„Politischer Islamismus und autoritärer Nationalismus"

Tagung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ in Kooperation mit dem Bundesinnenministerium am 29. und 30.11.2023 in Münster

Plakat zur Tagung "Politischer Islamismus und autoritärer Nationalismus"

Seit den 1990er Jahren hat sich die wissenschaftliche Perspektive auf den Islamismus durch den Aufstieg von al-Qaʿida und den Ereignissen des 11. Septembers hin zur Sicherheitspolitik verschoben. Dies führte dazu, dass der nicht gewalttätige politische Islamismus übersehen wurde. Aktuelle Forschungen konzentrieren sich jedoch wieder auf den legalistischen Islamismus und die subtilen Methoden, mit denen er die demokratische Ordnung herausfordert. Es gibt auch eine wachsende Auseinandersetzung mit dem Einfluss ausländischer Regierungen und der Verschmelzung von Islamismus und Nationalismus. Trotz der Annahme, dass sie getrennte Phänomene sind, zeigen sich Überschneidungen. Diese Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die moderne Gesellschaft werden im Mittelpunkt der Tagung stehen. (exc/pie)

Organisation: Exzellenzcluster „Religion und Politik“ und Forschungsstelle „Islam & Politik" am Zentrum für Islamische Theologie
Prof. Mouhanad Khorchide, PD Dr. Sarah Demmrich, PD Dr. Evelyn Bokler-Völkel, Abdulkerim Şenel, M.Ed.

Anmeldung unter islam.politik@uni-muenster.de  bis zum 15. November 2023

29. November – Erster Tag
Ab 12:00 Uhr Anreise und Registrierung
Stehbuffet im Foyer des Schlosses
14:00–14:30 Uhr

Eröffnung
Prof. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und der Forschungsstelle Islam & Politik, Universität Münster

14:30–16:00 Uhr

Islamism and Nationalism: How Did Old Enemies Become New Allies?
Keynote von Prof. Ahmet T. Kuru, San Diego State University

16:00–16:30 Uhr

Kaffeepause im Foyer des Schlosses

Science-in-Progress-Session

Unterstützung für autoritäre Herrschaft und religiöser Fundamentalismus unter muslimischen und christlichen Migranten in Deutschland: Unterschiedliche Muster der Akkulturation
Dario Portong, M.A., Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Ende eines Sonderfalls: Die Partei der islamischen Wiedergeburt in der Politik Tadschikistans
Ibrahim Mirzayev, M.A.,  Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Präventionsstrukturen gegen auslandsbezogenen Extremismus (PrävAEX): Beratungsarbeit zwischen Islamismus und Nationalismus
Dr. Alina Neitzert, Nelia Miguel Müller, M.A., Alexandra Wielopolski-Kasaku, M.A., BAMF Forschungszentrum

16:30–18:00 Uhr

Panel I:

Türkischer Rechtsextremismus in Deutschland und seine Verflechtungen zur Türkisch-Islamischen Synthese
Prof. Kemal Bozay, IU Internationale Hochschule Köln

Antisemitismus unter Muslim*innen: Sozialisationserfahrung in arabischen Gesellschaften, herkunftsübergreifendes Feindbild des islamischen Fundamentalismus oder nationalistisch-religiöse Symbiose?
Prof. Gert Pickel, Universität Leipzig, Cemal Öztürk, M.A., Universität Duisburg-Essen

Islamismus und Nationalismus - eine widersprüchliche Synthese? Eine ideengeschichtliche Betrachtung
PD Dr. Evelyn Bokler-Völkel, Universität Münster

18:15–19:45 Uhr

Öffentliche Diskussion: Antisemitismus, Nationalismus, Islamismus –  eine Verhältnisbestimmung?
Claudia Dantschke, Hayat-Deutschland und Grüner Vogel e.V.
Kenan D. Güngör, think.difference, Wien
Volker Beck, Tikvah Institut gUG
Prof. Peter Wetzels, Universität Hamburg

Moderation: Prof. Mouhanad Khorchide und PD Dr. Sarah Demmrich

Ab 19:45 Uhr Empfang im Archäologischen Museum der Universität Münster

 

30. November – Zweiter Tag
09:00–10:30 Uhr

Panel II:
Türkei:
Wenn sich Fundamentalisten privilegiert fühlen: Wie nationalistisch-islamistische Parteipolitik die Türkei polarisiert – und wie Polarisierung reduziert werden kann

PD Dr. Sarah Demmrich, Universität Münster & Assoc. Prof. Paul H. P. Hanel, Universität Essex (UK)

Marokko:
Umkämpfte Religion: Religiöse Überbietungskämpfe im Feld des Islam am Beispiel Marokkos
Dr. Youssef Dennaoui RWTH Aachen

