Erfahrungsbericht 2025/2026: Ein Saal. Marmor. Kronleuchter. Ein Rednerpult. Sieben leere Plätze. Spannung pur.
Von Lennart Schröter
„All rise. The International Court of Justice is now in session.“ Nach so einer langen Reise bekommt man dann doch Gänsehaut, wenn diese Worte ein letztes Mal ertönen. Diese Stille, bevor du zum Pult gehst, und zum millionsten Mal deine einleitenden Sätze mit „May it please the Court“ beginnst. 21 Minuten volle Aufmerksamkeit, volle Konzentration, volle Anspannung bis zum Mic-Drop-Moment: „Thank you, Your Excellencies!“.
Was in diesem Moment kulminiert, beginnt Monate vorher – leiser, unspektakulärer, aber nicht weniger intensiv. Der Jessup ist ein völkerrechtlicher Moot Court, in dem Studierende die Rolle von Prozessvertreter:innen und vor dem Internationalen Gerichtshof einnehmen. Auf Grundlage eines jährlich neuen, komplexen Falles vertreten sie fiktive Staaten – einmal auf Klägerseite, einmal auf Beklagtenseite. In diesem Jahr beinhaltete das vielschichtige Problem Fragen zu Rechten von indigenen Völkern, zur Immunität von staatlich kontrollierten Unternehmen, zum Verfahrensbeitritt von Drittstaaten und zur Ausweitung des Doppelbestrafungsverbots. Es geht nicht darum, eine „richtige“ Lösung zu finden, sondern darum, überzeugend zu argumentieren, Gegenpositionen zu durchdringen und juristisch auf höchstem Niveau zu arbeiten.
Den Anfang macht kein Pleading im Gerichtssaal, sondern der Blick auf ein Dokument auf dem Bildschirm. Ein Fall, der auf den ersten Blick unübersichtlich wirkt, auf den zweiten noch komplexer erscheint und sich erst nach und nach erschließt. Genau darin liegt der Reiz. Man wird nicht einfach mit Wissen konfrontiert, sondern gezwungen, sich hineinzudenken, Zusammenhänge zu erkennen und sich eine eigene, tragfähige Argumentation zu erarbeiten.
Es wird sehr schnell klar, dass es hier nicht darum geht, bekannte Schemata abzurufen. Stattdessen beginnt eine Phase des Lesens, des Verwerfens und des Überdenkens. Entscheidungen werden nicht nur zitiert, sondern seziert. Argumente werden nicht nur formuliert, sondern auf ihre Belastbarkeit getestet. Und oft genug sitzt man nach Stunden der Recherche da und merkt, dass die vermeintlich sichere Position doch noch eine Schwachstelle hat. Genau diese Momente sind es, in denen man beginnt, wirklich juristisch zu arbeiten.
Mit der Zeit wird aus diesem anfänglichen Suchen eine strukturierte, präzise Arbeitsweise. Aus Ideen werden Argumentationslinien, aus Stichpunkten werden ausgearbeitete Schriftsätze. Jeder Satz hat Gewicht, jede Formulierung eine Funktion. Man feilt, verwirft, schreibt neu. Nicht wegen Erwartungen von außen, sondern aus eigenem Anspruch.
Der Übergang von der schriftlichen zur mündlichen Phase bringt noch einmal eine neue Dynamik. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, gute Argumente zu haben, sondern sie auch überzeugend zu vertreten. Die ersten Versuche sind selten perfekt. Man spricht zu schnell, verliert den roten Faden, lässt sich von Fragen aus dem Konzept bringen. Mit jeder Übung wird man sicherer, klarer, fokussierter. Fragen werden keine Unterbrechung mehr, sondern bieten eine Chance, zu glänzen. Genau darin liegt der Fortschritt.
Und dann kommt irgendwann dieser Moment, in dem alles zusammenläuft. In dem man am Pult steht, eine Frage bekommt – und merkt, dass man sie nicht nur beantworten kann, sondern dass man sie versteht, einordnet und für sich nutzt. Ob durch die Pleadings bei Kanzleien im 27. Stock eines Wolkenkratzers oder in unserem geliebten JUR5, unserem Office, beim Feedbackgespräch mit unseren passionierten Coaches im Zug nachts zurück nach Münster. Diese Sicherheit kommt nicht plötzlich, sondern ist das Ergebnis all der Stunden, der Diskussionen, der Zweifel und der kleinen Fortschritte dazwischen.
Aber auch auf einer persönlichen Ebene ist der Jessup Moot Court nicht nur eine Chance, sondern ein Erlebnis. Was mit vier Studierenden beginnt, die nur wenig von dieser lifetime experience wissen, formt sich zu einem Team, bei dem sich die Abwesenheit auch nur einer Person etwas suspekt anfühlt. Wir haben zusammen gelacht, gegessen, gequizzt, gespielt, diskutiert, gesungen, uns gemeinsam im Hotelzimmer eingeschlossen, um die gegnerischen Memorials zu lesen.
Der Jessup Moot Court war eine Reise; eine Reise, die nur zusammen funktioniert und die letztlich mit einer kleinen Familie endet. Diese besondere Verbindung lässt sich nicht nur am Teilen von Reiswaffeln oder dem Spendieren eines Kaffees festmachen! Es sind die Gespräche zwischendurch, das Teambuildingwochenende mit gemeinsamen Stunden, die Fahrt nach Den Haag, die auch abseits vom Wettbewerb und all dem Juristischen verbinden. Und so wurde aus den Jessup-Debütant:innen Eva, Charlotte, Marlene und Lennart eine kleine Jessup-Familie. Nicht zu vergessen sind die Coaches: Anna, Paula und Friederike standen dem Team mit so viel Leidenschaft, Motivation und gutem Rat zur Seite. Du bist auf dieser Reise also keinesfalls allein.
Am Ende stehst du in diesem Saal. Marmor. Kronleuchter. Rednerpult.
Und du weißt genau, wie du dort hingekommen bist.