Der Arzt, das Buch und das Bild

Festvortrag zum 10-jährigen Bestehen der Zweigbibliothek Medizin von Prof. Dr. Richard Toellner

Prof. Dr.med. Richard Toellner
ehem. Direktor des Instituts für Theorie und Geschichte der Medizin
Wachendorferstr. 31 72108 Rottenburg a.N.

Das Buch

Das Buch gehört, seit es Schriftkulturen gibt, zu den unverzichtbaren Insignien des gelehrten Arztes. Ob Tontafel, Papyrus, Schriftrollen oder Handschrift, der Besitz und Gebrauch des Buches weist den Arzt als einen Mann aus, der - anders als seine heilkundigen Konkurrenten aus der Volksmedizin - seine Kenntnisse, seine Erfahrungen und sein Wissen nicht allein der mündlichen Überlieferung und der Nachahmung des Lehrers und Meisters verdankt, sondern den schriftlich festgehaltenen Erfahrungen, Kenntnissen und Handlungsanweisungen vieler Ärzte vor und neben ihm. Die diachrone und synchrone Erweiterung des Wissens- und Erfahrungshorizontes durch das Buch macht den gelehrten Arzt. Theorie und Praxis zeichnen ihn aus und so wird er in der Antike auch abgebildet: mit Schriftrolle und ärztlichem Instrumentarium. [1]

Im hohen Mittelalter gewann das Buch in der Medizin eine solch große Autorität, dass fortan Medizin ohne Buch nicht mehr vorstellbar war. Zumindest galt dies für die akademische Medizin, die jetzt entstand. Die Medizinschulen von Salerno und Montpellier werden in ihrer Blütezeit (Mitte des 11. bzw. 12. Jahrhunderts) institutionelles und organisatorisches Vorbild für die Ende des 12. Jahrhunderts entstehende europäische Institution gui generis: die Universitas magistrorum et scholarium. [2] Die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, ihre Autonomie, ihre Rektoratsverfassung und Fakultätsstruktur, das Latein, die europaweit alle Nationes verbindende Sprache, und die scholastische Unterrichts- und Lehrmethode sind ihre wichtigsten Kennzeichen. Scholastik heißt: in allen vier Fakultäten, in der Artistenfakultät und den drei oberen Fakultäten Medizin, Jurisprudenz und Theologie herrscht das Buch. Als Gefäß und Bewahrer der Tradition ist sein Inhalt richtungweisende Autorität. Deshalb wird sein Inhalt in der akademischen Vorlesung vom Katheder des Professors herab vorgelesen, glossiert, kommentiert, interpretiert und systematisiert. Das Buch ist Gegenstand der Lehre und des Lernens. Das gilt auch in der Medizin. Sinnfällig wird dies an einem berühmten Bild aus der Anatomie des Mundinus. [3]

Auf hohem Katheder, doch unter den Werken des Hippokrates, Aristoteles, Galen und Avicenna, thront der Professor und liest aus der Anatomie des Galen vor. Am Fuße des Katheders liegt ein Leichnam, den der Prosektor, der Vorschneider, ein einfacher Handwerkschirurg, nach den Anweisungen des Textes seziert und an dem ein Assistent das Gehörte demonstriert. Die Scholaren, Kleriker und Laien, hören und schauen zu. Nicht, was die Natur zeigt, sondern was die Autorität darüber schreibt, gilt. Die antiken Autoritäten, vermittelt durch den byzantinischen und islamischen Kulturkreis, übersetzt ins Lateinische, sind die Lehrmeister der Medizin, die Instanz, vor der sich Richtigkeit oder Falschheit des eigenen Wissens, der eigenen Erfahrung und der eigenen Beobachtung entscheidet. Das Buch und seine Sammlung, die Bibliothek ist daher vielmehr als ein materieller Schatz, das ist sie natürlich auch.