Jemen:
"Glaube ist jemenitisch“: Die Huthi-Bewegung und das Propagieren einer neuen nationalen Identität im Jemen

Alexander Weissenburger, M.A., Österreichische Akademie der Wissenschaften

10:30–10:45 Uhr Kaffeepause im Foyer des Schlosses

10:45–12:15 Uhr

Panel III:

The Muslim Brotherhood in Germany: Religion, Politics and Business
Dr. Lorenzo G. Vidino, The George Washington University

Von Herkunft zu Überzeugung: Europas Muslime im Spannungsfeld von Nationalismus und Politischem Islamismus
Dr. Eylem Kanol, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Rechtspopulistisches und islamistisches Gedankengut – eine ideelle Herausforderung für die demokratische muslimische Zivilgesellschaft
Ass. iur. Waqar Tariq, Liberal-Islamischer Bund e.V.

12:30 Uhr Mittagessen im Foyer des Schlosses
14:00 Uhr Ende der Tagung

 

Abstracts zu den Vorträgen

Prof. Ahmet T. Kuru, Professor of Political Science
Director, Center for Islamic & Arabic Studies San Diego State University

Islamism and Nationalism: How Did Old Enemies Become New Allies?

From the foundation of the Turkish Republic (1923) to the Iranian Revolution (1979), there occurred a major struggle between Islamists and secular nationalists in most Muslim-majority countries. In the last four decades, however, we have observed the emergence of an alliance between Islamists and nationalists in almost all of these countries. What explains this transformation? Ahmet Kuru’s presentation will answer this question in two parts. The first part will examine the changing conditions within the Muslim world, including the partnership between Islamists and nationalists driven by their common opposition to Western imperialism and liberal values. The second part will analyze how this transformation aligns with a global trend; it will explore why the partnership between religious conservatives and nationalists has recently become a pervasive phenomenon worldwide.

 

Dario Portong, M.A.

Unterstützung für autoritäre Herrschaft und religiöser Fundamentalismus unter muslimischen und christlichen Migranten in Deutschland: Unterschiedliche Muster der Akkulturation?

Seit Jahren besteht eine lebhafte wissenschaftliche und öffentliche Debatte über die Auswirkungen von Migration und Integration auf den sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Ein Schwerpunkt in dieser Debatte sind die liberal-demokratischen Einstellungen von muslimischen Einwanderern und ihrer Nachkommen. Vor diesem Hintergrund habe ich für ein Kapitel meiner Dissertation untersucht, inwieweit Muslime ausländischer Herkunft im Vergleich zu Christen ausländischer Herkunft und christlichen Einheimischen eine politisch-religiöse, autoritäre normative Ordnung unterstützen – bezüglich Herrschaftsform und Normen. Ich habe zudem analysiert, wie die Akkulturation verläuft und ob religiöser Fundamentalismus dazu beiträgt, die Unterschiede zwischen den Gruppen zu erklären. Meine Forschungsarbeit basiert auf einer quantitativen Querschnittsanalyse der Religious Fundamentalism and Radicalization Umfrage in Deutschland, die ich mithilfe multivariater Regressionsmodelle analysiert habe.

Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass Muslime und Christen ausländischer Herkunft sowohl politisch-religiöse Herrscher als auch allgemein autoritäre „starke Führer“ im Durchschnitt stärker unterstützen als einheimische Christen – sowohl in der ersten als auch zweiten Einwanderergeneration. Was die Unterstützung politisch-religiöser Normen bezüglich sexueller Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit angeht, so neigen Muslime ausländischer Herkunft dazu, diese Normen stärker zu unterstützen als Christen ausländischer Herkunft und deutlich stärker als einheimische Christen. Die Regressionsanalysen widerlegen jedoch essentialistische Erklärungen, die auf eine inhärente Unvereinbarkeit zwischen „dem Islam“ und der „westlichen“ liberalen Demokratie hinweisen. Stattdessen ist der religiöse Fundamentalismus der bei weitem wichtigste Prädiktor. Wenn man für religiösen Fundamentalismus kontrolliert, hat das Bekenntnis zum Islam keine statistisch signifikanten Effekte. Das gleiche gilt für die deutsche Staatsangehörigkeit und die Erfahrung von Diskriminierung. Individuelles religiöses Verhalten hat nur einen geringen, statistisch signifikanten positiven Effekt bezüglich der Unterstützung der politisch-religiösen Normen.

Diese Ergebnisse zeigen die Herausforderungen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung aufgrund des relativ stark verbreiteten religiösen Fundamentalismus unter bestimmten Einwanderergruppen und deren Nachkommen – aber auch die potenziellen Vorteile der Unterstützung liberal-säkularer Interpretationen von Religionen.

