Die Arbeitseinheit für Klinische Psychologie und Translationale Psychotherapie widmet sich mittels Grundlagen-, Interventions- und Prozessforschung primär der Frage, wie Essstörungen und Depressionen entstehen und aufrecht erhalten werden und wie sich diese effektiv behandeln lassen.
Dabei fokussieren wir insbesondere auf Prozesse der Emotionserkennung und Emotionsregulation, sozialen Kognition sowie auf kognitive Verzerrungen und kognitive Kontrolle. Wir übersetzen Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in neue, insbesondere technologiegestützte, neurobiologisch fundierte und pharmakologisch augmentierte psychologische Interventionen und testen diese in randomisiert-kontrollierten Studien.
Darüber hinaus sind wir bestrebt, mittels Psychotherapie-Prozessforschung Wirkmechanismen bestehender Behandlungsverfahren zu identifizieren um die Wirksamkeit dieser Behandlungsverfahren zu verbessern. Hierfür verwenden wir u.a. Stimmfrequenzanalysen und computerbasierte quantitative Textanalysen.
Changing habits in anorexia nervosa – a randomized controlled trial (CHAiN)
Kurzbeschreibung: Anorexia Nervosa (AN) ist eine schwere psychische Erkrankung, die durch ausgeprägte Nahrungsrestriktion, Untergewicht und eine hohe Chronifizierungs- und Sterblichkeitsrate gekennzeichnet ist. Trotz intensiver Behandlungsangebote sind Therapieerfolge oft begrenzt, Rückfälle häufig. Ein zentraler Grund hierfür ist das bislang unzureichende Verständnis der Mechanismen, die die Störung aufrechterhalten.
Ein neu entwickeltes neurobiologisch informiertes Störungsmodell geht davon aus, dass viele problematische Verhaltensweisen bei AN nicht mehr zielgerichtet, sondern als starre, automatisch ablaufende Verhaltensroutinen organisiert sind. Diese sogenannten Habits werden durch Hinweisreize ausgelöst, sind von ihren Konsequenzen entkoppelt und dadurch besonders stabil. Bildgebende Studien stützen dieses Modell, indem sie eine verstärkte Beteiligung des dorsalen Striatums, einer für habituelles Verhalten zentralen Hirnregion, bei nahrungsbezogenen Entscheidungen von Patientinnen mit AN zeigen.
Auf dieser Grundlage wurde von unserer Kooperationspartnerin Joanna Steinglass an der Columbia University in New York die Intervention REaCH entwickelt, die gezielt auf ernährungsbezogene Verhaltensroutinen abzielt. Eine erste randomisiert-kontrollierte Pilotstudie zeigte vielversprechende Effekte auf Essverhalten und Symptomatik.
Die aktuelle konfirmatorische, randomisiert-kontrollierte Studie untersucht bei 110 stationär behandelten Patient*innen, ob REaCH im Vergleich zu supportiver Psychotherapie die zugrunde liegenden Mechanismen verändert und klinisch relevante Verbesserungen erzielt. Primärer Endpunkt ist die Gewichtszunahme bis sechs Monate nach Behandlungsende, ergänzt durch psychologische und verhaltensbezogene Sekundärendpunkte.
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (2020-2026)
Glucocorticoid enhancement of food exposure therapy in bulimic-type eating disorders (GEAR)
Kurzbeschreibung: Die Binge-Eating-Störung (BES) ist die häufigste Form von Essstörungen und zeichnet sich durch wiederkehrende Episoden anfallsartigen Essens sowie ein starkes, als unkontrollierbar erlebtes Verlangen nach Nahrung aus. Obwohl die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) als wirksam gilt, brechen etwa ein Viertel der Patientinnen und Patienten die Behandlung frühzeitig ab, und rund die Hälfte erleidet Rückfälle. Ein zentraler Aufrechterhaltungsmechanismus der BES sind konditionierte Reaktionen auf interne und externe nahrungsbezogene Reize, die intensives Verlangen und Essanfälle auslösen.
Ein Kernelement der KVT ist die Nahrungsmittelexposition mit Reaktionsverhinderung, die darauf abzielt, diese konditionierten Reaktionen durch Extinktionslernen abzuschwächen. Während dieses Lernprozesses werden neue Gedächtnisinhalte gebildet und konsolidiert. Präklinische und klinische Studien zeigen, dass Glukokortikoide, insbesondere Cortisol, Gedächtnisprozesse modulieren können, indem sie den Abruf affektiv geladener Erinnerungen hemmen und die Konsolidierung neuer Inhalte erleichtern. Diese Effekte wurden bereits erfolgreich zur Verstärkung von Expositionstherapien bei Angststörungen genutzt.
