KONZEPT DER Klassenführung

Was versteht man unter Klassenführung?

Klassenführung bezeichnet die Art und Weise, wie eine Lehrperson die einzelnen Unterrichtsaktivitäten wie z.B. Unterrichtsgespräch, Lehrerdemonstrationen, Lehrerinstruktionen, Stationenlernen, Wochenplanarbeit einvernehmlich mit den Schülerinnen und Schülern etabliert und ihren störungsfreien und reibungslosen Ablauf gewährleistet. Das Ziel von Klassenführung besteht in der Maximierung der individuellen Lernzeit für jeden Lernenden. Sie ist eine wesentliche Voraussetzung, um eine anregende Lernumgebung für eine Gruppe von Lernenden zu schaffen (Gold & Holodynski, 2011; Ophardt & Thiel, 2013). In Metaanalysen konnte die Bedeutung der Klassenführung für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schüler eindeutig bestätigt werden (vgl. Seidel & Shavelson, 2007; Wang Haertel & Walberg, 1993).

Wichtig für die Klassenführung sind einerseits prozessorientierte Unterrichtsmaßnahmen. Dazu gehört eine effiziente Ablaufsteuerung der Unterrichtsaktivitäten sowie die Prävention und angemessene und prompte Bewältigung von Unterrichtsstörungen mit dem Ziel, die aktive Lernzeit für jeden einzelnen Lernenden zu maximieren (Kounin, 2006/1976). Hierzu gehören insbesondere die Allgegenwärtigkeit einer Lehrperson, über das Unterrichtsgeschehen jederzeit informiert zu sein und dies die Lernenden auch wissen zu lassen, sowie die reibungslose und schwungvolle Strukturierung des Unterrichtsverlaufs. Andererseits lassen sich diese prozessorientierten Maßnahmen durch strukturorientierte Maßnahmen effizient unterstützen. Sie betreffen die Einführung und Etablierung von lernförderlichen Unterrichtsregeln und -routinen. Diese Maßnahmen unterstützen auf lange Sicht ein lernförderliches Klassenklima und eine effektive Nutzung der Lernzeit, indem viele nützliche Lernaktivitäten für die Schülerinnen und Schüler zur Routine geworden sind und daher von der Lehrperson nicht immer wieder aufs Neue angeleitet werden müssen.

Die Fähigkeit, Unterricht auf die Realisierung dieser drei zentralen Merkmale der Klassenführung hin zu analysieren, ist deshalb für eine Lehrperson von großer Bedeutung. Die folgenden Ausführungen zeigen auf, wie eine Lehrperson eine effiziente Klassenführung mit Hilfe der drei genannten Merkmale einführen und etablieren kann. Dazu werden verschiedene Maßnahmen beschrieben, die die Lehrperson im Unterricht ergreifen kann. Die Clips wurden so ausgewählt, dass sie sich für eine Analyse dieser Maßnahmen besonders eignen.

1. Maßnahmen zur Allgegenwärtigkeit der Lehrperson im Unterricht

Allgegenwärtigkeit bezeichnet die Kompetenz der Lehrperson, umfassend über das Unterrichtsgeschehen informiert zu sein und dies den Schülerinnen und Schülern auch zurückzumelden. Dadurch sollen sie den Eindruck gewinnen, dass die Lehrperson über alles, was in der Klasse vor sich geht, "im Bilde" ist und wenn nötig eingreifen wird.
Bedeutungsvoll ist in diesem Zusammenhang die Reaktion auf Störverhalten oder andere Unterrichtsunterbrechungen: Als effektiv hat sich eine kurze und bündige Reaktion zum richtigen Zeitpunkt (prompte oder zeitlich nahe Reaktion auf das Störverhalten, bevor es sich verstärken kann) gegenüber der richtigen Person (Ansprache des störenden Kindes) erwiesen, so dass sich das Störverhalten nicht auf weitere Schüler/innen ausbreiten kann.
Darüber hinaus bezieht sich Allgegenwärtigkeit auch auf positives Feedback und der Vermittlung von positiver Präsenz, beispielsweise in Form von Lob, bestärkende Mimik und Gestik sowie das Bemerken von fehlenden Schülerinnen oder Schülern oder einer für einzelne ungünstigen Sitzordnung.
Der Aspekt der „Allgegenwärtigkeit“ verweist auch auf den Aspekt der Überlappung: Überlappung bezeichnet die Fähigkeit einer Lehrkraft, zwei oder mehrere parallele Unterrichtsprozesse aufmerksam steuern zu können, z. B. wenn eine Störung unterbunden und simultan das Unterrichtgespräch fortgesetzt werden muss.

2. Maßnahmen zum reibungslosen Strukturieren des Unterrichtsverlaufs

Eine erfolgreiche Klassenführung zeigt sich in einer geschickter Auswahl und reibungslosen Ablaufsteuerung von Unterrichtsaktivitäten. Unterrichtsaktivitäten lassen sich als komplexe Interaktionen zwischen Lernenden, Lerngegenstand und Lehrperson verstehen, die nach bewusst gesetzten Regeln ablaufen sollten und festlegen, was Lehrperson und Lernende in Bezug auf den Lernstoff zu tun haben. Beispiele für Unterrichtsaktivitäten sind Unterrichtsgespräch, Lehrervortrag, Lehrerinstruktion, Lehrerdemonstration, Stillarbeit, Wochenplanarbeit, Stationenlernen, die einzelnen Phasen eines Gruppenpuzzles.

Zum Strukturieren des Unterrichtsverlaufs zählt zum einen, dass eine Lehrperson für reibungslose Übergänge zwischen den Unterrichtsaktivitäten sorgt, denen die Schülerinnen und Schüler gut folgen können, so dass sie den Unterricht ohne Verzögerung fortführen.