 

Ibrahim Mirzayev, M.A., Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Ende eines Sonderfalls: Die Partei der islamischen Wiedergeburt in der Politik Tadschikistans

Für mehrere Jahrzehnte war die “Partei der islamischen Wiedergeburt” ein Sonderfall: Die Partei entstand in einer ehemaligen Sowjetrepublik, wo offene Auslebung der Religion jahrzehntelang konsequent unterdrückt und verfolgt wurde. Die Partei trug wesentlich zur Stabilisierung des Friedens nach dem Bürgerkrieg und blieb mehrere Jahre die einzige legale oppositionelle Partei in einem autoritären Umfeld. Das Verbot der Partei im Jahr 2015 war eine Zäsur im politischen Leben Tadschikistans, die die endgültige Wendung zum Autoritarismus und Verfestigung der Macht des Präsidenten Rahmon segnete.

Die “Partei der islamischen Wiedergeburt” ist ein einzigartiges Phänomen, denn in der Regel enden die Konflikte, insbesondre zwischen islamistischen Kräften auf der einen und den säkulären Regimen auf der anderen Seite, mit einem eindeutigen Sieg von einer der Partei, wie die jüngste Machtergreifung von Taliban in Afghanistan oder der Bürgerkrieg in Algerien zeigen. Im Falle Tadschikistans zeigten die beiden Seiten die Bereitschaft, einen für alle Seiten akzeptablen Frieden zu schließen. In den daraufkommenden Jahren waren sowohl die Regierung als auch die ehemalige islamistische Opposition bereit, sich an die “Spielregeln” zu halten. Der Vortrag wird sich auf die Entstehung dieser Zusammenarbeit konzentrieren und erklären, welche Faktoren zur Schwächung der Partei im öffentlichen Leben Tadschikistans beitrugen, die dann im endgültigen Verbot der Partei mündeten.

 

Dr. Alina Neitzert, wissenschaftliche Mitarbeiterin, BAMF Forschungszentrum
Nelia Miguel Müller, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin, BAMF Forschungszentrum
Alexandra Wielopolski-Kasaku, M.A., Sachbearbeiterin, BAMF Forschungszentrum

Präventionsstrukturen gegen auslandsbezogenen Extremismus (PrävAEX): Beratungsarbeit zwischen Islamismus und Nationalismus

Das Forschungsprojekt des Forschungszentrums Migration, Integration und Asyl im Bundes-amt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beschäftigt sich mit den Präventionsstrukturen ge-gen auslandsbezogenen Extremismus (AEX) in Deutschland. Der AEX in Deutschland um-fasst verschiedene ideologische Ausrichtungen von Linksextremismus über Rechtsextremis-mus bis hin zu religiös motiviertem Extremismus, verbunden mit einer auf einen ausländi-schen Staat gerichteten Zielsetzung. Diese Heterogenität spiegelt sich auch in der Präventi-onslandschaft zu diesem Phänomenbereich wider.

Aus diesem Grund betrifft eine zentrale Fragestellung des Forschungsvorhabens die Anglie-derung der Präventionsarbeit im Bereich AEX innerhalb der bestehenden Präventionsland-schaft. Dabei sind insbesondere eventuelle Überschneidungen von Islamismus und Nationa-lismus im Bereich der türkisch-ultranationalistischen Grauen Wölfe von Relevanz. Die Prä-ventionsarbeit wird zum Teil bei Beratungsstellen gegen Islamismus, zum Teil bei solchen gegen Rechtsextremismus, in anderen Bundesländern gemeinsam mit einem Programm ge-gen Linksextremismus oder an einer phänomenübergreifend tätigen Stelle angesiedelt.

Das Ziel des Forschungsprojekts ist es daher, Erkenntnisse zu gewinnen, um den Aufbau von Präventionsstrukturen gegen AEX in Deutschland zu unterstützen. Dafür wird zunächst eine Bestandsaufnahme der bestehenden Präventionsangebote in diesem Bereich durchge-führt. Das Projekt erfasst auch bisherige Erfahrungen aus der Beratungsarbeit gegen AEX, um Informationsbedarfe der Beratenden und Hürden in der Beratungsarbeit zu identifizieren. Basierend auf diesen Erkenntnissen sollen Empfehlungen für eine effektive Prävention im Bereich AEX formuliert werden. Es handelt sich um ein laufendes Forschungsprojekt, aus dem erste Erkenntnisse präsentiert werden.