Die aktuell laufende, doppel-blinde, randomisierte, placebo-kontrollierte Pilotstudie untersucht bei 50 Patientinnen und Patienten mit BES, ob die Gabe von Cortisol das Extinktionslernen während der Nahrungsmittelexposition verstärken kann. Ziel ist es, einen innovativen, biologisch augmentierten Behandlungsansatz zu prüfen und die zugrunde liegenden Wirkmechanismen besser zu verstehen.
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (2021-2026)
Principal Investigator: Timo Brockmeyer
Kooperationspartner: Christoph Herrmann-Lingen (Universitätsmedizin Göttingen), Dominique de Quervain (Universität Basel)
Increasing approach behaviour towards positive socio-emotional cues in depression: a randomized clinical trial (IncA)
Wirksame Behandlungsverfahren für Depressionen stehen zwar zur Verfügung, dennoch sprechen viele Patientinnen und Patienten nicht ausreichend auf die Therapie an oder erleben Rückfälle. Kognitive Verzerrungen, insbesondere automatische Annäherungs- und Vermeidungstendenzen gegenüber sozialen und emotionalen Reizen, gelten als wichtige Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Symptomatik. Cognitive Bias Modification Training zielt darauf ab, solche automatisierten Reaktionsmuster gezielt zu verändern. Die vorliegende Studie untersuchte die Wirksamkeit eines neu entwickelten, mobilen Approach-Avoidance Bias Modification Trainings (ABMT) mit sozio-emotionalen Reizen als ergänzende Intervention bei Depression.
In einer randomisiert-kontrollierten Studie absolvierten 75 stationär behandelte Patientinnen und Patienten mit Depression zusätzlich zur üblichen Behandlung entweder ein aktives oder ein Schein-ABMT. Beide Interventionen umfassten sechs Trainingseinheiten über einen Zeitraum von zwei Wochen. Primärer Endpunkt war die selbstberichtete Depressionssymptomatik; sekundäre Endpunkte umfassten Annäherungs-/Vermeidungstendenzen, Anhedonie und Positivität. Die Erhebungen erfolgten vor und nach dem Training sowie nach zwei Wochen und sechs Monaten.
Kurzfristig unterschieden sich die beiden Gruppen nicht hinsichtlich der Reduktion depressiver Symptome oder der Veränderung kognitiver Biases. Langfristig zeigte sich jedoch ein Vorteil des aktiven Trainings: Sechs Monate nach Studienbeginn wiesen Teilnehmende der Interventionsgruppe eine stärkere Reduktion depressiver Symptome auf. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass mobiles ABMT mit sozio-emotionalen Reizen keine unmittelbaren, aber potenziell nachhaltige Effekte haben kann. Zukünftige Studien sollten die Wirkmechanismen und die langfristige klinische Relevanz dieses Ansatzes weiter untersuchen.
Food approach bias modification training in anorexia nervosa (FABA)
Zwar stehen wirksame Behandlungsansätze für Anorexia nervosa (AN) zur Verfügung, viele Patient*innen sprechen jedoch nicht ausreichend auf die Therapie an oder erleiden Rückfälle. Vor diesem Hintergrund rücken zunehmend kognitive Verzerrungen in den Fokus, von denen angenommen wird, dass sie zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung beitragen. Cognitive Bias Modifikation Training zielt darauf ab, solche kognitiven Verzerrungen in Form von automatischen Annäherungs- und Vermeidungstendenzen gezielt zu verändern. Die vorliegende Studie untersuchte die Wirksamkeit eines neuartigen, mobilen Approach-Avoidance Bias Modification Trainings (ABMT) mit nahrungsbezogenen Reizen als ergänzende Intervention bei AN.
In einer randomisiert-kontrollierten Studie erhielten 90 stationär behandelte Patient*innen mit AN zusätzlich zur üblichen Behandlung entweder ein aktives ABMT, ein Schein-Training oder kein zusätzliches Training. Die beiden Interventionen umfassten sechs Trainingseinheiten. Primärer Endpunkt war die selbstberichtete Essstörungssymptomatik; sekundäre Endpunkte beinhalteten nahrungsbezogene Annäherungs- und Vermeidungstendenzen, Angst vor Nahrung sowie den Body Mass Index. Die Erhebungen erfolgten zu Behandlungsbeginn, nach Abschluss des Trainings und sechs Monate später.
