Religion als Instrument der Angstbewältigung

Neurobiologe Robert-Benjamin Illing zur Entstehung von Religion in der Evolution – Streitgespräch „Entsteht Religion im Gehirn?“ mit dem Theologen Dirk Evers

Pressemitteilung des Exzellenzclusters vom 21. Mai 2014

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Prof. Dr. Dirk Evers und Prof. Dr. Robert-Benjamin Illing (v.l.)

© bhe

Religion lässt sich aus Sicht des Freiburger Neurobiologen Prof. Dr. Robert-Benjamin Illing primär als Instrument der Angstbewältigung ansehen. „Mit Angstgefühlen sind unsere Vorfahren seit Urzeiten vertraut. Im Zuge der Zivilisations- und Bewusstseinsentwicklung sah sich der Mensch jedoch mit neuen Ängsten konfrontiert: vor Krankheit, Verfall und Tod“, sagte der Wissenschaftler am Dienstagabend in der Reihe „Streitgespräche über Gott und die Welt“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ in Münster. „Anders als vor Schlangen oder Leoparden können wir vor Existenzängsten und Sinnkrisen nicht physisch fliehen, weil sie in uns wohnen“, so der Forscher. „Im Rahmen unserer kognitiven Möglichkeiten fassen wir die neuen Ängste deswegen in Mythen und entwickeln daraus Religionen, um ihnen doch zu entkommen.“

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Ton-Mitschnitt der Diskussion

Die Welt biete nicht nur für vielfältige Lebensformen, sondern auch für vielfältige kognitive Kreationen zahlreiche „ökologische Nischen“, so Illing. „Sie war ein vergleichsweise armseliger Ort, als es in ihr noch keine Seele, kein Ich, keine Werkzeuge, keine Freiheit, keinen Gott gab. Jetzt gibt es all das in ihr dank des Menschen. Und was sich bewährt, entspricht ihrer Hausordnung.“

Die Veranstaltung trug den Titel „Neurologie und Kognitionswissenschaft: Entsteht die Religion im Gehirn?“ In den vergangenen Jahren hatten zahlreiche Neurowissenschaftler versucht, den Sitz religiöser Vorstellungen im Gehirn genau zu lokalisieren. Neurobiologe Illing hingegen folgte in seinen Ausführungen evolutionsbiologischen Erklärungen: Der Mensch stelle anhand spärlicher äußerer Wahrnehmungen ständig Vermutungen über Gedanken und Absichten anderer Menschen an. „Mit diesem kognitiven Instrumentarium treten wir auch der Natur gegenüber, wenn wir etwa in Pilzkreisen Feenringe sehen oder Opferriten durchführen, um Vulkane zu besänftigen.“

Elektrochemische Zustände im Gehirn

Der Neurobiologe führte aus: „Wie unsere Sinnesorgane entstand auch unser Gehirn nicht aus dem Nichts, sondern als Zwischenergebnis einer Jahrmillionen langen stammesgeschichtlichen Entwicklung.“ Während der Evolution sei es zu einer zunehmend spezifischen Anpassung unserer Sinnes- und Gehirnfunktionen an eine immer komplexer werdende Umwelt gekommen. „Um uns darin schnell und sicher zu orientieren, produzieren unsere Sinnes- und Denkorgane unablässig nützliche, aber keineswegs unfehlbare Hypothesen über Dinge, Gesetzmäßigkeiten und Absichten“, sagte Illing. „Deshalb ist die Welt weder so, wie wir sie sehen, noch so, wie wir sie denken.“

Der evangelische Theologe Prof. Dr. Dirk Evers aus Halle schloss an Illings Position an. Auch er vertrat die Auffassung, Religion entstehe nicht im Gehirn. Vielmehr bilde sie sich „im sozialen Raum sprachfähiger Subjekte“ heraus, „denn im Gehirn entstehen – nach allem, was wir wissen – Muster elektrochemischer Zustände.“ Religiöse Vorstellungen und Verhaltensweisen sollten nach den Worten des systematischen Theologen gerade für solche Aspekte menschlicher Existenz stehen, die evolutionsbiologisch nicht funktional zu beschreiben sind. Dabei warf der Wissenschaftler die Frage auf, „ob ‚die‘ Religion überhaupt ein sinnvoller Singular ist, wenn man sich die Vielfalt religiöser und quasi-religiöser Erscheinungen kulturübergreifend vor Augen führt.“

Streitgespräch „Beginn des Lebens“

Plakat der „Streitgespräche über Gott und die Welt“

Plakat

© wikipedia, R. Wölk

Mit Blick auf das Christentum plädierte Evers dafür, „es nicht als Erweiterung des Weltwissens, sondern als eine Perspektive auf die Wirklichkeit überhaupt“ zu sehen, die die menschliche Existenz von der Geschichte Jesu Christi her verstehe. Moderator der Diskussion war der evangelische Theologe Prof. Dr. Traugott Roser aus Münster. Das nächste Streitgespräch am Dienstag, 27. Mai, befasst sich unter dem Titel „Der Beginn des Lebens“ mit medizinethischen Fragen zum Lebensanfang. Es diskutieren die Medizinethikerin Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert aus Münster und der evangelische Theologe Prof. Dr. Reiner Anselm aus Göttingen. Die Moderation übernimmt der Rechtsphilosoph Prof. Dr. Thomas Gutmann vom Exzellenzcluster.

In der Reihe „Streitgespräche über Gott und die Welt“ diskutieren im Sommersemester Theologen und Nicht-Theologen aktuelle Themen wie Hirnforschung, Wirtschaftsethik und Friedenspolitik. Veranstalter sind der Exzellenzcluster und die Evangelisch-Theologische Fakultät. Die Streitgespräche sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr in Hörsaal F1 im Fürstenberghaus am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Das Format trägt den Untertitel „Disputationen zwischen Theologie, Natur- und Gesellschaftswissenschaften“. (mit/vvm)