Ziele

Die Nachwuchsgruppe hat zum Ziel, durch den innovativen Ansatz der multidisziplinären Zusammenführung von Nahost- und Übersetzungswissenschaft sowie material philology umfassende Einsichten in arabisch-persisch-türkische Übersetzungsprozesse im östlichen Mittelmeerraum (ca. 1400 bis 1750) zu gewinnen. Diese sollen unter Einbeziehung des späten Mamlukenreiches und anatolischer Fürstentümer (beyliks) vor dem Hintergrund der Ausgestaltung des Osmanischen Reiches als Imperium analysiert werden. Im Fokus stehen hierbei jeweils die konkrete geografische, soziokulturelle und politische Verortung von Übersetzungen sowie deren Bezug zu langfristigen Prozessen konfessioneller Polarisierung. Alle Teilprojekte stellen Fragen zu folgenden vier Hauptaspekten an das jeweilige Quellenkorpus:

  1. Mit welchen Konzepten und Begrifflichkeiten von Übersetzung operierten die beteiligten Akteure in Übertragungen eines Werkes aus einer der drei genannten Sprachen in eine andere (und v.a. aus dem Arabischen und Persischen ins Osmanisch-Türkische)? Wie zeigt sich das jeweilige Übersetzungsverständnis in Einleitung, Haupttext oder Nachwort bzw. in kodikologischen und paratextuellen Spezifika, die mit der Anfertigung einer Handschrift (des Originals oder einer Kopie) verbunden waren? Die Beantwortung dieser Fragen soll zu einer kritischen Neubewertung von in der Forschung mit dem Begriff der Übersetzung verbundenen Termini beitragen (tarǧama/terceme/tercüme). Hierzu gehört, Verbindungen zu weiteren Begriffen eines größeren semantischen Feldes aufzuzeigen (etwa talḫīṣ/ḫulāṣa, Kurzfassung), wodurch die eigentliche Dimension von Übersetzungsprozessen erst adäquat erfasst werden kann.

  2. Welche Akteure waren an Übersetzungen von Werken und ihrer Überlieferung beteiligt und welche Rolle nahmen sie genau ein? Wer waren Auftraggeber und Leserschaft von (Abschriften) einer Übersetzung und welche regionalen und soziokulturellen Unterschiede lassen sich in diachroner Perspektive feststellen? Hierzu werden nicht nur Nutzungskontexte sozialer Gruppen in den Blick genommen (höfisches Milieu, städtische Notabeln, Sufibruderschaften), sondern auch konfessionelle Unterschiede wie etwa die Frage nach sunnitisch-schiitischen Tendenzen in Übersetzungsvorgängen und der generellen Teilhabe von Frauen als Übersetzerinnen und Leserinnen in einem männlich dominierten Bereich behandelt.
  3. Was ist die Beziehung zwischen Original und Übersetzung? Wird die Struktur beibehalten oder kommt es zu inhaltlich begründeten Veränderungen („Adaption“, „Manipulation“) bei Kapiteleinteilung und Text? Gibt es wiederkehrende Muster, die sich auf bestimmte Orte/Regionen und Epochen sowie Genres zurückführen lassen? Bei diesen Fragen steht die zeit- und ortsgebundene Bedeutung einer Übersetzung für die Textgeschichte eines Werkes und die Entwicklung eines Literaturgenres in seinen intertextuellen Beziehungen im Vordergrund.

  4. Wie erfolgte die visuelle Organisation von Mehrsprachigkeit (Format und Layout), die u.a. Aufschluss über regionale Konventionen von (Lese-)Ästhetik gibt? Wie kommen in einer Übersetzung ins Osmanisch-Türkische im Vergleich mit dem arabisch- oder persischsprachigen Original mehrsprachige Teile im Hinblick auf die Farbe der Tinte oder Illuminationen und Illustrationen zum Ausdruck? Gab es für spezifische Genres eine standardisierte Formen- und Bildsprache, innerhalb derer sich Entwicklungen ausmachen lassen? Hierbei stehen Fragen nach der Materialität von Übersetzungen im Fokus, die von großer Wichtigkeit sind und ohne die die Aussagen zu den oben genannten Kategorien unvollständig blieben.