Die Ergebnisse zeigten keine Überlegenheit des aktiven ABMT gegenüber den Kontrollbedingungen. Weder die Essstörungssymptomatik noch BMI, Angst vor Nahrung oder Annäherungs-Vermeidungstendenzen verbesserten sich spezifisch durch das Training. Zudem vermittelten Veränderungen im Bias keine Therapieeffekte. Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass mobiles ABMT mit nahrungsbezogenen Reizen in der untersuchten Form keinen wirksamen Zusatz zur stationären Behandlung von AN darstellt. Zukünftige Forschung sollte prüfen, ob modifizierte oder stärker personalisierte Trainingsansätze erfolgversprechender sind.
Cognitive control training for patients waiting for outpatient psychotherapy: a randomized clinical trial (CoCo)
Beeinträchtigungen der kognitiven Kontrolle finden sich bei vielen psychischen Störungen und gelten als zentral für eine effektive Emotionsregulation. Trainings zur Stärkung der kognitiven Kontrolle haben in ersten Studien vielversprechende Effekte gezeigt, insbesondere bei Störungen mit repetitivem negativem Denken wie Depressionen und Angststörungen. Vor diesem Hintergrund untersuchten wir in der CoCo Studie die Wirksamkeit eines mobilen Trainings zur kognitiven Kontrolle in einer transdiagnostischen ambulanten Stichprobe.
In der randomisiert-kontrollierten Studie erhielten 80 Patientinnen und Patienten auf einer Warteliste für Psychotherapie entweder zehn Sitzungen eines mobilen Trainings zur kognitiven Kontrolle (basierend auf dem Paced Auditory Serial Addition Test, PASAT) oder ein aktives Kontrolltraining zur Reaktionsgeschwindigkeit. Primärer Endpunkt war die allgemeine psychische Belastung; sekundäre Endpunkte umfassten Maße der kognitiven Kontrolle, Grübeln und repetitives negatives Denken, Emotionsregulation sowie störungsspezifische Symptome. Die Erhebungen erfolgten vor und nach dem Training sowie nach drei und sechs Monaten.
Entgegen der Haupthypothese führte das Training nicht zu einer stärkeren Reduktion der allgemeinen psychischen Belastung. Es zeigte sich jedoch eine deutliche und stabile Verbesserung der kognitiven Kontrolle bis sechs Monate nach dem Training. Darüber hinaus fanden sich zu den Follow-up Zeitpunkten kleinere Vorteile in einzelnen Aspekten der Emotionsregulation und hinsichtlich der Reduktion von Angstsymptomen. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass mobiles kognitives Kontrolltraining zwar spezifische kognitive Prozesse verbessert, aber in heterogenen Patient*innengruppen nur begrenzte Effekte auf klinische Symptome hat. Zukünftige Studien sollten mögliche Wirkmechanismen und moderierende Faktoren in größeren Stichproben untersuchen.
Die Exposition gegenüber dem eigenen Körper (z.B. mittels Spiegel, Fotos oder Videos) ist eine zentrale Intervention der Kognitiven Verhaltenstherapie bei Essstörungen und zielt darauf ab, Körperbildstörungen zu reduzieren. Trotz ihrer breiten Anwendung sind die zugrunde liegenden Wirkmechanismen bislang nur unzureichend verstanden. Da Körperbildstörungen eine hohe prognostische Bedeutung für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen haben, ist ein besseres Verständnis dieser Mechanismen von großer klinischer Relevanz.
In dieser randomisiert-kontrollierten Studie untersuchen wir, welche spezifischen Wirkmechanismen zur Effektivität der Körperbildexposition beitragen. Insgesamt nehmen 110 Frauen mit ausgeprägter Körperunzufriedenheit teil, die zufällig einer von fünf Bedingungen zugewiesen werden: einer Standard-Körperbildexposition, einer Exposition mit Fokus auf Habituation, einer Exposition mit Fokus auf Aufmerksamkeitsbias-Modifikation, einer Exposition mit Fokus auf Interpretationsbias-Modifikation oder einer Kontrollbedingung ohne Intervention. Verschiedene Dimensionen der Körperbildstörung sowie essstörungsspezifische Symptome werden vor und nach der Intervention sowie zwei Wochen später erhoben. Zusätzlich werden Veränderungen der jeweils adressierten Zielmechanismen erfasst.
