Die Universidad Iberoamericana Ciudad de México

Der Autor, JOHANNES HOHMANN, studiert katholische Theologie in Münster und befindet sich derzeit im Auslandssemester in Mexico.

Vorbemerkung: Die folgenden Informationen über die Universidad Iberoamericana Ciudad de México entsprechen in ihrem Formulierungsstil bewusst der Selbstdarstellung der Universität in ihren Informationsbroschüren und in weiterer Literatur zur Geschichte der Universität, um die gezeichnete Eigendarstellung auch im Deutschen möglichst authentisch zur Wirkung zu bringen.

Die Universidad Iberoamericana Ciudad de México (Ibero) ist eine von 8 Universitäten in Trägerschaft des Jesuitenordens in Mexiko, zu dessen Netzwerk in Lateinamerika 31 und weltweit mehr als 220 Universitäten gehören. Die Ibero gehörte zu den ersten Privatuniversitäten Mexikos und hat national und international einen sehr guten Ruf. Das Lehrangebot umfasst 34 Licenciaturas[1], 23 Maestrías und 9 Promotionsstudiengänge.

Mission und Vision

Inspiriert vom Glauben an die Gerechtigkeit, steht neben dem Fachstudium die Schärfung des Bewusstseins für eine verantwortungsvolle Gestaltung einer freien, solidarischen, gerechten, integrativen, leistungsstarken und friedlichen Gesellschaft sowie der Dialog zwischen Religionen und Kulturen, an zentraler Stelle der Hochschulausbildung. Dabei spielen nicht zuletzt die Entwicklung eines hohen Intellekts auf „internationalem Niveau“ und die Sensibilisierung für ein „Handeln zum Dienst am anderen“ eine wichtige Rolle.

Zur Geschichte der Universidad Iberoamericana Ciudad de México

Die Societas Jesu wurde im Jahre 1540 von Ignatius von Loyola gegründet. 1572 erreichten die Jesuiten Nueva España, um Einheimische zu missionieren und hier ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Etwa 400 Jahre nach der Gründung des Ordens entstand unter dessen Leitung im Jahr 1943 eine Schule für Philosophie und Geisteswissenschaften in Mexiko Stadt, das Centro Cultural Universitario (CCU), die in die Universidad Nacional Autónoma de México eingegliedert wurde. Die staatlich anerkannten Studiengänge weiteten sich in den folgenden Jahren auf Chemie, Literatur, Psychologie und andere Fächer aus.

Im Jahre 1953 erhielt die Universität den Namen „Universidad Iberoamericana“. Im gleichen Jahr entstand für die Uni ein neues Gebäude in der Innenstadt von Mexico City. 1971 wurde der Studiengang „Licenciatura en Ciencias Teológicas“ eingeführt.

Bei einem starken Erdbeben im Jahre 1979 wurde das Universitätsgebäude vollständig zerstört und musste neu konstruiert werden. Im Stadtteil Santa Fe errichtete man einen Neubau, in dem die Ibero 1988 wiedereröffnet werden konnte. Hier besuchen heute täglich etwa 11000 Studierende Vorlesungen und Seminare.

Die Theologie an der Iberoamericana

Am Departamento de Cencias Religiosas kann im Fach Ciencias Teológicas Theologie mit dem Abschluss der Licenciatura[2] studiert werden. Anschließend besteht die Möglichkeit zum weiterführenden Maestría-Studium in Teología y Mundo Contemporáneo.[3] Derzeit studieren 120 Theologiestudierende an der Fakultät, davon 85 mit dem Ziel der Licenciatura, 35 im Maestría-Studiengang.

Erklärtes Studienziel ist es, den Dialog zwischen Theologie, christlichen Werten und zeitgemäßer Philosophie zu fördern. Konkret heißt das für die Theologie, im Licht von Schrift und Tradition einen Beitrag zur Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen zu leisten und sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen. Eigens zu nennen sind die ethischen Herausforderungen für Frauen und Männer von heute: a) soziale Ungerechtigkeit, ökonomische Krisen, Drogen-Gewalt, Globalisierung, gesellschaftliche Ausgrenzung, Armut; b) die Suche nach dem Sinn des Lebens; c) die soziokulturelle Pluralität beispielsweise in den Bereichen Religion, Kultur, Ökologie und Bioethik; d) der interkulturelle Dialog. Um Letzteren zu fördern, nimmt die Fakultät an einem Programm zum interreligiösen Dialog der UNESCO[4] teil.

