Erfahrungsbericht 2024/2025

Von Paula Fürstenberg

Einmal etwas ganz Anderes im Studium erleben. Einmal vor einer Richter*innenbank stehen und sich mit monatelang gesammeltem Wissen behaupten. Einmal einen Fall bis ins letzte Detail ausarbeiten, einen Sprung in die Tiefen des Völkerrechts wagen, kleine sowie große Erfolge feiern und auch hin und wieder Zweifel bekämpfen. „Bestes Erlebnis der Studienzeit“ – Hyperbel oder doch ein gutes Stück Wahrheit?

Für mich begann das „Gedankenspiel Jessup“ bereits an meinem ersten Studientag, als das Konzept eines Moot Courts in der O-Woche präsentiert wurde. Damals konnte man sich das kaum vorstellen, einst vor namhaften Praktiker*innen und Professor*innen zu stehen und von Fragen durchlöchert zu werden, ohne die Fassung zu verlieren. Im Verlauf des Studiums habe ich immer mit der Idee geliebäugelt, doch hatte Zweifel an meiner Eignung. Als das vierte Semester sich jedoch dem Ende neigte, wagte ich den Sprung ins kalte Wasser und bewarb mich. Was ist schon das Schlimmste, was passieren kann?

Nach dem Einreichen der Bewerbung und einem ausführlichen Bewerbungsgespräch bekam ich erstmal eine Ablehnung. Natürlich war ich enttäuscht, doch auch bereits der Bewerbungsprozess lehrt wichtige Aspekte des Jessups: Am Ende läuft nichts so ganz wie geplant und man muss jederzeit auf alles vorbereitet sein.

Einige Monate später bekam ich eine Mail, dass jemand die Teilnahme zurückgezogen hat und ich einspringen konnte. Sodann wurde ich von jetzt auf gleich mitten ins Geschehen geworfen, da der Sachverhalt bereits veröffentlicht wurde. Gleichzeitig lernte ich das Team, die Grundlagen des Jessups sowie des Völkerrechts und die Intrigen des 20-seitigen Falls kennen, während der Rest des Teams dafür schon den gesamten Sommer nutzen konnte.

Maßgeblich prägend für die Zeit des Jessups ist insbesondere die Teamarbeit. Tag ein Tag aus arbeitet und verzweifelt man gemeinsam. Durch ein Kennenlernwochenende bekamen wir eine Einführung in die Vielzahl an Rhetorikübungen, die uns erwarten würden, kochten gemeinsam und beendeten den Abend mit einigen Runden Kartenspielen. Zum Schluss verfassten wir das Team-Agreement, in dem wir unsere Erwartungen bezüglich Arbeitsweise und Zeitaufwand festlegten. Zwar ist es möglich Vorlesungen und auch Seminare während der Jessup-Zeit zu besuchen, jedoch würde ich davon zum großen Teil abraten. Fast alle von uns haben zeitgleich verhältnismäßig viel Aufwand in das normale Studium gesteckt, sodass beidem kein gerechter Fokus zugewendet werden konnte. Der Jessup konsumiert etwa 35-40 Stunden pro Woche an aktiver Konzentrationsarbeit, was nicht unterschätzt werden sollte.

Nach dem Wochenende begann die Recherchearbeit. Unsere Positionen wurden verteilt und wöchentlich stand die Abgabe und Besprechung unserer Ergebnisse sowie eine Rhetorikeinheit an. Schnell eigneten wir uns umfassendes Wissen an, das sich von allgemeinem Völkerrecht wie Vertrags- und Gewohnheitsrecht bis hin zu Detailwissen über Immunitäten von Minister*innen und Basislinien von Küsten erstreckte. Jede Woche lernten wir etwas Neues über die Vortragsweise; zwischen dem Gang zum Pult, Blickkontakt bei der Beantwortung von Fragen und korrekter Hebung der Stimme wurden uns nach und nach alle wichtigen Aspekte für eine gelungene Präsentation unserer Argumente beigebracht. Im November begannen wir zudem mit der Formulierung der Schriftsätze, sodass wir uns von da an mit dem Zitationsstil und der präzisen Strukturierung unseres Inhalts abmühen „durften“.

