Eine politische Theologie der Erde

Theologin Catherine Keller über den Weg zu einer ökosozialen Demokratie

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Prof. Dr. Catherine Keller

© ska

Das Konzept einer politischen Theologie der Erde hat die Theologin Prof. Dr. Catherine Keller von der US-amerikanischen Drew University in der Ringvorlesung „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“ vorgestellt. „Eine Klima-Apokalypse scheint sich im wahrsten Sinne des Wortes anzubahnen“, so die Referentin. „Im Wasser, im Boden und in der Atmosphäre sind Prozesse im Gange, die schwerwiegende Folgen für einen großen Teil der Menschheit und andere Lebewesen haben.“ Doch die Menschheit habe den Kontakt zur Erde verloren. Es herrsche eine „Angst vor der nicht-menschlichen Welt“. Diese „Öko-Phobie“ zeige sich in der Leugnung des Klimawandels. In Anlehnung an den evangelischen Theologen Jürgen Moltmann plädierte die Wissenschaftlerin für eine „politische Theologie der Erde“, die den Wechsel zu einer Politik der ökologischen Gerechtigkeit inspirieren könne.

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

Entscheidend für eine ökologisch nachhaltige Praxis der Gerechtigkeit sei die Abkehr von der Vorstellung, dass der Mensch das Zentrum der Welt sei, sagte Prof. Keller in ihrem Vortrag „Klima-Apokalypse, grüne Utopie: Auf dem Weg zu einer Politischen Theologie der Erde“. Vielmehr solle er sich als ein Teil des Gesamtlebens des Systems der Erde sehen, wie es die sogenannte Gaia-Hypothese formuliere, die nach der antiken Urmutter der griechischen und römischen Mythologie benannt sei. Die Wissenschaftlerin verwies auf die „ökologisch-prophetische politische Theologie“ des Theologen Moltmann, nach der Weltreligionen wie Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus zu „Erd-Religionen“ werden müssten. Es gehe um eine „Bekehrung zur Erde“ und um eine neue Beziehung zwischen Erde und Mensch. Dazu gebe die politische Theologie der Erde Anregungen, so die Referentin.

Den Klimawandel würden weiterhin viele Menschen trotz immer neuer wissenschaftlicher Berichte über steigende Konzentrationen von Treibhausgasen, schmelzende Gletscher, wachsende Wüsten und zunehmende Dürren leugnen oder ausblenden, sagte Prof. Keller. Selbst Menschen, die den wissenschaftlichen Ergebnissen Glauben schenkten, seien sich der Konsequenzen kaum tagtäglich bewusst. Stattdessen würden sie „argwöhnen, dass die Apokalypse propagandistisch übertrieben wird“ und die „alarmierenden Szenarien in die Kategorie ,zukünftig‘ einordnen“.

Die Menschheit befindet sich nach Einschätzung der Referentin zurzeit „im Übergang“: Angesichts immer neuer Klimaereignisse sei es zu spät, auf Besserung zu hoffen. Doch die Zeit reiche noch, technische und politische Anpassungsstrategien zu entwickeln. Prof. Keller schlug diplomatische Anstrengungen für den Frieden, wirtschaftliche Umverteilung, öko-politischen Aktivismus sowie kommunale landwirtschaftliche Projekte vor. Das Ziel sei es, die „ökologische Widerstandsfähigkeit“ zu erhöhen. Die Wissenschaftlerin bedauerte, dass es stattdessen zu einer anderen Form politischer Anpassung komme: „Das Zeitalter von hunderten Millionen Klima-Flüchtlingen hat gerade erst begonnen. Dies stellt uns vor die radikale Herausforderung eines neuen biblischen Verständnisses einer kosmopolitischen Gastfreundschaft.“

„Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“

Plakat der Ringvorlesung

Plakat

© fuyu liu, Shutterstock.com

Die neue Ringvorlesung, die das Habilitandenkolleg des Forschungsverbunds organisiert, widmet sich der Geschichte apokalyptischen und utopischen Denkens von der Antike bis heute und untersucht, wie religiöse und politische Elemente in Zukunftsvisionen verwoben sind. Die Themen der Vorträge reichen von Visionen in antiken Gräbern über geschichtsphilosophische Zukunftsentwürfe und Richard Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ bis zum utopischen Frauenbild spanischer Faschistinnen. Auch Kino-Erzählungen wie „Avatar“ und „Cloud Atlas“ werden unter die Lupe genommen. In der Ringvorlesung kommen Vertreter verschiedener Fächer zu Wort: aus der Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft, Philosophie, Theologie, Archäologie, Ägyptologie und Musikwissenschaft.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 28. Oktober hält der Ägyptologe Prof. Dr. Joachim Friedrich Quack aus Heidelberg zum Thema „Prophetische Texte aus dem griechisch-römischen Ägypten“. (ska/vvm)


Ringvorlesung „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“

Wintersemester 2014/2015
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster