Herzlich Willkommen auf der Internetseite des Seminars für Kirchengeschichte II (Reformation, neuere und neueste Kirchengeschichte) an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster

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+++ Aktuell +++

Die evangelische Kirche in der DDR
Öffentliche Zeitzeugengespräche

Kirche in der DDR: Das bedeutete Kirche sein in einer Gesellschaft, in der die Ideologie des Marxismus-Leninismus als Staatsdoktrin galt, alternatives Denken unterdrückt wurde und das Absterben der Religion propagiert worden war. Im Alltag existierten zwei Bereiche, in denen die Menschen der doktrinär gesteuerten Meinungsverwaltung ausweichen konnten: einerseits der Freundeskreis und die Familie und anderseits die Kirchen.
Die evangelische Kirche verfügte über Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten, die auf nicht wenige Menschen eine beträchtliche Anziehungskraft ausübten und am Ende sogar die Opposition gegen das Herrschaftssystem der DDR ermöglichten. Gleichwohl hat die Mehrheit der Bevölkerung im Laufe der Jahrzehnte der Kirche den Rücken gekehrt. Dabei spielte es eine wichtige Rolle, dass das Christsein sehr häufig mit schulischen und beruflichen Benachteiligungen verbunden war. Auf diese Weise hat sich in Ostdeutschland der Prozess der Säkularisierung rasant beschleunigt; er dürfte der Situation im Westen des Landes um eine Generation voraus sein.
Das kirchengeschichtliche Hauptseminar „Die evangelische Kirche in der DDR“ behandelt in exemplarischen Momentaufnahmen die Situation der evangelischen Kirche in der DDR, verdeutlicht die wichtigsten Etappen ihrer Geschichte und ihrer Konflikte mit dem Staat und vermittelt Einblicke in das kirchliche Leben unter den Bedingungen einer atheistisch definierten und repressiv verwalteten Gesellschaft.

In diesem Rahmen sind öffentliche Zeitzeugengespräche vorgesehen, zu denen alle Interessierten herzlich eingeladen sind.
Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die die friedliche Revolution von 1989 maßgeblich mitgestaltet haben, werden aus eigenem Erleben berichten.

Montag, 30. November 2020
18 Uhr c.t.
Prof. Dr. Dr. h.c. Wolf Krötke (Berlin)
Moderation: Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Beintker

Wolf Krötke gilt als einer der bedeutendsten Systematischen Theologen der Gegenwart. Er hat Generationen von Studierenden geprägt – in den Jahren von 1973 bis 1991 am Sprachenkonvikt in Ost-Berlin, von 1991 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2004 an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität, an deren Erneuerung er maßgeblich beteiligt war. Danach hat er intensiv weitergeforscht und gelehrt. Aus der Auseinandersetzung mit dem Atheismus, dem weltanschaulichen Oberdogma der DDR, erwuchs ihm die theologische Leitfrage, wie Kirche und Theologie in der Situation der „Gottesvergessenheit“ dem befreienden Ereignis des Kommens Gottes Aufmerksamkeit verschaffen können. Wolf Krötkes wichtigstes Buch trägt den Titel „Gottes Klarheiten“ (2001) und gilt einem neuen und vertieften Verstehen der Lehre von den Eigenschaften Gottes.

Das Gespräch findet als Zoom-Meeting statt:
https://wwu.zoom.us/j/93192620403

Meeting-ID: 931 9262 0403
Kenncode: 212720

Montag, 11. Januar 2021
18 Uhr c.t.
Susanne Kschenka (Potsdam/Berlin)
Moderation: Martha Nooke

Susanne Kschenka, geb. Seils, stammt aus einer Theologenfamilie und wuchs in Naumburg/Saale auf. Ihre „Demokratieschule“ erlebte sie in der völligen Parallelwelt der Jungen Gemeinde, des Jugendkonvents und der Synodaltätigkeit in der Kirchenprovinz Sachsen. Sie studierte in Leipzig Wirtschaftsrecht auf einem der „Kirchenplätze“, die zwischen Staat und Kirche ausgehandelt wurden. Während ihres Studiums beschäftigte sie sich mit verfassungs- und verwaltungsrechtlichen Fragen, aus denen nachhaltige Überlegungen zu einer notwendigen Reform des Wahlrechts entstanden, die 1989/90 in ihren Entwurf eines Wahlgesetzes für die erste frei gewählte Volkskammer eingingen. Nach dem Studium war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Konsistorium der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. In dieser Zeit begleitete Kschenka für verschiedene Basisgruppen den Konziliaren Prozess „Gerechtigkeit Frieden, Bewahrung der Schöpfung“.
Mit 25 Jahren zog Kschenka 1990 als eine der jüngsten Abgeordneten über die Liste der SPD in die erste frei gewählte Volkskammer ein. Als stellv. Geschäftsführerin der SPD-Fraktion und Mitglied des Präsidiums der Volkskammer erarbeitete sie nach kirchlichem Vorbild maßgeblich die Geschäftsordnung der Volkskammer.
Kschenka absolvierte nach der Wiedervereinigung das 2. juristische Staatsexamen und arbeitete in der Jugendbildung und in der Beratung gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Seit 2018 ist Kschenka Referentin für politisch-historische Erwachsenenbildung und Stellvertreterin der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur.

Das Gespräch findet als Zoom-Meeting statt:
https://wwu.zoom.us/j/93192620403

Meeting-ID: 931 9262 0403
Kenncode: 212720

Montag, 25. Januar 2021
14 Uhr c.t.
Stephan Bickhardt (Dresden/Leipzig)
Moderation: Martha Nooke

Der evangelische Pfarrer Stephan Bickhardt zählt zu den wichtigsten Akteuren der Friedlichen Revolution. Aufgewachsen in einem Dresdner Pfarrhaus kam er durch seine Eltern früh in Kontakt mit regimekritischen Einstellungen. Seit Mitte der 1980er Jahre gehörte er zur Bürgerrechtsbewegung in der DDR, an deren Entstehen er großen Anteil hatte.
Während des Theologiestudiums, anschließender Tätigkeit in der Geschäftsstelle der Evangelischen Studierendengemeinden in der DDR und während des Vikariates veranstaltete Bickhardt 1983 bis 1989 in seiner Berliner Wohnung zusammen mit Ludwig Mehlhorn Lesungen von kritischen Autorinnen und Autoren. Das politische Engagement verdichtete sich in der Zugehörigkeit zu zahlreichen oppositionellen Gruppen, wobei ihm an der Verbindung von Basiskirche, unabhängiger Kulturszene und oppositionellen Gruppen gelegen war. Bickhardt wirkte ab 1986 in der Initiative Frieden und Menschenrechte, war Mitglied der Aktion Sühnezeichen und Mitinitiator des Synodalantrags „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“, aus dem die Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ entstand. Bickhardt spielte eine zentrale Rolle bei der Herstellung und Verbreitung von Samisdat-Literatur. 1986 gründete er einen illegalen Untergrundverlag, der die „radix-Blätter“ mit kritischem Inhalt herausgab.
Für sein Engagement im Rahmen der Friedlichen Revolution wurde Bickhardt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seit 2019 ist Bickhardt Leiter der Evangelischen Akademie Dresden.

Die Zeitzeugengespräche finden im Rahmen des kirchengeschichtlichen Hauptseminar „Die evangelische Kirche in der DDR“ statt und sind öffentlich. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Ansprechpartner: Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Beintker (beintke@uni-muenster.de) und Martha Nooke (martha.nooke@uni-muenster.de).