Selbstverständlich war zwischen harter Arbeit immer Zeit und Lust für gemeinsames (meist zu langes) Mittagessen, Movie Nights, eine Weihnachtsfeier und Events wie Drink and Paint. Highlight war darüber hinaus auch die Reise nach Den Haag, die uns sowohl als Team noch mehr zusammenbrachte als auch interessante Einblicke in die Institutionen des Völkerrechts brachte. Wir besuchten den IGH, eine Verhandlung des IStGH und die deutsche Botschaft, hatten aber auch genügend Zeit für einen Museumsbesuch und Stadtbummel.

Vor Abgabe der Schriftsätze wurde es dann langsam ernster: Die Beamer-Days standen bevor. Zusammen starrten wir drei Tage lang auf unser Verfasstes, korrigierten die Texte bis auf das letzte Wort und nahmen finale Kürzungen vor. Obwohl die Tage erschöpfend waren, erhellten selbstgemachtes Gebäck unserer Coaches und ein unermüdlicher Zufluss an Kaffee die Tage. Umso größer war die Freude nach der Abgabe, die wir mit einem Cocktailabend feierten.

Doch lange konnten wir uns nicht ausruhen, da schon bald die Probe-Pleadings in den Kanzleien anstanden und die Nationals immer näher rückten. Zwei- bis dreimal die Woche probten wir extern oder intern unsere Vorträge und studierten jede erdenkliche Frage. Gleichzeitig überarbeiteten wir unsere Argumente und passten sie an die mündliche Präsentation an.

Im Februar war es dann so weit und die Nationals in Leipzig standen bevor. Wir reisten einen Tag eher an, um uns in aller Ruhe die Stadt anzugucken. Doch richtig Ruhe konnten wir spätestens ab der Willkommensfeier am Abend nicht mehr spüren. Wir erhielten die gegnerischen Memorials und mussten uns auf die ersten Runden gefasst machen. Diese Art von Nervosität ist wirklich einzigartig. Man sitzt nach einem von Eindrücken gefüllten Tag auf dem Boden eines Hotelzimmers und liest zum ersten Mal die Argumente der anderen Teams im Wissen, dass man am morgigen Tag all das zeigen muss, auf das man das gesamte Semester hingearbeitet hat.

Obwohl (oder gerade weil) uns unfassbar starke Gegner*innen entgegenstanden, haben wir unser Bestes gegeben und konnten Lob der Richter*innen einholen. Dass es am Ende nicht für ein Weiterkommen gereicht hat, war schade. Einerseits fiel uns eine Last von den Schultern, andererseits hätten wir natürlich gerne weiter unsere Argumente zum Besten gegeben. Nun konnten wir die restlichen Tage in Leipzig jedoch entspannt genießen, bei den Finalrunden im Bundesverwaltungsgericht mitfiebern und mit allen Teams gemeinsam den Abschluss der Nationals feiern.

Der Jessup ist ein wirklich einmaliges Erlebnis und bietet einen ganz neuen Blickwinkel auf die juristische Ausbildung und den Beruf. Man wird an seine Grenzen gebracht und vor Herausforderungen gestellt, mit denen man allerdings umzugehen lernt. Man erweitert seinen Horizont im Studium und kann einmal über den Tellerrand schauen. Man erarbeitet essenzielle Fähigkeiten; nicht nur für den juristischen Bereich, sondern für das ganze Leben.

Am wichtigsten ist jedoch der Teamgeist. Man wächst als Team zusammen und teilt diese Erfahrung in ihren Höhen und Tiefen. Insbesondere während der Nationals sind die Gemüter angespannt und gerade in solchen Momenten sind ein paar aufbauende Worte unverzichtbar.

Um die Beantwortung der Frage auf den Punkt zu bringen: Der Jessup mag zwar einer der herausforderndsten Studienabschnitte gewesen sein, aber mit Sicherheit auch einer der besten.