Forschungsprojekte


C02 „Die Rolle des Übernatürlichen in Prozessen herrschaftlichen Ent-scheidens in Byzanz zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert“ (SFB 1150 „Kulturen des Entscheidens“)

Der byzantinische Kaiser fällte alleine und autoritär eine Entscheidung, doch geschah die Entscheidungsfindung selten spontan oder aus heiterem Himmel, sondern gründete auch auf Miteinbeziehung und Konsultation von unterschiedlichen Ressourcen, vor allem Wissensressourcen, und ‚Experten‘: So ermöglichte gespeichertes und gesammeltes Wissen den Rückgriff auf verschriftlichte historische Erfahrungen (v.a. in Archiven und Bibliotheken in der Hauptstadt Konstantinopel), die beim Entscheiden dienlich sein konnten. Dazu zählten auch Handbücher und Kompendien zu Astrologie, Traumdeutung und Erklärungen von Natur¬erscheinungen. Neben der Einbindung von Ratgebern am Hof konnten auch Personen, die Kompetenz in der Deutung übernatürlicher Phänomene und Zeichen bzw. den Geheimwissenschaften besaßen oder die durch göttliche Eingebung prophetisch wirkten, eine wichtige Rolle im Prozess des Entscheidens spielen, wenn es um das Abwägen von Entscheidungsalternativen und das Finden der ‚richtigen‘ Entscheidung ging.
Leitfragen des Projektes sind: In welchem Kontext und in welchen Situationen wurde auf diese Experten bzw. das von ihnen verkörperte Wissen als Ressourcen des Entscheidens zurückgegriffen, welcher Techniken bediente man sich dabei, wie konnten damit eventuell Spiel- sowie Denkräume und damit Horizonte des Entscheidens erweitert und dieses zugleich auch (nicht zuletzt gegen nachträgliche Kritik) abgesichert werden? Welchen Rang hatte der göttliche Wink? Wurde der Rückgriff auf solche Ressourcen des Entscheidens als legitim angesehen, wurde dies geheim gehalten?
Untersucht wird, ob und wie herrschaftliches Entscheiden von der Deutungskompetenz solcher Experten abhängig war, inwieweit sich dies als ein Problem darstellte sowie ob und in welcher Form der Einbezug des Übernatürlichen in Prozesse herrschaftlichen Entscheidens öffentlich wahrgenommen und diskutiert wurde, welche Narrative dabei zum Einsatz kamen und inwieweit hierbei Spannungen zwischen Prophetie und Wahrsagerei auftraten.

Weitere Informationen unter http://www.uni-muenster.de/SFB1150/
Mitarbeiter: Stephanos Dimitriadis, M.A., Florin Filimon, M.A.
Projektverantwortlich: Prof. Dr. Michael Grünbart


Signacula byzantina ex aere / Byzantinische Metallstempel   

Von der spätantiken bis zur mittelbyzantinischen Zeit (etwa 300 bis 1200) sind zahlreiche Metallstempel erhalten geblieben, welche im Gegensatz zu ihren römischen Vorgängern (signacula) noch nicht einer systematischen wissenschaftlichen Bearbeitung zugeführt wurden. Im Rahmen des Projektes geht es um die systematische Erfassung aller bekannten Metallstempel, die eine griechische Legende tragen. Neben dem Gewinn von zusätzlichem prosopographischen Material, Besitzer von Stempeln geben oft auch ihre Funktion und Titel an, kann man Rückschlüsse auf die byzantinische Handels- und Fiskalorganisation machen.  Besonders im 10. und 11. Jahrhundert findet man ihre Spuren auch auf Transportamphoren im Mittel- und Schwarzmeerraum. 

Vorarbeiten:

M. Grünbart, Stempel in Mondsichelform. Ein Beitrag zur frühbyzantinischen Stempelkunde (Tafel 8–9). In:  Tyche. Beiträge zur Alten Geschichte, Papyrologie und Epigraphik 9 (1994) 41–49.
– Zum Monogramm der mittelbyzantinischen Zeit. In: Jahrbuch der österreichischen Byzantinistik 52 (2002) 243–248.
– (zusammen mit Susanne Lochner-Metaxas): Stempel(n) in Byzanz. In: Wiener Byzantinistik und Neogräzistik. Herausgegeben von Wolfram Hörandner, Johannes Koder und Maria A. Stassinopoulou (Byzantina et Neograeca Vindobonensia 24). Wien 2004, 177–189.
– Verbreitung und Funktion byzantinischer Metallstempel. In: Claudia Ludwig (Hrsg.), Siegel und Siegler. Akten des 8. Internationalen Symposions für byzantinische Sigillographie (Berliner Byzantinistische Studien 7). Frankfurt am Main 2005, 95–104 (Abb. 200–202).
– Byzantine Metal Stamps in a North American Private Collection. In: Dumbarton Oaks Papers 60 (2006) [2007] 13–24.
– Die byzantinischen Metallstempel im British Museum. In: Mitteilungen zur christlichen Archäologie und byzantinischen Kunstgeschichte 6 (2009) 171-179 (mit 6 Tafeln).

