
„Der größte Forschungsverbund dieser Art“
Sprecher Prof. Dr. Gerd Althoff über Ziele des Exzellenzclusters „Religion und Politik“
Herr Professor Althoff, was ist ein Exzellenzcluster?
Es handelt sich um einen Forschungsverbund von Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen. Bund und Länder finanzieren ihn im Rahmen der Exzellenzinitiative, einem Programm zur Förderung der Spitzenforschung in Deutschland. In Münster haben sich 25 Professoren zusammengeschlossen, um gemeinsam über das komplexe Verhältnis von Politik und Religion zu forschen. Inzwischen haben wir 5 zusätzliche Professuren und zahlreiche Stellen für Nachwuchsforscher geschaffen. Insgesamt sind 150 Wissenschaftler am Werk. Wir sind damit Deutschlands größter Forschungsverbund dieser Art und wollen zur ersten Adresse für Fragen über Religion und Politik werden.
Wie sieht die finanzielle Ausstattung aus?
Der Bund gibt uns 7 Millionen Euro pro Jahr. Das ist zunächst auf 5 Jahre bis 2012 angelegt. Bundesweit existieren 37 weitere Exzellenzcluster, wenige im Bereich der Geisteswissenschaften. Davon sind wir der einzige zum Thema Religionen.
Worum geht es beim Thema „Religion und Politik“?
Das Verhältnis von Religion und Politik existiert in allen Kulturen und Epochen als Problem. Wir behandeln damit eins der grundlegenden Themen der Geisteswissenschaften. Die eine Kraft versuchte immer wieder die andere zu beherrschen. Die Politik dominierte die Religion in Königreichen oder Diktaturen. Umgekehrt bestimmte die Religion die Politik in Gottesstaaten wie heute zum Teil in der islamischen Welt. Auch gab es immer wieder Versuche, Staat und Kirche zu trennen – oft mit Verwerfungen.
Geht es im Exzellenzcluster nur um Geschichte oder auch um die Gegenwart?
Wir erforschen das Thema von der Antike über das Mittelalter bis heute. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit kann ja Antworten auf dringende aktuelle Fragen geben. In allen Epochen vollzogen sich religiöse und politische Prozesse, die mit der Gegenwart zu vergleichen sind. Unser Ziel ist es, sowohl Grundlagenforschung zu betreiben als auch mit der Öffentlichkeit ins Gespräch über aktuelle Probleme zu kommen – etwa über Gewalt und Religion, über Christen und Muslime, über Bioethik und Religion oder über die Wiederkehr der Religionen in der internationalen Politik. Wir wollen den Elfenbeinturm der Wissenschaft verlassen und mit Vertretern aus Medien, Politik, Religionsgemeinschaften, Kultur und Gesellschaft sprechen. So war Ex-Außenminister Joschka Fischer im Exzellenzcluster, um die Möglichkeiten eines Friedens zwischen Israelis und Palästinensern auszuloten.
Welche Fachrichtungen sind im Exzellenzcluster vertreten?
In den rund 100 Forschungsprojekten sind Historiker, Juristen, katholische und evangelische Theologen stark vertreten. Außerdem forschen bei uns Islam- und Literaturwissenschaftler, Judaisten, Religionssoziologen, Politologen, Ethnologen und auch Musikwissenschaftler. In einem Fächerverbund lassen sich die Themen aspektreicher und genauer erfassen, als es eine Einzelperson könnte. Wir arbeiten dabei bewusst über die Grenzen zwischen den Disziplinen und Epochen hinweg. Die Untersuchungen teilen sich in vier thematische Säulen auf: Normativität, Inszenierung, Integrative Verfahren und Gewalt.
Können Sie dafür Beispiele nennen?
In der Säule „Gewalt“ geht es etwa um die Rechtfertigung von Gewalttätigkeiten im Namen der Religion: Was heute zum Teil im Islam passiert, gab es in früheren Jahrhunderten auch im Christentum. Die Säule „Normativität“ behandelt kirchliche Dogmen oder auch die Begründung von Normen in pluralistischen Staaten. Bei „Integrativen Verfahren“ geht es um die Frage, wie Gesellschaften mit einer Vielfalt an Religionen umgehen und wie viel Pluralisierung eine Religion verträgt. Die Wahrheitsansprüche unterschiedlicher Religionen können ja kollidieren. Schließlich untersucht die Säule „Inszenierung“, wie politische und religiöse Rituale funktionieren: Dafür gibt es viele Beispiele aus vormodernen Zeiten, etwa beim Amtswechsel von Königen und Päpsten oder im Alltagsleben. Auch heute werden zahlreiche solcher Rituale angewendet. Sie sind den meisten Menschen nur nicht bewusst. Auch hier gilt: Das Wissen über die Vergangenheit kann helfen, die Gegenwart besser zu verstehen.
Hinweis: Näheres unter www.religion-und-politik.de
