden untersucht hat. Mitglieder des Jungen Kollegs der Akademie verdeutlichten in einer "Intervention" zudem, dass jede Wissenschaft und auch die Kunst ihre eigenen Mittel und Wege hat, um Wahrheiten zu generieren.
Hubert Wolf und Michael Seewald leiten das Akademienprojekt "Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa" zusammen mit Prof. Dr. Jan vom Brocke, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Münster. Die Bittschreiben aus dem Pontifikat Pius’ XII. sind seit dem 2. März 2020 in den vatikanischen Archiven zugänglich. Ziel des Vorhabens ist es, die Briefe und weitere Dokumente zu transkribieren und in einer Online-Edition zugänglich zu machen, die Lebensgeschichten der Bittstellerinnen und Bittsteller zu recherchieren und zu untersuchen, wie die Entscheidungen im Vatikan getroffen wurden.
