Autorschaft als Skandal

Warum Schriftsteller und Schriftstellerinnen vor allem bei Verfehlungen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken

News Gastbeitrag Wagner Egelhaaf

Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf

Foto: Julia Holtkötter

Zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller geraten nach Untersuchungen der Münsteraner Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf neben Preisverleihungen vor allem bei Skandalen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. „Die Medien sind da, sie urteilen und verurteilen. Die Verfehlungen der Betreffenden werden zum Tagesgespräch – und nach wenigen Wochen ist Funkstille“, schreibt sie in einem Beitrag für die Homepage www.religion-und-politik.de des Exzellenzclusters „Religion und Politik“.

Anfuehrungszeichen

Der Beitrag:

Was war das doch für eine öffentliche Aufregung, als 2006 bekannt wurde, dass Günter Grass als junger Mann Mitglied der Waffen-SS war!? Oder aber als Martin Walser sich anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 gegen die „Dauerpräsentation“ und „Instrumentalisierung“ der deutschen Schande wandte, und als er in der Debatte mit Ignaz Bubis seine Position verteidigte und alles nur noch schlimmer machte!? Oder als Peter Handke 2006 zum Begräbnis von Slobodan Milošević fuhr!?

Auch Christa Wolf löste 1990 mit der Veröffentlichung ihres angeblich bereits 1979 geschriebenen Textes „Was bleibt?“ einen Skandal aus, indem sie schilderte, wie sie in der DDR von der Stasi bespitzelt wurde. Kritiker warfen ihr vor, sie hätte diesen Text nicht erst zu einem Zeitpunkt veröffentlichen dürfen, als dies nicht mehr gefährlich, sondern nur noch opportunistisch war. Als Skandal wurde auch die Verleihung des Nobelpreises an Elfriede Jelinek im Jahr 2001 wahrgenommen, deren Werke vielen als obszön galten – und noch skandalöser erschien es manchen, dass sie nicht persönlich zur Preisverleihung fuhr.

Konkurrenz mit Stars und Sternchen

Was passiert in diesen „Skandalen“ um Autorinnen und Autoren? Die Medien sind da, sie urteilen und verurteilen. Die Verfehlungen der Betreffenden werden zum Tagesgespräch – und nach wenigen Wochen ist Funkstille. Kein Mensch interessiert sich mehr für das, was gerade noch für so viel öffentliche Empörung gesorgt hatte.

Autoren und Autorinnen haben in der modernen Mediengesellschaft viel Konkurrenz von Stars und Sternchen, Sportlerinnen und Sportlern, Größen in Politik und Infotainment. So treten sie, das ist die These des Projekts „Autorschaft als Skandal“ im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster, vor allem dann in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, wenn sie „gefehlt“, sich etwas „zu Schulden“ kommen lassen haben und damit zum Gegenstand von Skandalen werden. Dann ist das Bild des Autors plötzlich allgegenwärtig und es erregen sich auch Menschen, die nie eine Zeile der plötzlich öffentlich Beschuldigten gelesen haben.

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