Doch so, wie die medizinische Fakultät bis an das Ende des 18. Jahrhunderts in der Regel die kleinste aller Fakultäten blieb, ist auch die medizinische Literatur in allen öffentlichen Bibliotheken der kleinste Teil geblieben. Die Kloster-, Kirchen, Universitäts-, Hof- und Stadtbibliotheken, allesamt nur in sehr eingeschränktem Sinne öffentliche Bibliotheken, enthielten alle auch medizinische Literatur. Doch die Zahl der medizinischen Werke war klein. Es dominierte bis in das 17. Jahrhundert die theologische, sodann mit einigem Abstand die juristische Literatur. 1395 zählte die Bibliothek der Pariser medizinischen Fakultät ganze 13 Werke, und die Mutter aller medizinischen Fakultäten, Montpellier, besaß 1506 erst 47 Bücher. [4] Dagegen zeigt eine der ältesten und zugleich bedeutendsten Gelehrtenbibliotheken in Deutschland, welch wichtige Rolle die Privatbibliothek vom 15. bis 17. Jahrhundert spielte. Amplonius Rating de Bercka (1364-1435), Theologe, Arzt, Professor der Medizin und erster Rektor der Universität Erfurt (1394) besaß, wie der von ihm 1412 angefertigte Katalog ausweist, 636 Bände, davon waren 101 Sammelbände für 901 medizinische Titel. [5] Die Erfindung des Buchdruckes durch Johannes Gutenberg (1450) und die seit Beginn der Renaissance im 15. Jahrhundert wachsende Gelehrtenbewegung des Humanismus steigerten bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts die Buchproduktion auf das Vielfache und ließen die Bibliotheken, vornehmlich die Privatbibliotheken der Gelehrten wachsen.

Obwohl die Privatbibliotheken des Adels, der Patrizier, der Gelehrten und auch schon der Handwerker im 16. und 17. Jahrhundert eine für Bildung und Wissen ungeheure Bedeutung haben, „ist noch kein Versuch gemacht worden, die Zahl der Privatbibliotheken zu ermitteln“. [6] Kramm nannte 1938 sein Buch „Deutsche Bibliotheken unter dem Einfluß von Humanismus und Reformation“ einen Versuch: „Ein Versuch insofern, als die Vorarbeit, die Entstehungsgeschichte so vieler bekannter und noch mehr versteckter und verzettelter Bibliotheken im Argen liegt“. [7] 60 Jahre später muß Lorenz feststellen, dass „die Geschichte der medizinischen Bibliotheken noch nie geschrieben“ und bis jetzt „ein Desideratum geblieben“ ist. [8]

Doch zurück zu Arzt und Buch.

Bezog im 16. und 17. Jahrhundert ein junger Mann die Universität mit dem Ziel, einst zum Doktor der Medizin promoviert zu werden, musste er zunächst in der Artistenfakultät die sieben freien Künste (septem artes liberales) studieren. Er durchlief das Trivium (Grammatik, Rhetorik und Dialektik), lernte die antiken Sprachen, die Geschichte und Philosophie, um dann im Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) sich mit der Mathematik, Astronomie und Naturkunde vertraut zu machen. Erst wenn der Studiosus den Magister artium erworben hatte, konnte er in der Artistenfakultät selbst lehren oder in die höheren Fakultäten wechseln. Der angehende Arzt studierte dann die theoretische und praktische Medizin in ihren seit der Galen-Renaissance Anfang des 16. Jahrhunderts von Galen so abgegrenzten Teilen: Physiologie, Pathologie, Diätetik (Gesundheitslehre), Semiotik (Krankheits- und Prognosezeichenlehre) und Therapeutik. Zu letzterer gehörte die materia medica, die alle Heilmittel aus den drei Naturreichen, dem Mineral-, Pflanzen- und Tierreich zusammenstellte. Die Botanik mit ihren Kräuterbüchern war also ein genuin medizinisches Fach mit eigenen Lehrstühlen. Dieser medizinische Studiengang hat sich so vom 16. bis zum 18. Jahrhundert an den europäischen Universitäten gehalten. Doch, was keinem evangelischen Theologen oder Juristen möglich gewesen wäre, die Mediziner konnten unabhängig von ihrem Konfessionsstatus überall in Europa studieren und so auch Lutheraner im katholischen Padua, der Hochburg der Medizin und neuen Wissenschaft im 17. Jahrhundert. Die perigrinatio academica gab den Medizinern die Chance, über die engen Grenzen der Konfession und des Territoriums hinauszugehen, ihren Blick zu weiten und die respublica litteraria nicht nur durch Brief und Buch, sondern in der unmittelbaren Kommunikation mit den humanistischen Gelehrten Europas zu leben.