 

Prof. Kemal Bozay, IU Internationale Hochschule Köln, Mitglied im Zentrum für Radikalisierungsforschung und Prävention an der IU

Rechtsextremismus, Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus sind in der postmigrantischen Gesellschaft sehr verbreitete und bekannte Phänomene. Derartige menschenverachtende, ungleichwertige und demokratiefeindliche Einstellungen finden sich jetzt nicht nur unter Menschen der dominanten Mehrheitsgesellschaft, sondern haben auch Verbreitung unter der migrantisierten Milieus. In diesem Zusammenhang ist die rechtsextreme Bewegung der türkischen Grauen Wölfe von besonderer Relevanz, da sie sich ideologisch durch Antisemitismus, Rassismus und eine feindliche Einstellung gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten auszeichnet. Eine bedeutende Schnittstelle des türkischen Rechtsextremismus liegt vermehrt im Bereich des Islam und des Islamismus, insbesondere im Kontext der sogenannten Türkischen Islamischen Synthese. In diesem Panel wird daher Kemal Bozay auf die Thematik des türkischen Rechtsextremismus und dessen Auswirkungen in Deutschland eingehen. Darüber hinaus wird er die Verflechtungen zwischen dem türkischen Rechtsextremismus und dem Islamismus näher beleuchten.

 

Cemal Öztürk, M.A. & Prof. Gert Pickel

Antisemitismus unter Muslim*innen: Sozialisationserfahrung in arabischen Gesellschaften, herkunftsübergreifendes Feindbild des islamischen Fundamentalismus oder nationalistisch-religiöse Symbiose?

Ob antisemitische Parolen und Sympathiebekundungen für Terrororganisationen auf anti-israelischen Demonstrationen oder Angriffe auf Jüd*innen und ihre Gotteshäuser – es gibt genügend Gründe für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Antisemitismus unter Muslim*innen. Dass es sich bei dieser Fokussierung nicht um eine Hermeneutik des Verdachts handelt, legen verschiedene Umfrageprojekte nahe: Die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen fällt unter Muslim*innen im konfessionellen Vergleich eindeutig akzentuierter aus. Umstritten ist jedoch, welche Rolle dem Faktor der Religion für diese Feindbildkonstruktion zukommt. Dies lässt sich bereits an den Adjektiven ablesen, mit denen entsprechende Artikulationsformen des Antisemitismus in der Forschung beschrieben werden. Während mit dem „arabischen Antisemitismus“ die Rolle von säkularen Ideologien wie dem (pan-)arabischen Nationalismus hervorgehoben wird, verweist der Begriff des „islamisierten Antisemitismus“ auf die zentrale Rolle des Islamismus. An diesem strittigen Punkt setzt unser Beitrag an und untersucht auf Basis empirischer Umfragedaten, ob die Empfänglichkeit für antisemitische Ressentiments unter Muslim*innen eher der Sozialisation in arabischen Herkunftsgesellschaften entspringt, ob es sich um ein geteiltes Feindbild von Muslim*innen handelt, die ihre Religion fundamentalistisch auslegen oder ob nationalistisch-autoritäres Denken sich mit radikal-religiösen Vorstellungen verbindet?

Auswertungen einer Spezialstichprobe unter Muslim*innen, die im Rahmen des RIRAProjektes entstanden ist, legen nahe, dass die Herkunft bzw. Sozialisationserfahrungen in arabischen Gesellschaften nur eine begrenzte Erklärungskraft besitzen. Zwar fällt die Empfänglichkeit für den Antisemitismus unter arabischen Befragten etwas stärker aus, als unter Muslim*innen, die in Deutschland oder anderen mehrheitlich-islamischen Gesellschaften geboren wurden - doch kommt es unter Kontrolle des religiösen Fundamentalismus zu einer klaren Nivellierung dieser Einstellungsunterschiede. Der religiöse Fundamentalismus liefert nicht nur die konsistenteste Erklärung für verschiedene Formen des Antisemitismus, sondern besitzt auch unter der Mitberücksichtigung von bewährten Erklärungen aus der Sozialpsychologie (u. a. soziale Dominanzorientierungen und Autoritarismus) und soziodemographischen Aspekten (u. a. Bildung und Alter) einen deutlichen Erklärungsmehrwert für antisemitische Einstellungsmuster. Für die Formation von antisemitischen Ressentiments unter Muslim*innen spielen religiöse Begründungszusammenhänge somit eine zentrale Rolle – oder zumindest eine wichtigere als dies der Stand der Forschung suggeriert. Diese Wirkung ist unter Bedingungen einer Verbindung nationalistischer und religiöser Interessen stärker ausgeprägt als in einer primär demokratischen Umgebung. Dies zeigt ein ergänzender Vergleich zwischen Daten des Bertelsmann Religionsmonitors 2017 in Deutschland und der Türkei. Somit kann von einer Verbindung von Religion und Nation(alismus) ausgegangen werden, der sich spezifisch in der Ablehnung und Abwertung von Jüd*innen äußern kann.

 

PD Dr. Evelyn Bokler-Völkel, Universität Münster

Politischer Islamismus und autoritärer Nationalismus – eine paradoxe Synthese?!

