Religion in der Moderne – ein internationaler Vergleich

Studie von Detlef Pollack und Gergely Rosta zum religiösen Wandel in der Moderne

Buchcover
© Campus Verlag

Mit dem religiösen Wandel in der Moderne beschäftigt sich ein neues Grundlagenwerk der Religionssoziologen Prof. Dr. Detlef Pollack und Dr. Gergely Rosta vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“. Auf reichhaltiger empirischer Materialbasis aus den Jahren 1945 bis 2012 beschreiben die Autoren der Monografie „Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich“ die Veränderungen der religiösen Lage auf verschiedenen Kontinenten und bieten eine sozialwissenschaftliche Erklärung für zentrale religiöse Entwicklungstrends an. „Keine andere Studie zum religiösen Wandel in modernen Gesellschaften bezieht ein so reichhaltiges Datenmaterial in ihre Argumentation ein“, erläutert Prof. Pollack.

Die Autoren stellen das Buch am 20. Mai 2015  in Münster vor und diskutieren es mit Wissenschaftlern des Exzellenzclusters und der WWU, mit Historiker Prof. Dr. Olaf Blaschke, dem islamischen Theologen Prof. Dr. Mouhanad Khorchide und dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Willems.

Die Gegenwart erlebt nach den Worten des Religionssoziologen Prof. Pollack eine explosionsartige Vervielfältigung des religiösen Feldes. „Fundamentalistische Bewegungen ergreifen hochgebildete Jugendliche, Mitglieder der christlichen Kirchen wenden sich millionenfach von ihrer religiösen Heimat ab, esoterische Weltbilder stoßen in Medizin und Wissenschaft zunehmend auf Resonanz. Angesichts der Unübersichtlichkeit der religiösen Lage erscheinen Behauptungen von der Rückkehr der Götter ebenso plausibel  wie Thesen von einer weitergehenden Säkularisierung oder einer religiösen Individualisierung.“ Die Studie bemüht sich vor diesem Hintergrund, das religiöse Feld soziologisch zu ordnen und die dominanten Tendenzen des religiösen Wandels in modernen Gesellschaften zu erfassen.

Die Materialbasis der empirischen Untersuchung bieten die Wellen des Religionsmonitors der Bertelsmann Stiftung sowie die aus unterschiedlichen Erhebungszeiträumen stammenden Daten des World Values Survey, des International Social Survey Programme, der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften, des General Social Survey, des Pew Forums und nationale Erhebungen, kirchliche Zählungen und staatliche Statistiken.

Neue Schriftenreihe „Religion und Moderne“

Die Monografie ist als erster Band einer neuen Schriftenreihe „Religion und Moderne“ des Centrums für Religion und Moderne (CRM) erschienen, das aus dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ hervorgegangen ist. Herausgeber der Reihe im Auftrag des CRM sind vier Cluster-Wissenschaftler, Zeithistoriker Prof. Dr. Thomas Großbölting, Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack, Frühneuzeit-Historikerin Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Willems.

Anhand von Fallstudien geht die Monografie dem wechselvollen Verhältnis von Modernisierung und religiösem Wandel in unterschiedlichen Kontexten nach. Einbezogen sind unter anderem Italien, die Niederlande, Deutschland, Polen, Russland, die USA, Südkorea und Brasilien. Ebenso stellt die Monografie fallübergreifende Vergleiche an, die sich auf den gesamten ost- und westeuropäischen Raum, die USA sowie asiatische und lateinamerikanische Länder erstrecken. So arbeiten die Religionssoziologen länderspezifische soziale Konstellationen und Verläufe ebenso heraus wie internationale Muster und Zusammenhänge.

„Hinzu kommt das Bemühen um historische Tiefenschärfe“, unterstreicht Prof. Pollack. „Viele gegenwärtige religiös-soziale Konstellationen lassen sich nur aus ihrer Vorgeschichte verstehen.“ Auf diese Weise entstehe ein Panorama des religiösen Wandels in unterschiedlichen modernen Gesellschaften sowie eine Analyse der möglichen Faktoren, die den Wandel vorantrieben. Die Untersuchung verzichtet bewusst auf die Einbeziehung qualitativer Analysen, so Prof. Pollack, da diese oft zu einem selektiven Blick auf die Phänomene führten und keine Repräsentativität beanspruchen könnten. Stattdessen vertraue die Studie auf vorhandene verlässliche und repräsentative Quellen.