Sie repräsentieren den Typus des späthumanistischen Gelehrten, den Polyhistor, für den die Studia humanitas mehr sind als gelehrte Beschäftigungen, vielmehr der Königsweg, der über die richtige universelle Erkenntnis zu richtiger Lebensführung und gelingender Lebensbewältigung führt. Die Integration der Fachkenntnisse und des Fachwissens, die Einfügung des Spezialwissens in den Kosmos des universellen Wissens konstituiert geradezu den gelehrten Arzt, der nur in Gelehrsamkeit und Ethos seinen in der täglichen Heilpraxis vielfach erfolgreicheren Konkurrenten, den Apothekern, Wundärzten, Barbieren, Hebammen, Bruch- und Steinschneidern, Okulisten, Theriakkrämern und Marktschreiern überlegen ist.

In dem Zeitraum von 1550 bis 1650, wird der Buchbesitz generell zum Statussymbol der gebildeten Stände. Beim Adel, beim Patrizier, beim Stadtbürger und Handwerker entstehen oder vermehren sich Büchersammlungen. Doch während in den Adelsbibliotheken die medizinische Literatur weitgehend fehlt, [9] ist sie in Bürgerbibliotheken wenigstens mit Kräuterbüchern, Rezeptsammlungen, wundarznei- und geburtshilflicher Literatur - natürlich alles in deutscher Sprache - vertreten. [10] Auch bei Handwerkern (vor allem Wundärzten) findet sich jetzt vermehrt Buchbesitz. [11]

Bei den akademisch gebildeten Ärzten der zweiten und dritten Humanistengeneration stellt die Bibliothek mehr dar als ein Attribut ihres gelehrten Standes, mehr als ein Objekt der Sammelleidenschaft. Sie ist vielmehr als Ausweis der Gelehrsamkeit Grundlage für die Existenzmöglichkeit der Doctores Medicinae. Denn allein ihre humanistische Bildung und das daraus erwachsende ärztliche Ethos zeichnet sie vor der großen bunten Schar der übrigen Heilpersonen aus, denen sie in der Praxis therapeutisch keineswegs überlegen sind, mit denen sie bei ihren Patienten konkurrieren müssen. Ihr akademischer Stand und ihr Approbationseid, nicht ihre überlegene ärztliche Kunst in der Praxis, sind die Waffen, mit denen sie ihren beim Volke so beliebten Konkurrenten begegnen und „den gemeinen landfahrern, stöhrern, zäubrischen teufelsbannern, christallsehern, segensprechern, lotterbuben, weibs-personen und anderen losen henckers und lumpen gesindt“ verbieten lassen können, „weder heimb noch öffendlichen patienten zu heilen oder zu curiren noch artzney zu verkaufen“. [12]

Gelehrsamkeit und Ethos werden seit dem 16. Jahrhundert die wirksamen Unterscheidungsmerkmale des akademisch gebildeten Arztes gegenüber den ungebildeten und moralisch fragwürdigen Heilkundigen. Die humanistische Gelehrsamkeit, in der der Arzt sich seine Geschichte aneignet und im überlieferten ärztlichen Ethos seine Identität findet, wird zum Vorbild für die Verwissenschaftlichung auch der praktischen Chirurgie, Geburtshilfe, Zahnheilkunde und Pharmazie, auch wenn deren akademischer Status erst im 19. Jahrhundert endgültig erreicht wird.

Wie gerade das humanistische Ideal vom Gelehrten und dem, einem hohen ärztlichen Ethos verpflichteten Arzt zum Vorbild für die Handwerkschirurgie und damit zur Antriebskraft für die Verwissenschaftlichung der Chirurgie wird, ist bisher in der Medizingeschichte völlig übersehen worden. Deshalb erlauben Sie mir noch einige Anmerkungen zu dem späthumanistischen Bildungsideal vom Arzt als Gelehrten.

Gelehrsamkeit ist nicht gerade die erste der Eigenschaften, die wir bei einem Arzt suchen, wenn wir auf seine Hilfe in Krankheitsnöten hoffen. Wir erwarten vielmehr vom Arzt ärztliche Erfahrung, Vertrauenswürdigkeit, gründliche medizinische Kenntnisse und die Fähigkeit, die Regel auf den Einzelfall beziehen zu können, kurz dass er seine ärztliche Kunst beherrscht.