Herrschaft will gerechtfertigt sein. Wenn normative Ordnungen nach ihrer machtpolitischen Umsetzung streben, rückt für die zu beherrschende Bevölkerung das Legitimationsnarrativ der (zukünftigen) Machthaber in den Vordergrund: Wieso sollte dieses politische System umgesetzt werden und warum das damit notwendigerweise einhergehende Machtmonopol in den Händen dieser Machthaber liegen? Zur maximalen Rechtfertigung wird von Machthaberseite meist im Namen höherer Werte argumentiert. Diese habe der zukünftige Staat zu schützen. Eine Sakralisierung bzw. Absolutsetzung der neuentstehenden politischen Gemeinschaft ist dabei ein Phänomen, das häufig in der Geschichte – zeit- und kulturübergreifend – zu beobachten ist.

Und obgleich es in der westlichen Moderne durch Säkularisierungsprozesse zu einem erheblichen Transzendenzverlust gekommen ist, bewegen sich Weltanschauungen wie der Nationalismus weiterhin in einem religionsähnlichen Begründungsrahmen: Die eigene Nation sei zu Besserem auserwählt und in ihrem Namen, zu ihrem Wohle müsse geherrscht werden. Das Volk oder gar die Rasse erfahren durch diese Sakralisierung trotz ihrer eigentlichen Immanenz eine erhebliche Transzendierung. Gott als Absolutum ist allerdings nicht mehr nötig.

Der Islamismus wiederum, der eine geschlossene politische Gesellschaftsordnung im Namen seines Islamverständnisses fordert, weist hinsichtlich des autoritären Aspekts womöglich ein ähnliches Denkmuster auf. Dieses ist geprägt von einem harschen Freund-Feind-Dualismus. Er sucht „den Anderen“ als verderblich für die gewünschte homogene und einzig wahre Gemeinschaft auszugrenzen – wie der autoritäre Nationalismus. Nur eben ausdrücklich im Namen Gottes.

Im Kontext von Nationalismus und Islamismus erkennen wir in jüngster Zeit eine erstaunliche Amalgamierung dieser beiden ideengeschichtlichen Strömungen. Stoßen wir womöglich in der islamistisch-heilsgeschichtlichen Aufladung der Nation auf neopagane Muster? Ein Beispiel wäre der Neo-Osmanismus, der primär ethnisch argumentiert, obwohl er im Namen der Weltreligion Islam spricht. Denn bedeutet diese ethnische Fixierung nicht islamgeschichtlich einen Rückschritt in pagane Zeiten, in denen der Stamm oder die eigene Ethnie über die soziopolitische Zugehörigkeit sowie den Wert des Menschen an sich entschied? Sakralisierte Größen wie bestimmte Ethnien spielen im Koran ausdrücklich keine Rolle. Vielmehr steht die menschheitsumfassende Umma im Mittelpunkt der religiösen Verkündigungen. Und am Tag des Jüngsten Gerichts zählen die Taten des Einzelnen und nicht seine Zugehörigkeit zu einem per se guten Kollektiv.

Wie also kann es zu einer ideengeschichtlichen Synthese dieser beiden an sich widersprüchlichen politischen Ordnungsvorstellungen kommen? Und was könnte der machtpolitische Zweck einer Verbindung aus Islamismus und Nationalismus zur Herrschaftsabsicherung einer Autokratie bedeuten? Der Vortrag geht diesen Fragen aus grundsätzlich-theoretischer Perspektive nach und versucht so den Zusammenhang der beiden zunächst gegensätzlichen Strömungen Islamismus und Nationalismus in ihrer Tiefe zu ergründen.

 

PD Dr. Sarah Demmrich, Universität Münster
Assoc. Prof. Dr. Paul H. P. Hanel, University of Essex, UK

Wenn sich Fundamentalisten privilegiert fühlen: Wie nationalistisch-islamistische Parteipolitik die Türkei polarisiert – und wie Polarisierung reduziert werden kann