Projektverantwortlich: Prof. Dr. Michael Grünbart


Imitation - Mechanismen eines kulturellen Prinzips im Mittelalter

Das Netzwerk adressiert die Imitation im Sinne eines Akts bewusster Nachahmung von Personen und Gegenständen, Handlungen und Vorstellungen als omnipräsentes Orientierungs-, Verhaltens- und Erziehungsmuster des christlichen Mittelalters und versteht sie damit als kulturtragendes Prinzip der europäischen Gesellschaft. Über die gemeinsame Analyse der Erscheinungs- und Wirkungsformen dieses Prinzips verbindet das Netzwerk aktuelle Forschungsprojekte zu programmatisch-konzeptionellen Imitationen in Architektur, Text und Ritual. Es entsteht ein dynamischer, multidisziplinärer Forschungsverbund, dessen Methode es ermöglicht, nicht nur die über Eigen- und Fremdwahrnehmungen greifbare Qualität der Nachahmungen in deren moralischen, sozialen, rechtlichen, politischen, theologischen und künstlerisch-kreativen Dimensionen erstmals empirisch zu erheben. Zugleich werden die Einzelergebnisse in und zwischen den Lebensbereichen des Mittelalters begrifflich wie inhaltlich vergleichend zusammengeführt und historisch ausgewertet.

Durch das Prisma des noch nicht interdisziplinär angegangenen Schlüsselphänomens der Imitation möchte das Netzwerk einen faszinierend anderen Blick auf die Kultur des Mittelalters anbieten. Indem es seine Ergebnisse beifolgend mit den Positionsbestimmungen in heutigen Debatten um die Spannungsfelder aus Tradition und Innovation, Authentizität und Plagiarismus abgleicht, verfügt das Netzwerk über eine hochgradige Aktualität und Anschlussfähigkeit an moderne gesellschaftspolitische Diskussionen.

Der von sechs Workshops geprägten Netzwerkarbeit internationalen Zuschnitts sollen eine Quellenanthologie, zwei thematische Zeitschriften-Bände sowie weitere Einzelstudien der Teilnehmenden in einschlägigen Fachzeitschriften erwachsen.

siehe www.netzwerk-imitation.de/index2.htm


Lexikon der byzantinischen Autoren

Seit Generationen wird das „Tusculum-Lexikon griechischer und lateinischer Autoren des Altertums und des Mittelalters“ als kompaktes Referenzwerk in byzantinistischer Forschung und Lehre eingesetzt. Die letzte Auflage des Lexikons erfolgte allerdings 1982. Die neugriechische Übersetzung von 1993 enthält einige Korrekturen und Ergänzungen, aber im deutschsprachigen Raum gab es seitdem keine Überarbeitung. Zwar wurden durch das „Lexikon des Mittelalters“ und das „Oxford Dictionary of Byzantium“ einige Autoren neu behandelt, doch eine Gesamtschau des literarischen Schaffens im griechischen Mittelalter wurde in den genannten Werken aufgrund der anders gewichteten Schwerpunktausrichtung nicht angestrebt.

Aus diesem Grund wird die Herausgabe eines neuen „Lexikon der byzantinischen Autoren“ in Angriff genommen. Das einbändige Lexikon ist als Nachschlagewerk für Wissenschaftler/innen und Studierende aller mediävistischen und literarhistorischen Disziplinen konzipiert und wird im Akademie Verlag (Leipzig) erscheinen. In alphabetischen Lemmata werden über 1000 Autoren aus dem Zeitraum 300-1500 behandelt; jeder Eintrag enthält eine Kurzbiographie und knappe Werkbeschreibung (unter Angabe von Editionen, Übersetzungen und (Sekundärliteratur) zum jeweiligen Autor (siehe Musterlemmata).

Ein Advisory Board von angesehenen Wissenschaftlern überblickt das Gesamtkonzept und wird die Qualität der Beiträge überprüfen.

Eine Liste der noch zu bearbeitenden Autoren finden demnächst hier. Sollten Sie Interesse haben, den einen oder .anderen Eintrag zu verfassen, wenden Sie sich an die Projektbetreiber Michael Grünbart (Münster) oder Alexander Riehle (Wien)  [alexander.riehle@univie.ac.at / gruenbart@uni-muenster.de ]


Moses und David: Ambige Typologien für Patriarchen und Kaiser in Byzanz (Forschungsprojekt B2-8)

