
Alte Texte – neue Perspektiven: Lateinische Bibelforschung in Durham (UK)
Die lateinische Überlieferung der Bibel gehört zu den wirkungsmächtigsten Kapiteln der europäischen Text- und Kulturgeschichte. Diese frühe lateinische Überlieferung ist nicht allein für die Geschichte der Bibelübersetzung von herausragender Bedeutung. Als eigenständige Zeugin der Textgeschichte eröffnet sie zugleich wichtige Einblicke in frühe Formen des biblischen Textes sowie in dessen Rezeption und Weitergabe.
Der Erforschung dieser vielgestaltigen Überlieferung widmete sich eine internationale wissenschaftliche Tagung, die vom 27. bis 28. Juli 2026 im nordenglischen Durham stattfand. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Länder kamen dort zusammen, um aktuelle Fragestellungen und neue Erkenntnisse zur lateinischen Bibelüberlieferung zu diskutieren. Mit Durham war dabei ein Tagungsort gewählt, der selbst in besonderer Weise mit der Geschichte der Bibelauslegung verbunden ist: In der Kathedrale von Durham befindet sich das Grab des Beda Venerabilis (ca. 673–735), eines der bedeutendsten Gelehrten des frühen Mittelalters. Neben seinem historiographischen Werk hinterließ Beda ein umfangreiches exegetisches Œuvre, zu dem auch ein Kommentar zur Johannesapokalypse gehört. Bis heute erinnert damit gerade Durham an die jahrhundertelange Tradition lateinischer Bibelauslegung.
An der Tagung nahm auch Dr. Matthias Geigenfeind von der Professur für Exegese des Neuen Testaments teil. In seinem Vortrag beschäftigte er sich mit der lateinischen Textüberlieferung der neutestamentlichen Johannesapokalypse. Gerade die Apokalypse bietet aufgrund ihrer komplexen und teilweise eigenständigen lateinischen Überlieferung ein besonders aufschlussreiches Untersuchungsfeld. Der Vortrag nahm charakteristische Lesarten und überlieferungsgeschichtliche Besonderheiten der lateinischen Textzeugen in den Blick und fragte nach deren Bedeutung für die Rekonstruktion und Beurteilung der Textgeschichte des letzten Buches des Neuen Testaments.
Geigenfeinds Beitrag zeigte auf, welchen eigenständigen Erkenntniswert die lateinische Überlieferung für die Beurteilung textkritischer Fragestellungen besitzt und in welcher Weise sie mit den Ergebnissen der neuen Editio Critica Maior der Johannesapokalypse (ECM-Apk) ins Gespräch gebracht werden kann. Die Tagung in Durham verdeutlichte damit zugleich, dass die Erforschung der lateinischen Bibelüberlieferung keineswegs allein der Geschichte der lateinischen Bibel gilt. Vielmehr leistet sie einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis jener komplexen Überlieferungsprozesse, durch die die biblischen Texte von der Antike über das Mittelalter bis in die Gegenwart weitergegeben wurden.
Text: Dr. Matthias Geigenfeind