Die Fähigkeit, antike Autoren im Original zu lesen und zu verstehen, die Kenntnis des Griechischen, die vollkommene Beherrschung des Lateinischen, eine umfassende literarische Bildung, die es erlaubt griechische und lateinische Widmungsgedichte in komplizierten Versmaßen zu schreiben, würden wir an einem Arzt vielleicht bewundern, aber ihn deshalb noch nicht für einen guten Arzt halten, im Gegenteil höchst skeptisch fragen, ob ein solcher Buchgelehrter ein kompetenter Arzt sein kann. Eben diesen Gelehrtentypus als Ideal von Arzt hat die Renaissance hervorgebracht, genauer der Humanismus, die Gelehrtenbewegung der Renaissance, die abseits der Universitäten im bewussten Gegensatz zur Scholastik (Dunkelmännerbriefe) entstand und sich ausbreitete.

Im gleichsam persönlichen Dialog mit den Autoren der wiederentdeckten Antike suchten die Humanisten Normen für die Erneuerung ihres Lebensvollzuges. Die vorzugsweise in Ethik, Ökonomik und Politik betriebenen "studia humanitatis" dienten ihnen dazu, die humanistische Bildungsidee in die Praxis umzusetzen, den Menschen zur Vollkommenheit zu führen und zu einem wahrhaft gesitteten Wesen zu machen im Sinne der oft zitierten Definition des Leonardo Bruni: propterea humanitatis studia nuncupuntur, quod hominem perficiant, atque exornent. [13]

Der Humanismus macht den Arzt zu einem Gelehrten, zu einem Philologen, zu einem Editor und Interpreten antiker Texte, zu einem Exegeten und Kommentator antiker Autoritäten, vor allem auch deontologischer Texte - vorrangig des hippokratischen Eides - Thomas Rütten hat erst jüngst begonnen, diese so wichtige - doch bisher völlig unbeachtete Literatur zu bearbeiten. [14]

Etwa gleichzeitig mit der Ausbreitung und Festigung der Reformation in Mitteleuropa übernimmt der Renaissance-Humanismus im 16. Jahrhundert auch in der - von ihm zunächst als ars mechanica verachteten (Petrarca) [15] - Medizin die Führung und bereitet in der theoretischen Medizin den Durchbruch der neuzeitlichen Wissenschaft vor, der sich dann in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in einer Mischung aus Späthumanismus und Frühaufklärung vollzieht. An den Bibliotheken der Zeit lässt sich verfolgen, wie die spätmittelalterlichen Autoren, ihre Traktate, Kommentare und Floriliegen (Articella) zunehmend durch die Schriften der Alten, durch Celsus, Hippokrates, Galen und die Byzantiner in humanistischen Editionen ersetzt werden und schließlich der Anteil humanistischer Autoren selbst immer mehr zunimmt. Das erste große Werk humanistischer Medizin mit weitreichender Wirkung ist Vesals „De humani corporis fabrica“ von 1543. Das größte Zeugnis späthumanistischer Medizin ist Harveys „Exercitatio anatomica de motu cordis und sanguinis in animalibus“ von 1628, die den Prozess der Entstehung eines neuzeitlichen Medizinkonzeptes unmittelbar in Gang setzt.

Gemeinsam ist dem Flamen Vesal in Padua und dem Engländer Harvey in London die humanistische Gesinnung, ihre Bemühung um die Wiederherstellung der wahren, von keiner Tradition verfälschten Lehre der Alten, ihre nach dem Vorbild der Alten geübte Autopsia, gemeinsam ist ihnen schließlich auch, dass sie die neuen Ergebnisse des Selbstsehens durch die Berufung auf die alten Autoritäten legitimieren. [16] Der Unterschied, der den Wandel eines Jahrhunderts anzeigt, ist freilich der: Vesal appelliert von dem durch die mittelalterliche Überlieferung verfälschten Galen an den wahren in philologisch-kritischer Bemühung wiederhergestellten Galen. Harvey führt gegen die Autorität eben dieses Galen die höhere, weil ältere Autorität der Natur ins Feld. [17] Das Autoritätsprinzip ist noch ungebrochen und bleibt es in der praktischen Medizin bis ins 19. Jahrhundert. Die humanistische Medizin steht, wie aller Humanismus, unter der Forderung: „ad fontes“, zurück zu den Quellen von Wahrheit, Weisheit, Wissenschaft und Kunst bei den Alten. Die humanistische Medizin teilt mit allem Humanismus den antischolastischen Affekt, die Ablehnung spätmittelalterlicher Traditionen, der sich in den reinsten Formen humanistischer Medizin als Antiarabismus zeigt. [18] Verzichten freilich kann die Medizin auf die Werke des islamischen Kulturkreises nicht. Noch im 18. Jahrhundert ist Avicenna Lehrbuch der Inneren Medizin.