Die Reaktivitätshypothese besagt, dass Menschen, die sich privilegierter fühlen oder tatsächlich privilegierter sind, tendenziell weniger religiös fundamentalistisch sind und sich auch seltener weiter radikalisieren. In der vorliegenden Studie haben wir jedoch vorhergesagt, dass diese Verbindung umgekehrt sein könnte, wenn politische Führer wie Regierungen (religiösen) Fundamentalismus fördern, indem sie die Gesellschaft polarisieren. Anhand der Türkei als Beispiel fanden wir Unterstützung für unsere Hypothese in einer muslimischen Stichprobe von 2021 (N = 736), welche repräsentativ für Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, ethnische Zugehörigkeiten und Urbanität war: Personen, die sich privilegierter fühlen - also weniger benachteiligt -, waren fundamentalistischer, selbst nach Kontrolle einer Reihe von anderen Variablen, die zuvor mit Fundamentalismus in Verbindung gebracht wurden, einschließlich Verschwörungsglauben, Persönlichkeit und soziodemografischen Variablen. Interessant ist weiterhin, dass die Unterstützung der nationalistischen-islamistischen Regierung (AKP-MHP) sowohl religiösen Fundamentalismus vorhersagt als auch mit weiterer Radikalisierung (Akzeptanz reaktiver und aktiver Gewalt) im Zusammenhang steht. Zum Schluss diskutieren wir Möglichkeiten, welche verschiedene Studien zur Reduzierung von Polarisierung hervorgebracht haben: Aufbauend auf der Theorie der symbolischen Bedrohung zeigen wir, dass Einstellungen gegenüber einer Außengruppen wie Menschen mit anderen politischen oder religiösen Ansichten oft auf einer verzerrten Wahrnehmung der Werte der Außengruppe beruhen. Über zwei Studien (N = 1376) hinweg zeigen wir weiter, dass das Hervorheben von Wertegemeinsamkeiten Polarisierung reduzieren und Menschen hoffnungsvoller für die Zukunft machen kann.

 

Dr. Youssef Dennaoui (RWTH Aachen)

Umkämpfte Religion: Religiöse Überbietungskämpfe im Feld des Islam am Beispiel Marokkos

Die Entstehung moderner Nationalstaaten hat zu einer Reorganisation des Islam und zur Genese eines modernen religiösen Feldes geführt, in dem nationalstaatliche Institutionen als neue Akteure und zentrale Agenturen der Deutung, Gestaltung und Regulierung religiöser Angelegenheiten fungieren. Aus dieser politischen Machtposition heraus haben sie in autoritärer Weise religiöse Reformprozesse (Re-traditionalisierung, Modernisierung, Säkularisierung) angestoßen, die von islamistischen Bewegungen, die einen „imaginären Islam“ (Arkoun) als umfassende Vision der Gesellschaftsgestaltung anstreben, abgelehnt und bekämpft werden. Nationalstaatliche Religionspolitiken, die den Islam und damit vor allem die religiös-rechtliche Geltung der islamischen ‚Scharia‘ zugunsten moderner Verfassungs- und Organisationsprinzipien einschränkten, standen daher von Anfang an in einem Verhältnis ständiger Konkurrenz und bisweilen auch Feindschaft zu den verschiedenen nichtstaatlichen Spielarten der Politisierung des Islam (Muslimbruderschaft, salafistische Gruppierungen usw.). Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Feld des Islam in seiner nationalgesellschaftlichen Verfasstheit als religiös umkämpft erscheint. Dabei handelt es sich um erbitterte, mitunter auch ungeregelte und aggressive Konkurrenzkämpfe zwischen staatlichen Autoritäten, die die religiöse (und auch politische) Macht besitzen, und neuen religiösen Akteuren, die ihnen diese Macht streitig machen und die staatliche Religionsmacht in all dem, was sie auszeichnet (autoritäre Herrschaftsstrukturen, antidemokratische Institutionen, charismatische Führerpersönlichkeiten etc.), durch Überbietungspraktiken zu überhöhen versuchen. Damit ist eine Konkurrenzstrategie gemeint, die im Kontext autoritärer Herrschaftssysteme verstärkt auftritt, ungeregelt verläuft und konflikthaft angelegt ist. Ich schlage hier vor, diese staatlichen und nichtstaatlichen Überbietungskämpfe um den Islam (und die Muslime) ins Zentrum der Analyse zu rücken, wenn wir die Genese, Funktion und Struktur des Autoritarismus in den nationalstaatlichen Feldern des Islam und die Konflikte und Probleme, die sich daraus zwangsläufig ergeben, besser verstehen wollen.

In diesem Beitrag möchte ich mich dieser Aufgabe wie folgt nähern: In einem ersten Schritt wird das Feldkonzept als Analyserahmen für religiöse Konkurrenzen, Deutungskämpfe und Konflikte kurz skizziert und die analytischen Vorteile einer feldtheoretischen Modellierung des (nationalstaatlichen) islamischen Feldes erläutert. In einem zweiten Schritt wird die Strategie des ‚Überbietens‘ als besondere Form ungeregelter und autoritärer Konkurrenzstrategien theoretisch bestimmt. In einem dritten Schritt werden empirische Ausschnitte religiöser Konkurrenzen und Konflikte am Beispiel des Islamfeldes in Marokko historisch-relational dargestellt (autoritärer Staatsislam, islamistische Organisationen, salafistische Gruppen etc.) und überbietungsanalytisch interpretiert. Ziel dieser theoretischen und empirischen Reflexion ist es, einen Beitrag zum Verständnis religiös-politischer Konkurrenzen im Feld des Islam zu leisten und diese auf ihre möglichen Folgen hin zu befragen, nämlich die Begünstigung autoritärer Dynamiken auf beiden Seiten - Nationalstaaten wie islamistische Bewegungen -, die sich gegenseitig stabilisieren und legitimieren und vor allem demokratische Formen der Zivilität in den meisten islamisch geprägten Gesellschaften verhindern.