„In der Moderne auch religiöse Aufschwünge“

Den theoretischen Rahmen der Monografie bilden die Konzepte von Religion und Moderne, die am Anfang des Buches ausführlich diskutiert werden. Ausgehend von den theoretischen Diskussionen werden unter Aufnahme prominenter religionssoziologischer Ansätze die Fragen formuliert, die die empirische Analyse anleiten. „Zum einen die Frage nach den Konsequenzen von Wohlstandsanhebung und funktionaler Differenzierung für die Vitalität von religiösen Identitäten, Praktiken und Vorstellungen, zum andern die Frage nach den Auswirkungen von Individualisierung auf religiöse und kirchliche Bindungen sowie die Frage nach dem Verhältnis zwischen der zunehmenden sozialen, kulturellen und religiösen Pluralität in modernen Gesellschaften und der Integrationsfähigkeit religiöser Gemeinschaften und Kirchen.“

Das Ergebnis der empirischen Analysen besteht nicht in dem Entwurf einer allgemein anwendbaren Universaltheorie, sondern in der Formulierung multipler Theorieelemente, die auf unterschiedliche Weise kombinierbar sind. Solche Theorieelemente seien, wie die Religionssoziologen erklären, etwa „das Theorem des religiösen Bedeutungsgewinns durch funktionale Entdifferenzierung, die Hypothese des religiösen Signifikanzrückgangs aufgrund erhöhter Opportunitätskosten, das Theorem der religiösen Stabilisierung durch mehrheitliche Bestätigung oder auch die These vom religiösen Bedeutungszuwachs durch politischen und sozialen Konflikt“. „Die Theoriebausteine erheben den Anspruch, nicht nur die Abschwächung religiöser und kirchlicher Bindungen in der Moderne zu erklären – wie das etwa die Säkularisierungstheorie tut –, sondern auch religiöse Aufschwünge“.

Prof. Pollack leitet am Exzellenzcluster das Forschungsprojekt C2-15 Zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Kulturelle und soziale Integration im Selbstbild türkischstämmiger Muslime in Deutschland. Gergely Rosta ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem Projekt.  (exc/ska/vvm)


Hinweis: Detlef Pollack/Gergely Rosta: Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich („Religion und Moderne“, Band 1), Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag 2015) 39,90 Euro.

Inhaltsverzeichnis
Teil I Theoretische Überlegungen
1. Überlegungen zum Begriff der Moderne
2. Überlegungen zum Religionsbegriff
3. Leitende Fragestellungen, methodologische Vorbemerkungen

Teil II Religiöser Niedergang in Westeuropa?
Einleitung
4. Zwischen Entkirchlichung und religiöser Persistenz: Westdeutschland
5. Eine Hochburg des Katholizismus: Italien
6. Religion im freien Fall: Die Niederlande
Fazit

Teil III Renaissance des Religiösen in Osteuropa?
Einleitung
7. Russland: Wiederkehr der Religion
8. Ostdeutschland: Keine Anzeichen einer Trendwende
9. Polen: Unerwartete Vitalität nach dem Fall des Kommunismus
Fazit

Teil IV Religiöser Wandel im außereuropäischen Raum: Drei Fallbeispiele
Einleitung
10. Religion und Religiosität in den USA: ein Kontrastmodell zu Europa?
11. Südkorea: Die Gleichzeitigkeit von Modernisierung und Christianisierung
12. Charismatische, pfingstlerische und evangelikale Bewegungen in Europa, den USA und Brasilien im Vergleich

Teil V Systematische Perspektiven
13. Makro- und mikrosoziologische Erklärungen im Ländervergleich
14. Muster und Bestimmungsgründe des religiösen Wandels in der Moderne: Auf dem Weg zu einer multi-paradigmatischen Theorie