Bei der Glaubensvermittlung geht es immer wieder neu um den Versuch, Gläubigen wie Nichtgläubigen die Quellen des Glaubens und seinen Wandel in der Geschichte zu erschließen.

Sozialprogramme und eine eigene Radiostation – spezielle Angebote an der Iberoamericana

Die Besonderheit aller Studiengänge ist die Fokussierung auf soziale Verantwortung, Pluralität und Toleranz, wodurch sich die Ibero von anderen Hochschulen unterscheidet. Um der eigenen Universitätsphilosophie gerecht zu werden und sie konkret werden zu lassen, entwickelten sich verschiedenste Institutionen und Projekte an der Ibero, bei denen sich Studierende und Lehrende verschiedenster Fachbereiche engagieren können. Hier eine Auswahl solcher Bereiche:

·           Centro Miguel Villoro Toranzo: Beratung in Rechtsfragen und Mediation für finanziell hilfsbedürftige Menschen.

·           Coordinación de responsabilidad social institucional: Soziale Projekte in der Gesellschaft.

·           Programa sobre asuntos migratorios: Migrationsarbeit – konkrete Hilfsangebote; Problematisierung des Themas bei Studierenden und Gesellschaft.

·           Programa de derechos humanos: Förderung und Einhaltung von Menschenrechten.

·           Programa de interculturalidad y asuntos indígenas: Kennenlernen und Erforschung mexikanischer Kulturen.

·           Programa de identidad y fortaleza: Psychologische Beratung, Suchtprävention, Zusammenleben ohne Gewalt etc.

·           Ibero campus verde: Aktionen zur Förderung einer ökologisch orientierten Universität.

Der wohlhabende Ortsteil von Santa Fe, in dem sich die Universität befindet, liegt unweit des ärmeren Viertels von Santa Fe (Santa Fe Pueblo). Hier wurde im Jahr 2011 für die Bewohner eine an die Ibero gebundene Stiftung, die Fundación Casa Ernesto Meneses[5], gegründet, die sich  ca. 5 km vom Campus entfernt in einem eigenen Gebäude befindet. Zu den Dienstleistungen, bei denen sich auch Studierende unterstützend einbringen können, gehören: Gesundheitsberatung, psychologische Beratung, Kulturprogramme, Hilfestellungen zur Verbesserung des Lebensstandards, Mediation, juristische Beratung sowie eine Jobbörse.

Weitere Angebote und Einrichtungen der Universität sind ein eigenes astronomisches Zentrum, ein Radiosender, Musik-, Kunst-, Tanz-, Theater- und Sportangebote. Darüber hinaus können im Centro de Idiomas neben Spanisch viele weitere Sprachen[6] erlernt werden.

Ein (Auslands-)Studium an der Iberoamericana

Das Auslandsstudium in Mexiko kann grundsätzlich unter den Leitgedanken „Kontraste erleben” gestellt werden. Diese Kontraste zeigen sich am deutlichsten zwischen Arm und Reich, zwischen wohlhabenden und weniger wohlhabenden Stadtvierteln. Auch hierfür bietet der Kontext der Ibero einen Ort der Erfahrung: Erbaut im „neuen“, wohlhabenden Teil von Santa Fe, befindet sich die Uni in einem Viertel, das vor etwa 30-40 Jahren am Stadtrand von Mexico City wie aus dem Nichts „aus dem Boden gestampft wurde“: Teilweise errichtet auf einem ehemaligen Müllberg, sind hier heute Firmen, Banken, Wohnblocks, Wolkenkratzer und das drittgrößte Einkaufszentrum Lateinamerikas zu finden. In Santa Fe arbeitet der Bevölkerungsteil der mexikanischen (Mittel- und) Oberschicht. Mittendrin steht das Universitätsgebäude der Ibero. Die Studierenden stammen (fast) ausschließlich aus wohlhabenden Familien. Wenn Münster unter ausländischen Studierenden einen Ruf als „Blase“ oder „perfekte Welt“ innerhalb Deutschlands hat und für Sauberkeit, Reichtum und Ordnung bekannt ist, gilt dies ebenso – natürlich unter völlig anderen Vorzeichen und Verhältnissen als in Deutschland – für den Vergleich Santa Fe/Ibero – restliches Mexiko (Stadt). Wie weiter oben angedeutet, werden diese Kontraste insbesondere zwischen dem historischen und dem neu errichteten Teil von Santa Fe deutlich.

