Wenn Traditionen auf den Zug der Moderne aufspringen

Prof. Dr. Albrecht Koschorke über die Krise der Säkularisierung und die Wiederkehr der Religionen

Ringvorlesung Koschorke

Prof. Dr. Albrecht Koschorke sprach in der Ringvorlesung über die Krise der Säkularisierung und die Wiederkehr der Religionen.

Foto: log

Säkularisierung und Religion seien keinesfalls sich entgegenstehende Phänomene, sondern bedingten sich vielmehr grundlegend. Diese These stellte Prof. Dr. Albrecht Koschorke, Germanist an der Universität Konstanz, in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters "Religion und Politik" auf. In seinem Vortrag „Säkularisation und Wiederkehr der Religionen. Zu zwei Narrativen der europäischen Moderne“ stellte der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preisträger einen Zusammenhang zwischen den scheinbaren Widersprüchen her.

Koschorke geht davon aus, dass die Säkularisierung durch die Abgrenzung zu angeblich rückständigen Völkern gefestigt wurde. Der mit ihnen häufig assoziierte religiöse Fanatismus habe die Modernisierung in Europa stabilisiert, indem die Unterschiedlichkeit der Anderen die Menschen in ihren Bestrebungen nach Fortschritt vereinte. Genauso verhalte es sich mit der Retraditionalisierung, die als Ausgleich von entstandenen Schäden auf den Zug der Moderne aufspringen konnte, aber ohne eben jene gar nicht aufgekommen wäre. Eine klare Trennung von beiden sei somit nicht möglich. Trotz eindeutig vorhandener Gegenargumente wie das bereits in der eigentlichen Säkularisierungsphase gelebte Miteinander verschiedener Religionen würde die Geschichte der Moderne jedoch überwiegend in ihrer überlieferten Form im allgemeinen Bewusstsein aufrecht erhalten.

In einem Exkurs zur Entwicklung des „gerechten“ zum „heiligen Krieg“ erläuterte der Konstanzer Wissenschaftler darüber hinaus seine Vermutung, dass Religion nicht die Ursache vieler Kriege darstelle. Solche Argumentationsmuster entsprächen eher einer Reaktion innerhalb der Auseinandersetzung zweier ungleich starker Gegner, in der sich der unterlegene Part außerweltlicher Rechtfertigungen bediene. Wieso inzwischen oftmals Religion den unterscheidenden Faktor zwischen Menschen bilde und dabei andere Sichtweisen weitgehend verdrängt habe, das sei laut Koschorke eine der dringenden Fragen der zukünftigen kulturwissenschaftlichen Forschung.

In der Ringvorlesung „Moderne. Religion. Politik - Konzepte, Befunde und Perspektiven“ stellen 13 Referenten aus fünf Nationen Perspektiven ihrer Disziplinen auf die Theorie der Moderne vor. Jeweils dienstags von 18 bis 20 Uhr sind Interessierte zu den öffentlichen Vorträgen eingeladen. Nächster Termin: Am 23. Juni spricht Dr. Detlef Pollack, Professor für Soziologie an der Westfälischen-Wilhelms Universität Münster, über „Religion und Moderne: Theoretische Überlegungen und empirische Beobachtungen“. (log)

 



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