Es ist ein neues Verhältnis zur Natur, das die moderne Erfahrungswissenschaften hervorgebracht hat. Nicht, wie es das Selbstverständnis der Aufklärung wollte und wie es noch heute das Selbstverständnis der Naturwissenschaften prägt, nicht die Emanzipation der Wissenschaft aus den Fesseln der Autorität, hat die nuova szienza ermöglicht, sondern der Wechsel von der Autorität der Alten zur Autorität der Natur, die jetzt als Legitimationsinstanz, vor der sich wahr oder falsch mit Hilfe von Vernunft und Erfahrung entscheiden lässt, zur Erforschung der Wahrheit dient. Fort von der Autorität des Buches hin zur Autorität der Natur.

Im Buch der Natur lesen, heißt es jetzt. Noch ist die Metapher Buch als Träger der Autorität mächtig, doch im Buch der Natur lesen, heißt jetzt nicht in die Bücher sehen, sondern in die Natur, sich durch selbst Hinsehen, beobachten und untersuchen ein Bild von der Natur zu machen.

Das Bild

Moderne Medizin ist in Wissenschaft, ärztlicher Ausbildung und täglicher Praxis ohne Bilddokument nicht zu denken. Die zeichnerische oder photographische Abbildung typischer Krankheitsphänomene, das histologische Bild erkrankter Organe oder Gewebe, das Röntgenbild oder Computertomogramm, die graphische Aufzeichnung elektrischer Potentiale, diese und noch viel mehr Bildzeichen sind unerlässliche Mittel ärztlicher Tätigkeit. Für weite Bereiche der Medizin hat das Bild seinen illustrativen Charakter längst verloren. Das Bild ist als Informationsträger an die Stelle des Wortes getreten, ist zur Sache geworden, ohne die es ärztliches Erkennen und Handeln nicht mehr gibt. Welch überragende Bedeutung das Bild in der Medizin gewonnen hat, wird daran deutlich, dass vor drei Tagen der Nobelpreis für Medizin den Männern verliehen worden ist, die die Magnet-Resonanz-Tomographie, das Kernspintomogramm für die medizinische Diagnostik entwickelt haben.

Bei dieser Sachlage heute scheint es unvorstellbar, daß die Medizin zweitausend Jahre lang fast ohne das Bild ausgekommen ist. Das hat medizinische Gründe (morphologische Strukturen spielten für die Säftepathologie kaum eine Rolle) und technische Gründe (Schwierigkeit der Herstellung und Reproduktion). Antike und mittelalterliche Medizin benutzen daher das Bild selten und eigentlich nur in zwei Hauptfunktionen: als Illustration der ärztlichen Situation und Handlung einerseits und als grob vereinfachte, dem modernen Betrachter eigentümlich abstrakt anmutende Schemata anatomischer Verhältnisse oder medizinischer Techniken andererseits. Gerade die letzteren finden sich häufiger in chirurgischen Manuskripten, gedacht zur Unterweisung des leseunkundigen Baders und Chirurgen.

Die Indienstnahme des Bildes durch die Medizin im oben geschilderten Sinn beginnt wie wir gesehen haben in der Renaissance. Eine innere Notwendigkeit, sich des Bildes für die Medizin zu bedienen, das Selbstgesehene (autopsia) so wiederzugeben, wie es sich dem forschenden Auge darstellt, und die äußere Möglichkeit, dies auch zu tun, korrespondieren miteinander. Die Kunst der Renaissance und die neuen Techniken von Buchdruck und Druckgraphik schaffen die Bedingungen für den Siegeszug des Bildes in der Medizin. Es ist kein Zufall, dass Leonardo da Vinci am Anfang dieser Entwicklung steht und für die nächsten Jahrhunderte das Programm für den Ersatz des Wortes durch das Bild liefert: „Schlage dir den Gedanken aus dem Kopf, die Gestalt des Menschen in allen Ansichten in ihrer Gliederung mit Worten wiedergeben zu können; denn je eingehender du sie beschreibst, desto mehr wirst du den Geist des Lebens verwirren und desto mehr wirst du ihm die Erkenntnis gerade dessen entziehen, was du beschrieben hat. Deshalb ist es notwendig, sowohl zu zeichnen als zu beschreiben“. [19] Von hier an datiert die deskriptive, die analytische, die dokumentarische, die didaktische und programmatische Funktion des Bildes in der Medizin. Andreas Vesals Werk: De humani corporis fabrica von 1543 ist dafür das erste hochrangige Paradigma von weitreichender Wirkung.

Holzschnitt von Johan Wächtlin, Straßburg. 180 : 120 mm. In: Hans von Gersdorff, gen. „Schyl-Hans“: Feldbuch der Wundartzney. Straßburg 1517. S. XVIII verso

In medizinisch-chirurgischen Handschriften und Frühdrucken des Spätmittelalters finden sich gelegentlich Abbildungen, die einen von Wunden übersäten Mann darstellen, der die Instrumente seiner Verwundung zumeist noch am nackten Körper trägt.

Verse über der Kopfleiste im nebenstehenden Bild:
Wiewol ich bin voll streich und stich /
zermorscht / verwundet iämerlich /
Doch hoff ich gott / kunstlich artzney /
Schylhans der wird mir helfen frey.

Dieser Wundenmann kommt neben dem Knochenmann, dem Aderlassmann und Tierkreiszeichenmann seltener vor als man nach seinem Bekanntheitsgrad vermuten sollte. Neuhaus hat in seiner Dissertation 26 verschiedene Abbildungen nachweisen können. [20] Die älteste Darstellung stammt aus dem Codex parisinus latinus 11229 (um 1400, Bibliothéque National Paris), die jüngste aus einem Sanitätsbuch des Schweizer Militärs (19. Jahrhundert).

Unser Titelbild gibt in dem Holzschnitt von Johann Wächtlin ein künstlerisch besonders gelungenes Beispiel dieses Typus, bei dem das ikonographische Vorbild, das Martyrium des Heiligen Sebastian, unverkennbar ist: ein aufrecht stehender nackter Mann, der an Haupt, Leib und Gliedern von Kriegswerkzeugen geradezu gespickt ist. Dargestellt sind die Verwundungen durch das ganze Arsenal mittelalterlicher Kampfinstrumente: Hieb- und Stichwaffen, wie Keule, Morgenstern und Axt; Schwert, Säbel, Degen, Dolch und Stilett; Wurfgeschoss, wie Stein, Lanze, Speer und Pfeil. Neu ist auf unserem Bild die Darstellung der Wirkung von Feuerwaffen: die Kanonenkugel trifft den rechten Unterschenkel und reißt die linke Hand ab: Hans von Gersdorff zeigt sich in seinem Lehrbuch der Kriegschirurgie, aus dem unser Bild stammt, ganz auf der Höhe seiner Zeit. Die Lands-Knechtsheere mit ihren Musketen und Kanonen lösen zur Zeit Kaiser Maximilians, des letzten Ritters, die Ritterheere endgültig ab. Die Beschränkung auf Kriegsverletzungen ist sonst nicht typisch. Andere Wundenmänner zeigen auch die Verbrennung, den Biss von Hund, Schlange, Krebs und Spinne. Die Verletzung des Fußes durch Dornen fehlt nie, auch auf unserem Bild nicht, was auf ihre Häufigkeit schließen lässt.

Die ursprüngliche Funktion der Wundenmann-Darstellung geht klar aus den Legenden hervor, die allen Abbildungen in Handschriften beigegen sind. Sie benennen einzeln die abgebildeten Verwundungen und erläutern ihre Behandlung und Prognose. Im einfachsten Fall heißt es einfach „curabilis“ oder „incurabilis“. Häufig jedoch werden verschiedene mögliche Behandlungsverfahren angegeben. Der Wundenmann der Handschriften hatte also eindeutig „die Aufgabe, die beschriebenen Verletzungen zu veranschaulichen und so als Lern- und Merkschema für den Wundarzt und Kriegschirurgen in Hinblick auf die Diagnose und Therapie der Wunden zu dienen.“ Der Wundenmann ist Schautafel und Unterrichtsbild für den ungelehrten Feldscher und Chirurgen, worauf auch der Umstand hinweist, dass die Legenden früh nicht mehr in Latein, sondern landessprachig abgefasst sind.

Mit dem Buchdruck wandelt sich die Funktion der Wundenmann-Darstellung. Die Abbildung verliert die Legende, ja hat oftmals gar keinen Bezug mehr zum jeweiligen Buchtext. Durch Anatomie (Vesal) und wissenschaftliche Chirurgie (Paré) verliert der Lehrinhalt des Bildes seine Bedeutung. Übrig bleibt noch für zwei Jahrhunderte der Wundenmann als Wahrzeichen, als Symbolfigur der Wundarznei und Kriegschirurgie.

Meine Damen und Herren,

den Siegeszug des Bildes in der Medizin von der frühen Neuzeit bis zum heutigen Tage kann ich Ihnen unmöglich schildern. In der heute eröffneten Jubiläums-Ausstellung können Sie selbst an vielen Beispielen verfolgen, wie das Bild immer wichtiger für Lehre und Forschung in der Medizin wird. Wenn wir einmal absehen von den Bildern über Arzt, Patient und Krankheitssituation, von den Selbstdarstellungen und Karikaturen, sozusagen die Medizin im fremden und im eigenen Blick im Laufe der Jahrhunderte, absehen auch von den Bildern, in denen Patienten sich in ihrer Befindlichkeit aussprechen, wichtig heute in Pädiatrie und Psychiatrie, dann geht es immer um die möglichst naturgetreue Abbildung des Beobachtbaren, um das Sichtbar machen des menschlichen Körpers und seiner Veränderungen in den Lebensaltern und durch Krankheit sowie zunehmend auch darum das normalerweise Unsichtbare, das ganz Kleine, durch Licht- und Elektronenmikroskopie, das Innere des Körpers durch Anatomie und Radiologie sichtbar zu machen. Der programmatische Satz: „Wir wissen nur, was wir sehen“ ist aber nur richtig, wenn auch der Satz gilt: „Wir sehen nur, was wir wissen.“ Jedes Bild, und sei es noch so naturgetreu – Sie können es an den so kunstfertig hergestellten Moulagen der Ausstellung bewundern – jedes Bild bedarf der Interpretation, um es für die ärztliche Handlung brauchbar zu machen, der Deutung durch Wissen, durch ärztliche Erfahrung und in der Diskussion. Dabei muß der Prozess der Bildentstehung, sowie die Aussagekraft des produzierten Bildes ebenso reflektiert werden, wie seine Brauchbarkeit für die ärztliche Handlung und für Forschung und Lehre in der Medizin. Dies bedeutet aber nichts anderes, als dass das Buch als Gefäß des Wortes vom Bild nie ganz verdrängt werden kann. Ich habe versucht, Ihnen zu zeigen, warum und wie das Bild unter den historischen Bedingungen des Renaissance-Humanismus die moderne Medizin vorbereitet und seinen Siegeslauf angetreten aber das Buch nicht hat verdrängen können. Sonst hätten wir heute auch nichts zu feiern. Das Bild ist zum Hauptinformationsträger, in der Medizin geworden. Die Gefahr, dass der Patient als Informationsquelle hinter dem Bild, dem Informationsträger verschwindet und der Arzt nur noch zum Informationsinterpreten wird, sich das Bild zwischen Arzt und Patient schiebt, ist groß. Auch das gedruckte Wort kann und muß manchmal auf die nackte Information reduziert werden. Doch dann bleibt es toter Buchstabe. Das Wort als lebendiges Instrument der Kommunikation, das Buch, das das Gespräch mit dem Leser, mit den Müttern und Vätern der Tradition, mit den Kollegen, mit den Patienten führt, wie Hufelands unsterbliche „Makrobiotik oder Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“, dieses Buch, das Gespräch bedeutet zwischen dem Lehrer und Schüler, zwischen dem Arzt und Patient und vice versa wird durch das Bild nie ersetzt werden können.