Einmal in der Uni angekommen, scheint man die dunklen Seiten Mexikos vollends verlassen zu haben: kein Verkehr, kein Lärm, keine Armut, keine planlos wirkend konstruierten Wohnblocks. Hier bestimmen Ordnung, Ruhe, schick gekleidete Menschen und universitäre Bildung das Alltags- und Studienleben. Hier eröffnen sich für einige Wenige Türen zu Bildungs- und Karrierechancen, die einem Großteil der Bevölkerung verschlossen sind.[7]

Das Theologiestudium an der Ibero gliedert sich in die Licenciatur und den Maestría, in denen jeweils in Seminaren und Vorlesungen studiert wird. Ähnlich wie an der UPM unterscheiden sich Seminar und Vorlesung im Aufbau nicht wirklich voneinander.[8] Die Kursgröße liegt in der Licenciatura bei etwa 20-30 Kursteilnehmern, im Maestría bei ca. 10-15 Studierenden, die oft schon im fortgeschrittenen Alter studieren und im Berufsleben stehen. Nicht unüblich ist es, Studierende anzutreffen, die eine Licenciatura in einem nicht-theologischen Fach erworben haben, sich aber nun – ähnlich wie im deutschen Master-System – im Bereich Theologie spezialisieren möchten.[9] Allgemein ist anzumerken, dass an der Ibero im Vergleich zur UPM insgesamt weniger StudentInnen Theologie studieren, von denen wiederum deutlich weniger Priesteramtskandidaten oder Ordensangehörige sind. Einige der Studierenden sind sowohl an der UPM als auch an der Ibero eingeschrieben und besuchen Vorlesungen an beiden Universitäten.

Für das Studienniveau gilt ähnliches wie für die UPM. Deutsches Niveau der Uni Münster kann man hier nicht erwarten, wenngleich zwischen Ibero und UPM ein deutlicher Unterschied in Vorlesungsdidaktik und Universitätskultur feststellbar ist. An dieser Stelle sei noch einmal erwähnt, dass ein Auslandssemester in Mexiko dennoch gewinnbringend und lehrreich ist. Theologischer Zugewinn und geerdete theologische Erkenntnis sind hier nicht zwingend in den Lehrbüchern zu finden, sondern andernorts – im Leben mit all seinen Facetten und Paradoxien.

 

Text: Johannes Hohmann



[1] Zu Informationen bzgl. Studienorganisation und Abschlüssen siehe Bericht 4.

[2] Zu Informationen bzgl. Studienorganisation und Abschlüssen siehe Bericht 4.

[3] Der Studiengang „Maestría in Teología y Mundo Contemporáneo“ steht auch Studierenden anderer Fachbereiche offen, insofern sie den Abschluss einer Licenciatura nachweisen können.

[4] Details zum Programm des interreligiösen Dialogs der UNESCO: http://www.unesco.org/new/es/culture/themes/dialogue/intercultural-dialogue/interreligious-dialogue/, (Stand: 28.04.2013).

[5] Informationen: http://www.fundacionmeneses.org.mx/.

[6] Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Hebräisch, Indisch (Hindi), Italienisch, Japanisch, Mandarin, Náhuatl, Portugiesisch, Türkisch.

[7] An dieser Stelle sei eine kurze persönliche Anmerkung erlaubt: An der Ibero wird ein Teil der mexikanischen „Elite“ – gemäß der Universitätsphilosophie mit dem Anspruch des Dienstes an der Gesellschaft – erzogen. Der Prozentsatz der Studienabsolventen der 8 Jesuiten-Hochschulen in Mexiko ist sicherlich zu gering, um tatsächlich größere Veränderungen für das Land und mehr Wohlstand für die Gesamtbevölkerung zu bewirken. Gleichwohl kommt bei einem kritischen Blick auf die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich die Frage auf, ob die hochgesteckte Zielformulierungen der Universitätsphilosophie überhaupt einen Einfluss auf die Lebensgestaltung der Studierenden haben können oder ob sich letztlich jeder selbst der Nächste ist und einzig für sich und zum eigenen Besten handelt.

[8] Für Studienleistungen wird formal jedoch zwischen Vorlesung und Seminar unterschieden.

[9] Zu Informationen bzgl. Studienorganisation und Abschlüssen siehe Bericht 4.