 

Alexander Weissenburger, M.A., assoziierter Wissenschaftler. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für Sozialanthropologie

„Glaube ist jemenitisch“: Die Huthi-Bewegung und das propagieren einer neuen nationalen Identität im Jemen.

Die Tatsache, dass der orthodoxe Zaydismus, eine Denomination innerhalb des Schi‘itentums, bis in die Gegenwart das Recht und die Pflicht die umma, sowohl in politischer als auch religiöser Hinsicht, anzuführen auf die ahl al-bayt, die Nachfahren Muhammads, beschränkt, bedeutet nicht nur die intrinsische Verschränkung von Religion und Genealogie, sondern die Verquickung dieser beiden Aspekte mit dem Legitimationsnarrativ eines in diesen Ideen begründeten Gemeinwesens. Insofern sich ein solches Gemeinwesen darüber hinaus als Nation imaginiert – um Benedict Anderson zu bemühen –, werden Abstammung und religiöse Zugehörigkeit konstitutive Elemente nationalistischer Vorstellungen.

Während es dem zayditischen Imamat im Norden des Jemen, dem auch ein beträchtlicher schafi‘itischer Bevölkerungsanteil zugehörig war, nie wirklich gelang einen solchen Nationalismus erfolgreich zu forcieren, begannen schon vor seinem Fall 1962 Ideen, basierend auf Vorstellungen von der gemeinsamen qaḥṭānisch-süd-arabischen Herkunft der „wahren“ Jemeniten in Kombination mit dem Stolz um das reiche vorislamische Erbe des Landes, die intellektuellen Fundamente des zayditischen Staates zu unterminieren. In der auf das Imamat folgenden republikanischen Ära wurden diese Ideen integraler Bestandteil eines staatlich geförderten Nationalismus, in dem zayditische Bezüge, wenn überhaupt, lediglich als bloße Lippenbekenntnisse Platz fanden.

Seit der Machtübernahme der Huthi-Bewegung im März 2015 wird der Norden des Landes abermals von einem dezidiert zayditischen Akteur regiert. Das Paper beleuchtet die Versuche der Bewegung einen neuen jemenitischen Nationalismus zu begründen, der in religiöser Hinsicht die Unterschiede zwischen Zayditen und Schafi‘iten sowie in genealogischer Hinsicht die Differenzierung zwischen ahl al-bayt und „echten“ Südarabern zu überwinden sucht, ohne jedoch die zayditischen Wurzeln der Bewegung aufzugeben. Basierend auf der Analyse von Primärquellen zeichnet der Beitrag so die Versuche der Bewegung nach, sich als Manifestation des Willens des nach göttlicher Gerechtigkeit strebenden und die Familie des Propheten liebenden Volkes zu gerieren und seine Herrschaft sowie den von ihnen regierten de-facto-Staat somit zu legitimieren.

 

Dr. Lorenzo G. Vidino, Director, Program on Extremism, The George Washington University, Washington, D.C.

The Muslim Brotherhood in Germany: religion, politics and business

Individuals belonging to different branches of the Muslim Brotherhood have made Germany a permanent or temporary home since as far back as the 1950s. Since then, the small but extremely skilled, active and well financed cluster of activists have created a broad array of organizations that in different ways seek to advance the organization’s various goals (which, in turn, are partially related to the Middle East and partially to Germany/Europe). MB-linked networks, in fact, are active in the religious field (providing religious education to the local Muslim community); social field (providing the local Muslim community with services such as schools, social activities…); political field (working in various ways in local and national politics); and economic field (developing a network of activities that aim, among other things, at supporting the other fields).

Opinions on the aims and goals of the MB vary substantially. German security services have consistently argued that the group is radical, subversive and constitutes a threat to German society. Others, including in political arena, disagree and look at them positively. Many adopt a somewhat intermediary position, engaging MB-linked activists as interlocutors while maintaining some reservations about them. Opinions are also split as to what the aims of the organization are. This presentation will seek to analyze these dynamics and sum up these debates.