Fußnoten:

[1] Grape-Albert, H.: Spätantike Bilder aus der Welt des Arztes. Medizinische Bilderhandschriften und ihre mittelalterliche Überlieferung. Wiesbaden 1977.
[2] Grundmann, Herbert: Vom Ursprung der Universität imMittelalter. 3. Aufl. Darmstadt 1964.
[3] Mondino de Luzzi: De omnibus corporis interioribus membis Anathomia. Padua 1475.
[4] Lorenz, Bernd: Humanistische Bildung und fachliches Wissen. Privatbibliotheken deutscher Ärzte. I. Teil. In: Philobiblon. Vierteljahrsschrift für Buch- und Graphiksammler 41 (1977) S. 128-152.
[5] Kadenbach, J.: Die Bibliothek des Amplonius Rating de Berka. Entstehung, Wachstum, Profil. In: Speer, A. (Hrsg.): Die Bibliotheca Amploniana. Ihre Bedeutung im Spannungsfeld von Aristotelismus, Nominalismus und Humanismus. Berlin, New York 1995. (=Miscellanea Mediaevalia,; 23). 16-31.
[6] Buzás, Ladislaus: Deutsche Bibliotheksgeschichte der Neuzeit. (1500-1800). Wiesbaden 1976. (= Elemente des Buch- und Bibliothekswesens 3). 86.
[7] Kramm, H.: Deutsche Bibliotheken unter dem Einfluß von Humanismus und Reformation. Ein Beitrag zur deutschen Bildungsgeschichte. Leipzig 1938 (= Beih. z. Zentralblatt f. Bibliothekswesen 70). VIII.
[8] Lorenz, wie Fn. 4, 131.
[9] Pieticha, Edith: Adel und Buch. Studien zur Geschichte des fränkischen Adels am Beispiel seiner Bibliotheken vom 15. bis 18. Jahrhundert. Neustadt a.d. Aisch 1983. S. 274-296.
[10] Alschner, Christian: Medizinische Literatur in Dresdner Bürgerbibliotheken des 15./16. Jahrhunderts. In: NTM-Schriftenreihe für Geschichte der Naturwiss., Techn. u. Med. 15 (1978) 56-62.
[11] Hackenberg, M.: Books in Artisan Homes of Sixteenth-Century Germany. In: Jour. Library Hist., Phil. and Comperative Librarianship 21 (1986) 72-91.
[12] Müller, Uwe (Hg.): Wissenschaft und Buch in der Frühen Neuzeit. Schweinfurt 1998, S. 30-31. Anzeige vom 21. März 1651 gegen eine Kurfuscherin, die von allen vier Gründern der Leopoldina unterschrieben ist: Bausch, Fehr, Metzger und Wohlfahrt.
[13] Bruni, Leonardi: Epistolae Lib. VI; ed. L. Mehus, Florenz 1741, Bd. II, 49.
[14] Rütten, Thomas: Medizinethische Themen in den deontologischen Schriften des „Corpus Hippocraticum“. Zur Präfiguration des historischen Feldes durch die zeitgenössische Medizinethik. In: Médecine et Morale dans L’Antiquité. Genf 1997 (= Entretiens sur l’Antiquité classique. Bd. 43) 65-120.
[15] Petrarca, Francesco: Invective contra medicum; ed. Crit. A cura di P.G. Ricci, Rom 1950.
[16] Toellner, Richard: „Renata dissectionis ars.“ Vesals Stellung zu Galen in ihren wissenschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen und Folgen. In: Rezeption der Antike. Zur Problematik der Kontinuität zwischen Mittelalter und Renaissance.
[17] Toellner, Richard: Logical and Psychological Aspects of the discovery of blood. In: On scientific Discovery. The Erice Lectures 1972. Hg. v. M.D. Gremek, R. S. Cohen und G. Cimino. Dordrecht, Boston, London 1980. 239-259.
[18] Toellner, Richard: Zum Begriff der Autorität in der Medizin der Renaissance. In: Humanismus und Medizin. Hg. v. R. Schmitz und G. Keil, Weinheim 1984 (= DFG Mitteilung XI der Kommission für Humanismusforschung) 159-179.
[19] Herrlinger, Robert: Geschichte der medizinischen Abbildung. Bd. 1: Antike bis um 1600. München 1967, Zitat S. 76.
[20] Neuhaus, Klaus: Der Wundenmann. Tradition und Struktur einer Abbildungsart in der medizinischen Literatur. Diss.Med., Münster 1981