„Kein Seefahrergott im phönizischen Götterhimmel“

Althistoriker Klaus Zimmermann über die Religion der antiken Phönizier

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Prof. Dr. Klaus Zimmermann

© ska

Über die Religion der phönizischen Seefahrer hat Althistoriker Prof. Dr. Klaus Zimmermann in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ und des Centrums für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums (GKM) gesprochen. In seinem Vortrag zeigte er die Zusammenhänge zwischen der phönizischen Seefahrt und der phönizischen Religion auf. „In den Augen der antiken Welt waren die Phönizier, die in Stadtstaaten an der heutigen libanesischen Küste lebten, ein Seefahrervolk.“ Davon zeugten nicht nur zeitgenössische Quellen wie Mosaike, Plastiken und Münzen, sondern auch die Vielzahl an Kolonien, die die Phönizier im Zuge ihrer Fahrten vom 11. bis zum 8. Jahrhundert vor Christus auf Zypern, Sardinien, Sizilien und an der südiberischen, marokkanischen und nordafrikanischen Küste gründeten. Umso erstaunlicher sei es, so der Wissenschaftler, dass die Seefahrerei in der phönizischen Religion kaum Spuren hinterließ: „Meeres- und Seefahrergötter wie den griechischen Gott Poseidon suchen wir im phönizischen Götterhimmel vergeblich.“

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

Dass es im religiösen System der Phönizier keinen derartigen „Spezialisten“ gab, deutet nach Einschätzung des Althistorikers darauf hin, dass für Phönizier die Seefahrt nur ein Lebensbereich unter vielen war, in denen ihnen eine Vielzahl an Göttern – persönliche Schutzgottheiten, Stadtgottheiten oder Wettergottheiten – als Helfer zur Verfügung stand. Als „Seefahrervolk“ hätten sich die Phönizier selbst nicht gesehen. „Das Selbstbild der Phönizier dürfte vielmehr stark vom überlieferten Fremdbild abweichen.“ Das habe mit einer problematischen Quellenüberlieferung zu tun, sagte Prof. Zimmermann. Phönizische Schriftquellen gebe es kaum. „Die Beschreibung der Phönizier als Seefahrer und Händler haben wir von den Griechen, die sie aus ihren eigenen Häfen und von ihren Märkten kannten.“ Die griechischen Geschichtsschreiber hätten die klischeehafte Darstellung bis in die Moderne transportiert: „Auch heute noch werden Phönizier vor allem als Seefahrer dargestellt, etwa auf Euro-Münzen, in der Werbung und in Comics.“

Seefahrt beeinflusste Religion

Einfluss übte die Seefahrt dennoch auf die Religion der Phönizier aus, wie der Wissenschaftler erläuterte. Römische und griechische Aufzeichnungen, etwa vom Geschichtsschreiber Herodot, zeigten, dass die Phönizier zeitgleich mit der Gründung ihrer Kolonien vor Ort Heiligtümer errichteten. „Die Tempel dienten möglicherweise als Asylorte, an denen schiffbrüchige Phönizier Schutz suchen konnten, oder sollten die Geschäfte der Kaufleute unter den Schutz einer Gottheit stellen.“ Auch zur Dynamik und Anpassungsfähigkeit der phönizischen Religion trug die Seefahrt laut Prof. Zimmermann bei. Sie habe etwa geholfen, die identitätsstiftenden Traditionen in der Fremde zu verstärken. So würden Details des Kultes in den großen Kolonien wie in Gades, dem spanischen Cádiz, in „auffälliger Weise“ dem Vorbild des Stadtstaats Tyros entsprechen.

Der Vortrag „Zwischen Tyros und Tanger – Die Religion der Seefahrer“ war Teil der Ringvorlesung „Heilige Orte. Ursprünge und Wandlungen – Politische Interessen – Erinnerungskulturen“, zu der der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ im Wintersemester mit dem Centrum für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums (GKM) der Uni Münster einlädt. Prof. Zimmermann ist Leiter der Forschungsstelle Asia Minor an der Universität Münster. Am Exzellenzcluster forscht er im Projekt B2-21 Politik im Kultvollzug – Gottesdienst in der Politik: Die Kultsatzungen (leges sacrae) griechischer Stadtstaaten als Quelle antiken Bewusstseins für religiös-politische Interdependenz.

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Plakat der Ringvorlesung

© Klearchos Kapoutsis

Ringvorlesung „Heilige Orte“

In der Ringvorlesung „Heilige Orte“ untersuchen namhafte Forscher im Wintersemester die historischen Ursprünge und Wandlungen religiöser Stätten wie Delphi, Jerusalem, Medina, Rom und Byzanz. Die Reihe geht auch den politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie den Erinnerungskulturen nach, die sich mit den antiken Orten bis heute verbinden. Heilige Stätten entstanden oft an markanten Stellen in der Natur, an Quellen, auf Bergen oder in der Wüste. Religiöse Gemeinschaften verknüpften damit mythische Erzählungen und magische Rituale. Die Vorträge, die entlegene Orten von Mönchen und Einsiedlern und die ältesten Heiligtümer der Menschheit wie das Bergheiligtum Göbekli Tepe behandeln, eröffnen verschiedene Perspektiven auf die Religionsgeschichte der Menschheit. Zu Wort kommen Vertreter unterschiedlicher Fächer wie der Altorientalistik, Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie, Alten Geschichte, Klassischen Archäologie und Philologie, Bibelwissenschaften und Byzantinistik sowie Religions- und Islamwissenschaften.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 12. November hält Alttestamentler Prof. Dr. Reinhard Achenbach vom Exzellenzcluster zum Thema „Jerusalem in vorchristlicher Zeit: Gottesstadt im Völkerkampf“. (ska)


Heilige Orte. Ursprünge und Wandlungen - Politische Interessen - Erinnerungskulturen

Wintersemester 2013/2014
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster