Dissertation Christine Kausch

 

ABSTRACT

Zuflucht auf Zeit – Deutsche Juden in den Niederlanden 1933-1945

 

Mit der Einführung und zunehmenden Verschärfung antijüdischer Maßnahmen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 setzte eine jüdische Massenemigration aus Deutschland ein. Rund 140.000 Juden verließen ihr Heimatland zwischen 1933 und 1937, viele weitere flüchteten nach dem Novemberpogrom 1938. Zu den wichtigsten Auswanderungszielen gehörten Palästina und die USA. Aber auch die Niederlande stellten, nicht zuletzt bedingt durch ihre geographische und sprachliche Nähe zum Deutschen Reich, einen wichtigen Zufluchtsort dar. Mit schätzungsweise 25.000 bis 30.000 jüdischen Flüchtlingen, die sich – teilweise nur vorrübergehend – in dem kleinen Land aufhielten, rangierten die Niederlande im internationalen Vergleich auf Platz fünf der wichtigsten Zufluchtsländer. Innerhalb Europas nahmen nur Frankreich und England mehr Emigranten auf. 1

Gern gesehen waren die jüdischen Flüchtlinge in den Niederlanden jedoch nicht. Ihre Weiteremigration war von Beginn an das erklärte Ziel der niederländischen Regierung und auch die jüdischen Hilfsorganisationen, die sich um die Neuankömmlinge kümmerten, schloss sich dieser Politik an. Insbesondere die Sorge um den eigenen, von der Weltwirtschaftskrise stark getroffenen Arbeitsmarkt, führte zu einer zunehmend restriktiven Flüchtlingspolitik, die Anfang 1938 in einer vorrübergehenden Schließung der Grenzen gipfelte. Auf Druck der Öffentlichkeit wurden nach dem Novemberpogrom weitere 7.000 Personen zugelassen, von denen ein Großteil in neu errichteten Flüchtlingslagern untergebracht wurde.2

Als im Mai 1940 die deutsche Wehrmacht in den Niederlanden einmarschierte, befanden sich noch rund 15.000 deutsche Juden in dem Land. Ihre Zuflucht endete abrupt: Erneute Verfolgung, Ausgrenzung und zuletzt die Deportation in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager folgten. Wie viele von ihnen ums Leben kamen, ist bis heute nicht bekannt.

In der Historiographie haben die Flüchtlinge selbst, ihre Lebensbedingungen sowie ihr Umgang mit der Exil- und Verfolgungssituation in den Niederlanden bislang nur vereinzelt Beachtung gefunden.3 Im Mittelpunkt standen vor allem die Flüchtlingspolitik, die Arbeit der verschiedenen Hilfskomitees sowie die Bedeutung und Auswirkungen der Emigranten auf das niederländische Judentum.4 Auch in der weitreichend erforschten Geschichte der Judenverfolgung in den Niederlanden kommt den deutsch-jüdischen Flüchtlinge kaum eine gesonderte Aufmerksamkeit zu. Den Ausgangspunkt bildet hier zumeist die Frage, inwieweit ausländische Juden eine bessere oder schlechtere Überlebenschance besaßen als niederländische Juden und welche Faktoren dies beeinflussten.5

Im Rahmen des Dissertationsvorhabens soll diese Lücke mit Hilfe eines sozial- und alltagsgeschichtlichen Ansatzes geschlossen und der Schwerpunkt auf die Lage und Sichtweise der Flüchtlinge selbst gelegt werden. Dieser Perspektivwechsel ermöglicht einen genaueren Blick auf die Lebensbedingungen der Emigranten unter den zunehmenden Einschränkungen im Emigrationsland, auf ihre Einstellung gegenüber dem Zufluchtsland sowie auf ihre spezifische Situation während der „zweiten Verfolgung“, die nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht einsetzte.

Eine wichtige Quellengrundlage des Forschungsvorhabens bilden Egodokumente, wie Briefe, Tagebücher und Erinnerungen der Flüchtlinge, sowie Interviews mit Zeitzeugen. Des Weiteren wird auf Unterlagen der zuständigen Behörden und Hilfskomitees sowie auf Zeitungen (insbesondere der Emigranten und der niederländischen Juden) zurückgegriffen.

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  • 1 Vgl. Wetzel, Juliane: Auswanderung aus Deutschland, in: Benz, Wolfgang (Hrsg.): Die Juden in Deutschland 1933-1945. Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft, München 1996, S. 412ff. sowie Jakob, Volker/van der Voort, Annet: Anne Frank war nicht allein. Lebensgeschichten deutscher Juden in den Niederlanden, Berlin/Bonn 1988, S. 10.
  • 2 Siehe u.a. Michman, Dan: Die jüdische Emigration und die niederländische Reaktion zwischen 1933 und 1940, in: Dittrich, Kathinka/ Würzner, Hans (Hrsg.): Die Niederlande und das deutsche Exil 1933-1940, Königsstein/Ts. 1982, S. 73-90; Moore, Bob: Refugees from Nazi Germany in the Netherlands 1933-1940, Dordrecht 1986, S. 53ff.
  • 3 Siehe insbesondere Jakob, Volker: Existenzgrundlagen und Lebensstrategien deutscher Juden in den Niederlanden 1933-1940 im Spiegel von Einzelbiographien, in: Fasse, Norbert/ Houwink ten Cate, Johannes/ Lademacher, Horst (Hrsg.): Nationalsozialistische Herrschaft und Besatzungszeit. Historische Erfahrung und Verarbeitung aus niederländischer und deutscher Sicht, Münster 2000, S. 137-145.
  • 4 Siehe u.a. Michman, Dan: Dutch and German Jews in the liberal Jewish movement, in: Michman, Jozeph (Hrsg.): Dutch Jewish History Vol. II. Proceedings of the Fourth Symposium on the History of the Jews in the Netherlands 1986, Assen/Jerusalem 1989, S.247-257.
  • 5 Vgl. Moore, Bob: Slachtoffers en overlevenden. De nazi-vervolging van de joden in Nederland, Amsterdam 1998, S. 256-271, sowie Tammes, Peter: Jewish Immigrants in the Netherlands during the Nazi Occupation, in: Journal of Interdisciplinary History, Vol. 37 (4), Frühling 2007, S. 543-562.

Dieser Text erschien im Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien 18, 2007, Münster 2008, S. 210-211.


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