Die Datenerhebung in dieser Studie ist abgeschlossen, die Daten werden aktuell ausgewertet.
Digital diagnostics assistant in psychotherapy (DiDi)
In diesem Projekt wird untersucht, ob sich zentrale klinische Merkmale psychischer Störungen aus Sprachdaten psychotherapeutischer Erstgespräche vorhersagen lassen. Ziel ist es, ein objektives, ressourcenschonendes Instrument zur Diagnostik und zur Vorhersage möglicher Symptomveränderungen zu entwickeln, das bestehende diagnostische Verfahren sinnvoll ergänzt.
Hierfür werden Daten von Patientinnen und Patienten genutzt, die ein psychotherapeutisches Erstgespräch in der Psychotherapie-Ambulanz absolvieren. Aus Tonaufzeichnungen dieser Gespräche werden sowohl linguistische (z. B. Wortwahl, Selbstbezug, Emotionalität) als auch paralinguistische Parameter (z. B. Stimmgrundfrequenz, Sprechtempo, Pausenstruktur) extrahiert. Mithilfe moderner Verfahren der Sprachverarbeitung soll geprüft werden, inwieweit diese Merkmale beispielsweise die Diagnose einer Depression, den Schweregrad depressiver Symptomatik, die allgemeine psychische Belastung sowie berufliche und soziale Beeinträchtigungen und Veränderungen in diesen klinischen Parametern zuverlässig vorhersagen können.
Ein besonderer Vorteil des Ansatzes liegt darin, dass ausschließlich Daten genutzt werden, die ohnehin im Rahmen der Routineversorgung erhoben werden, ohne zusätzlichen Aufwand oder Belastung für die Patientinnen und Patienten. Langfristig soll DiDi dazu beitragen, Fehldiagnosen zu reduzieren, symptomatische Verschlechterungen frühzeitig zu erkennen und personalisierte therapeutische Entscheidungen zu unterstützen.
Die laufende Studie unter Federführung von Prof. Dr. Timo Brockmeyer wurde kürzlich in einem Artikel in wissen/leben, der Zeitung der Universität Münster, aufgegriffen.
Validierung von Messinstrumenten für eine verbesserte Diagnostik bei Essstörungen (ValDi)
Diese Studie verfolgt das Ziel, eine bessere diagnostische Erfassung von Essstörungen und Messung kurzfristiger Symptomveränderungen zu ermöglichen. Eine präzise, reliable, ressourcenschonende und praktikable Diagnostik ist von hoher Bedeutung, sowohl für die klinische Versorgung als auch für die Forschung und die Evaluation therapeutischer Interventionen. Bislang stehen hierfür jedoch nur begrenzt zeitökonomische und veränderungssensitive Instrumente in deutscher Sprache zur Verfügung.
Im Mittelpunkt der Studie steht der Vergleich eines neu ins Deutsche übersetzten, adaptiven diagnostischen Interviews (Eating Disorder Assessment for DSM-5, EDA-5) mit der etablierten Eating Disorder Examination (EDE). Das logarithmen-basierte EDA-5 passt den weiteren Interviewverlauf an vorher gegebene Antworten an und ermöglicht so eine fokussierte, zeitsparende Diagnostik. Untersucht werden Übereinstimmung und Güte der Diagnosen, Durchführungsdauer sowie Anwendungsfreundlichkeit beider Instrumente. Erste vorläufige Ergebnisse dazu wurden 2023 beim gemeinsamen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen und der Deutschen Adipositas Gesellschaft und 2024 beim 3. Deutschen Psychotherapie Kongress vorgestellt.
Darüber hinaus werden mehrere neu übersetzte Kurzfragebögen zur Erfassung von Veränderungen in Essstörungssymptomen, auch innerhalb kurzer Zeiträume, validiert. Diese Instrumente sollen besonders sensitiv für Symptomveränderungen sein und werden mit etablierten Fragebögen verglichen.
Die Ergebnisse des Projekts sollen dazu beitragen, Diagnostikprozesse bei Essstörungen effizienter und präziser zu gestalten und Veränderungen im Therapieverlauf besser abzubilden. Dies bietet wichtige Impulse für eine individualisierte Behandlungsplanung und für die Weiterentwicklung klinischer Forschung.