 

Dr. Eylem Kanol
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Von Herkunft zu Überzeugung: Europas Muslime im Spannungsfeld von Nationalismus und Politischem Islamismus

Diese Studie untersucht das Zusammenspiel zwischen ethnischer Identifikation, autoritären Tendenzen und der Befürwortung des politischen Islamismus unter Muslimen in Deutschland und im weiteren europäischen Kontext. Basierend auf zwei Schlüsseldatensätzen - einer repräsentativen Umfrage von 2021 unter 1.300 Muslimen in Deutschland im Rahmen des Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung Projekts und des Six Country Immigrant Integration Comparative Surveys aus dem Jahr 2008 (n = 5.376), die sich auf Muslime mit türkischen und marokkanischen Hintergründen in sechs westeuropäischen Ländern konzentrierte - stellten wir einen starken Zusammenhang zwischen einer ausgeprägten Identifikation mit dem Herkunftsland und einer Neigung zum politischen Islamismus fest, insbesondere unter jüngeren und sunnitischen Muslimen. Diese Verbindung bleibt auch nach Berücksichtigung von Religiosität, Diskriminierungserfahrungen und soziökonomischen Indikatoren bestehen. Bemerkenswert ist, dass autoritäre Einstellungen den Zusammenhang moderieren. Das bedeutet, dass die Neigung zum politischen Islamismus nicht allein durch die Stärke der ethnischen Identifikation beeinflusst wird, sondern auch durch autoritäre Tendenzen. Dies weist auf eine Konvergenz von autoritärem Nationalismus und politischem Islamismus hin.

 

Ass. iur. Waqar Tariq
Jurist, Berater des Bundesvorstands des Liberal-Islamischen Bundes (LIB) e.V. und Koordinator der LIB-Gemeinde Frankfurt a. M.

Rechtspopulistisches und islamistisches Gedankengut – eine ideelle Herausforderung für die demo-kratische muslimische Zivilgesellschaft

Der Beitrag richtet den Fokus des Publikums darauf, dass den Phänomenen Rechtspopulismus und Islamismus nicht allein mit den Zwangsmitteln des wehrhaften Rechtsstaates (Vereinsverbote etc.) beizukommen ist, sondern es für nachhaltige Lösungen einer ideellen Auseinandersetzung bedarf um Werte, Menschenbilder und Prinzipien. Beide Phänomene fordern die – nicht zuletzt muslimische – demokratische Zivilgesellschaft zu einem Wettstreit der Ideen heraus.

Der Beitrag analysiert zunächst die ähnliche Grundstruktur im Denken von Rechtspopulist*innen und Islamist*innen und arbeitet hierbei heraus, dass sowohl Rechtspopulist*innen als auch Islamist*innen für die Annahme eines vermeintlichen wahren, einheitlichen Volkswillens bzw. göttlichen Willens homogene Gemeinschaften konstruieren auf Grundlage eines völkisch-nationalistischen Menschenbildes bzw. mit Takfīr, womit u.a. Muslim*innen aus der „wahren Volksgemeinschaft“ bzw. „Umma“ ausgeschlossen werden. Zur politischen Durchsetzung ihrer Ziele werden von beiden Grup-pen die Fundamentalrechte von Andersdenkenden autoritär angegriffen, was mit den Prinzipien der freiheitlichen Demokratie unvereinbar ist.
Von der Analyse ausgehend wird argumentiert, dass die muslimische Zivilgesellschaft im Sinne des Böckenförde-Diktums gefordert ist, für pluralistische und freiheitlich-demokratische Werte zu streiten.

Ausgangspunkt ist die Feststellung eines Paradoxons: Die Betroffenheit der Muslim*innen von völ-kisch-nationalistischem Rechtspopulismus seitens nicht-muslimischer Bewegungen bietet ihnen einen „toxisch-fruchtbaren“ Boden zur Selbstreflexion – dieser ist toxisch, weil er Muslim*innen bedroht, und zugleich fruchtbar, weil er für ihre geistige Auseinandersetzung mit innerhalb der muslimischen Community existierenden islamistischen und (teilweise auch religiös ummantelten) völkisch-nationalistischen Ideen, z.B. Ülkücü-Ideologie, förderlich ist.

Vertreter*innen aus der demokratischen muslimischen Zivilgesellschaft (Verbände und Einzelpersönlichkeiten) können u.a. mit politischer sowie religiöser Bildungs- und Aufklärungsarbeit zur ethischen Wertebildung in der nicht-muslimischen Gesellschaft, aber insbesondere auch in der muslimischen Community beitragen, indem sie u.a. pluralistische und egalitäre Menschenbilder anbieten (wie sie etwa aus der koranischen Schöpfungsgeschichte ableitbar sind), für eine Kultur der Ambiguitätstoleranz werben (wie sie etwa in liberal-islamischen Gemeinden gepflegt wird und muslimische Tradition ist) und dafür sensibilisieren, dass Muslim*innen gerade als Minderheit erheblich von einem freiheitlich-demokratischen System, zu dessen Wesensmerkmalen Minderheitenschutz gehört, profitieren.

Das religionsoffene Neutralitätsmodell des Grundgesetzes bietet zudem günstige Rahmenbedingun-gen, um eine humanistische islamische Theologie an Universitäten zu entwickeln und an öffentlichen Schulen im Religionsunterricht früh Ambiguitätstoleranz einzuüben.