Moses und David: Ambige Typologien für Patriarchen und Kaiser in Byzanz in der Koordinierten Projektgruppe Mediale Figurationen des Politischen und des Religiösen und in der Koordinierten Projektgruppe Martyrium und Märtyrerkult, Transformationen des Märtyrerbegriffs in mittelbyzantinischer Zeit

weitere Informationen zum Projekt B2-8


Kaiser und Patriarchen in Byzanz – eine spannungsvolle Beziehung

Im Rahmen des Exzellenzclusters "Religion und Politik" wurden in dem Teilprojekt B 11 die Beziehungen und Formen des Umgangs zwischen dem byzantinischen Kaiser und dem Patriarchen von Konstantinopel untersucht und Möglichkeiten der Machtspielräume des geistlichen Oberhauptes beleuchtet.

weitere Informationen zum Teilprojekt B11


Byzantine Small Finds in the Menil Foundation Collection, Houston, Texas

In der Menil Collection in Houston (Texas) liegen knapp 700 Objekte aus früh- und mittelbyzantinischer Zeit (Schlüssel, Schlösser, Gürtelschnallen, Ringe, Metallkreuze, Metallstempel, Glasmedaillons, Glasgewichte, Bronzegewichte, Bleisiegel). Diese sind zum Großteil unpubliziert und somit der Forschung nicht zugänglich. Die Sammlung gehört zu den weltweit wichtigsten mit derartigen Gegenständen.  Im Rahmen des Projektes werden die Objekte erstmalig wissenschaftlich bearbeitet, beschrieben,  interpretiert und in einen kulturgeschichtlichen Kontext gestellt. Im Rahmen des Projektes, das von der Universität Münster unterstützt wird, wird es intensive Kollaborationen mit der Menil Foundation Collection (Houston, Texas) mit dem Dumbarton Oaks Research Center (Washington, D.C.), dem Walters Art Museum (Baltimore) und dem British Museum (London) geben.
Ziel des Projektes ist die Publikation des Bestandes der Sammlung und die Präsentation derselben in einem wissenschaftlichen Rahmen.

Projektverantwortlich: Prof. Dr. Michael Grünbart
                     


Die Briefe des Mönchs Hierotheos (12.Jh.)

Eine der wenigen bislang unedierten Briefsammlungen der mittelbyzantinischen Zeit befindet sich in der Handschrift Acad. Roum. 508 in Bukarest. Die Briefe stammen aus der Feder des Mönchs Hierotheos, der in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts im Hinterland Konstantinopels wirkte. Aus seiner etwa 170 Briefe umfassenden Sammlung lassen sich viele (und oft einzigartige) Einblicke in die Alltagskultur und die Organisation des Mönchtums in der Komnenenzeit gewinnen.  Ziel des Projektes ist die editio princeps des Textes sowie eine umfassende Kommentierung.

Projektverantwortlich: Prof. Dr. Michael Grünbart

Publikationen:

  • ‘Tis love that has warm’d us – Reconstructing networks in 12th century Byzantium. In: Revue Belge de philologie et d’histoire 83 (2005) 301–313.
  • Nachrichten aus dem Hinterland Konstantinopels: Die Briefsammlung des Mönchs Hierotheos (12. Jahrhundert). In: Byzantinische Zeitschrift 100 (2007) 57–70. 


Medieval Friendship Networks


Bibliography on Byzantine Material Culture and Daily Life

Mitarbeit an der International Medieval Bibliography ( University of Leeds) (Bereich Byzantinistik)


Neuedition und Übersetzung der Chronik von Morea

Die  “Chronik von Morea”  ist eine anonyme, in unverfälschter mittelgriechischer Volkssprache original abgefasste umfangreiche Verserzählung aus dem Anfang des 14. Jhs. Sie behandelt die Eroberung nach 1204 der Peloponnes durch fränkische Barone sowie die Herrschaft dort der Familie Villehardouin. Die Chronik erweist sich als mehrschichtige Fälschung, ursprünglich als das Werk eines im fränkischen Griechenland lebenden lateinischen Prälaten, dem es entgegen der herrschenden Meinung nicht um eine Auseinandersetzung mit den orthodoxen Griechen, sondern, in der Tradition volkssprachlicher Eroberungschroniken des Westens, um die nachträgliche Legitimierung der Herrschaft der Villehardouins ging.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Georgios Makris


Edition und Übersetzung der Schrift des Prokopios von Kaisareia
“Über die Bauten Kaiser Justinians” (De aedificiis)

Die Editionen der Schrift des Prokopios von Kaisareia “Über die Bauten Kaiser Justinians” (De aedificiis) zwischen 1603 (durch den Humanisten David Höschel) und 1913 (durch Jakob Haury in der Bibliotheca scriptorum Graecorum et Romanorum Teubneriana, bis heute maßgeblich) geben eine Version des Textes wieder, die vom Original weit entfernt ist, ja es gezielt und vielfach verfälscht. Die Neuedition basiert auf zahlreichen, bisher wenig berücksichtigten bzw. überhaupt nicht zur Kenntnis genommenen Überlieferungsträgern (z.B. Codex Guelf. Gudianus graecus 70 [4257]).


Ansprechpartner: Prof. Dr. Georgios Makris