Zum anderen zählt dazu, dass eine Lehrperson für einen schwungvollen Verlauf innerhalb einer Unterrichtsaktivität sorgt, indem sie beispielshalber Meldungen der Kinder, die nicht zum Unterrichtsinhalt gehören, in den Unterrichtsverlauf einordnet, in zu lang dauernde Prozesse eingreift oder Signale zur Verdeutlichung des Wechsels von Unterrichtseinheiten gibt. Das Tempo des Unterrichts sollte in angemessener Weise auf das Lerntempo der Schülerinnen und Schüler abgestimmt sein und nicht zu langsam ablaufen, so dass sie sich zu langweilen beginnen, oder zu schnell ablaufen, so dass sie dem Unterricht nicht mehr folgen können.

3. Maßnahmen zum Etablieren und Befolgen von Unterrichtsregeln

Eine erfolgreiche Klassenführung sorgt auch dafür, dass die Ablaufsteuerung von häufig verwendeten Unterrichtsaktivitäten wie Unterrichtsgespräch, Stationenlernen, Lehrerdemonstration, Wochenplanarbeit, etc. mit den Schülerinnen und Schülern explizit eingeübt wird, so dass allen Beteiligten klar ist, was sie in Bezug auf den Lernstoff wann und wie zu tun haben. Werden diese Unterrichtsaktivitäten für die Lernenden zur Routine, dann entlastet das die Lehrperson in der Ablaufsteuerung des Unterrichts. Sie kann sich dann stärker dem Unterrichtsinhalt und einzelnen Schülerinnen und Schülern zuwenden. Ein gut organisierter Unterricht zeigt sich daher auch in eingeübten, regelgeleiteten Unterrichtsaktivitäten, an die sich die Lernenden auch ohne direkte Lehreranweisung halten. Sie zeigt sich auch an expliziten Anweisungen, durch die die Lehrperson ihre Schülerinnen und Schüler an die Einhaltung von Unterrichtsregeln erinnert und für deren Einhaltung sorgt. Darüber hinaus spielt die Einübung von Routinen und Ritualen wie z.B. eine Routine zur Bildung eines Stuhlkreises oder ein Begrüßungsritual, eine wichtige Rolle, um den Unterrichtsfluss effizient zu machen und die Klassengemeinschaft zu stärken.

Bei der Beschreibung der einzelnen Unterrichtsausschnitte finden sich Vorschläge zu denjenigen Maßnahmen, die man unserer Einschätzung nach in diesem Ausschnitt besonders gut analysieren kann.

Literatur

Gold, B. & Holodynski, M. (2011). Klassenführung. In E. Kiel & K. Zierer (Hrsg.), Basiswissen Unterrichtsgestaltung, Band 3: Unterrichtsgestaltung als Gegenstand der Praxis (S. 133-151). Hohengehren: Schneider Verlag.

Kounin, J. S. (1976/2006): Techniken der Klassenführung. Stuttgart: Klett.

Ophardt, D. & Thiel, F. (2013). Klassenmanagement: Ein Arbeitsbuch für die Schule. Stuttgart: Kohlhammer.

Seidel, T. & Shavelson, R. J. (2007). Teaching effectiveness research in the past decade: The role of theory and research design in disentangling meta-analysis results. Review of Educational Research, 77, 454-499.

Wang, M. C., Haertel, G. D., & Walberg, H. J. (1993). Toward a knowledge base for school learning. Review of Educational Research, 63, 249-294.

 

Vertiefende Literatur

Kounin, J. S. (1976/2006): Techniken der Klassenführung. Stuttgart: Klett.

Kounins Buch über seine Unterrichtsanalysen sind der Klassiker zur Klassenführung.

Gold, B. & Holodynski, M. (2011). Klassenführung. In E. Kiel & K. Zierer. (Hrsg.), Basiswissen Unterrichtsgestaltung, Band 3: Unterrichtsgestaltung als Gegenstand der Praxis (S. 133-151). Hohengehren: Schneider Verlag.

Der Text gibt eine gut strukturierte und aktuelle Einführung in die Klassenführung im Unterricht.

Evertson, C. M. & Weinstein, C. S. (Hrsg.). (2006). Handbook of classroom management. Mahwah, NJ: Erlbaum.

Das Handbuch gibt einen umfassenden und fundierten Überblick über die Forschungen zur Klassenführung. Es kann als Einstieg in die Merkmale der Klassenführung und ihrer Vermittlung an Lehrpersonen genutzt werden.

Eichhorn, C. (2011). Classroom-Management: Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten (4. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.

Nolting, H.-P. (2011). Störungen in der Schulklasse: Ein Leitfaden zur Vorbeugung und Konfliktlösung (9. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Beide Bücher sind Praxisratgeber, die wertvolle und fundierte Hinweise für die Gestaltung von konkreten Klassenführungsmaßnahmen enthalten.

Evertson, C. M. & Emmer, E. T. (2012). Classroom management for elementary teachers (9. Aufl.). New York: Addison Wesley.

Emmer, E. T. & Evertson, C. M. (2012). Classroom management for middle and high school teachers (9. Aufl.). New York: Addison Wesley.

Ophardt, D. & Thiel, F. (2013). Klassenmanagement: Ein Arbeitsbuch für die Schule. Stuttgart: Kohlhammer.

Die Bücher geben eine umfassende praxisorientierte Einführung in die Einführung und Etablierung einer effizienten Klassenführung in Primarstufen- und Sekundarstufenklassen. Sie sind in didaktischer Hinsicht mustergültig aufbereitet und  sehr eingängig und gut strukturiert.


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