Interpersonal dynamics in eating and affective disorders (IDeA)
Sowohl Menschen mit Anorexia nervosa (AN) als auch Menschen mit Depression zeigen häufig Beeinträchtigungen in der Emotionsverarbeitung, im emotionalen Ausdruck sowie in der sozialen Kognition. Diese Schwierigkeiten gelten als wichtige Aufrechterhaltungsfaktoren beider Erkrankungen. Bisherige experimentelle Paradigmen zur Untersuchung sozialer Interaktion bei AN und Depression sind jedoch oft wenig standardisiert, erfassen nur einzelne Aspekte sozial-emotionalen Verhaltens oder weisen eine geringe ökologische Validität auf.
In zwei aktuellen Studien verwenden wir daher ein innovatives, interaktionsnahes Paradigma: den Simulated Interaction Task (SIT), entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Center for Cognitive Interaction Technology (CITEC) der Universität Bielefeld. Teilnehmende interagieren dabei mit einer vorab aufgezeichneten Schauspielerin, die durch mimische und gestische Reaktionen eine natürliche Gesprächssituation simuliert. Dieses Vorgehen ermöglicht eine hohe Standardisierung bei gleichzeitig hoher ökologischer Validität.
Während der Interaktion werden Video- und Audiodaten erhoben, aus denen detaillierte nonverbale Merkmale wie Mimik, Blickverhalten und stimmliche Parameter extrahiert werden. Ergänzend werden etablierte Fragebögen zu störungsspezifischen Symptomen, sozialer Angst, autistischen Merkmalen und psychosozialer Funktionsfähigkeit eingesetzt. In den beiden querschnittlichen Fall-Kontroll-Studien werden insgesamt 200 Patientinnen und Patienten mit AN oder Depression sowie 200 gesunde Kontrollpersonen untersucht.
Ziel ist es, mithilfe maschineller Lernverfahren spezifische Muster sozialer Interaktion bei AN und Depression zu identifizieren und deren Zusammenhang mit klinischen Symptomen zu analysieren. Die federführend von Denise Hokamp, Meret König und Prof. Dr. Timo Brockmeyer, in Kooperation mit Prof. Hanna Drimalla und Dr. Matthias Norden (Universität Bielefeld) durchgeführten Studien sollen einen Beitrag zum verbesserten Verständnis sozialer Verarbeitungsprozesse bei psychischen Erkrankungen liefern.
Meta-Analysen "Efficacy of Body Image Interventions in Eating Disorders" und "Efficacy of psychotherapy on body image in patients with eating disorders" (MetaBody)
Körperbildstörungen sind ein zentrales Merkmal von Essstörungen und gelten als wichtige Prädiktoren für Therapieerfolg, Krankheitsverlauf und Rückfallrisiko. Vor diesem Hintergrund fassen wir aktuell in zwei komplementären systematischen Reviews mit Metaanalyse die aktuelle Evidenz zur Wirksamkeit verschiedener Behandlungsansätze bei Essstörungen zusammen.
Die erste Metaanalyse untersucht randomisiert-kontrollierte Studien zu psychologischen Interventionen, deren primärer Fokus auf dem Körperbild liegt. Eingeschlossen werden verschiedene Interventionsformate (z. B. Expositionstherapie, spezifische kognitiv-behaviorale Therapie oder andere körperbildfokussierte Ansätze), die mit aktiven oder passiven Kontrollbedingungen verglichen werden. Analysiert werden Effekte auf unterschiedliche Dimensionen des Körperbildes (kognitiv-affektiv, perzeptiv, behavioral) sowie auf Essstörungssymptome, jeweils zu Behandlungsende und, sofern verfügbar, im Follow-up.
Ergänzend dazu konzentriert sich die zweite Metaanalyse auf etablierte, leitlinienkonforme Psychotherapieverfahren bei Essstörungen (z. B. Kognitive Verhaltenstherapie, familienbasierte, psychodynamische oder interpersonelle Therapie). Diese Metaanalyse beantwortet erstmals systematisch die Frage, in welchem Ausmaß solche Behandlungen Körperbildstörungen verbessern.
Gemeinsam sollen die beiden, federführend von Dr. Carolin Wolters und Prof. Dr. Timo Brockmeyer durchgeführten Metaanalysen eine differenzierte Evidenzbasis dazu liefern, wie wirksam körperbildbezogene Interventionen sind und ob etablierte psychotherapeutische Verfahren zur Veränderung von Körperbildstörungen führen. Damit sollen sie wesentlich dazu beitragen, Körperbildstörungen als wichtiges therapeutisches Ziel bei Essstörungen evidenzbasiert einzuordnen und zukünftige Behandlungsansätze gezielter weiterzuentwickeln.