Georgiens Weg zwischen Kirche und Nation

Vom 3. bis 13. September reisten 14 Studierende im Rahmen des Hauptseminars „Sakralisierung der Nation? Orthodoxie und georgische Nationsbildung (4.–21. Jahrhundert)“ mit Prof. Dr. Regina Elsner vom Lehrstuhl für Ostkirchenkunde und Ökumenik und Prof. Dr. Ricarda Vulpius vom Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte nach Georgien. Im vorbereitenden gemeinsamen Seminar im Sommersemester hatte sich die Exkursionsgruppe intensiv mit der Geschichte Georgiens und den Verflechtungen religiöser und politischer Entwicklungen im Südkaukasus seit dem 4. Jahrhundert auseinandergesetzt. Quellenrecherchen und literarische Verarbeitungen von Shota Rustaveli bis Andreas Gryphius sorgten für große Vorfreude auf die Begegnung mit dem Land und seinen Menschen.
Die Exkursion führte über die pulsierende Hauptstadt Tbilissi in die alte Hauptstadt Mtskheta, den Großen Kaukasus, die Städte Stepantsminda, Gori, Akhaltsikhe und Sighnaghi. Besonders eindrücklich waren die Felsenstädte von Uplistsikhe und Wardsia, die von der umkämpften Geschichte des Landes und der jahrhundertealten architektonischen Kultur des Landes zeugten. Im Zentrum der Exkursion stand die religiöse Kultur, die mit Kirchen und Klosteranlagen beeindruckte, deren Bauzeit bis ins 4. Jahrhundert zurückreicht. Die Wirkungsstätten der Hl. Nino in Mtskheta und Tbilissi aus dem 4. Jahrhundert sind wichtige Pilgerstätten für Christ:innen aus aller Welt. Das Martyrium der Hl. Ketevan und das Bewahren ihres Andenkens durch Augustinermönche im 17. Jahrhundert ist eine wichtige Verbindung zwischen georgischem und lateinischem Christentum. Die Felsenklöster von Dawit Garedscha, die im 6. Jahrhundert von den syrischen Vätern gegründet wurden, sind durch alle Anfechtungen der Geschichte hindurch ein Zentrum georgischer Spiritualität geblieben.

Viele Orte zeugen allerdings nicht nur von einer der ältesten christlichen Kulturen in Europa, sondern auch von der umkämpften Geschichte des Landes zwischen den großen Imperien Persiens und Russlands. Während in Akhaltsikhe Georgien als Treffpunkt der verschiedenen Kulturen erlebbar wird, erschweren Grenzkonflikte im Kloster Dawit Garedscha oder an der Grenze zu Russland bis heute ein friedliches Leben Georgiens. Auch die komplizierte Aufarbeitung der jüngsten Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde etwa beim Besuch des Stalin-Museums in Gori oder auf dem Pantheon in Tbilissi sehr greifbar.
In Gesprächen mit Vertreter:innen der Ilja State University und verschiedener NGOs erhielten die Exkursionsteilnehmer:innen Einblicke in die aktuell angespannte Lage im Bereich der zivilgesellschaftlichen und wissenschaftlichen Freiheiten. Ein Treffen mit Prof. Longinoz Suarishvili, Professor für Kirchenrecht an der Geistlichen Akademie der Georgischen Orthodoxen Kirche, ermöglichte außerdem ein Kennenlernen der theologischen Ausbildung in Georgien und aktueller Herausforderungen der Kirche in den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen im Land.

Neben den vielen Exkursionsorten, die durch die Studierenden mit kurzen Vorträgen und literarischen Auszügen vorbereitet und begleitet wurden, gab es natürlich auch Zeit für ausführliche Wanderungen, intensive Gespräche über Politik, Theologie, Literatur und Geschichte, Schachspiele, den Genuss der zu Recht berühmten georgischen Küche sowie natürlich der ältesten bekannten Weinkultur der Welt. Für alle Teilnehmenden zählten die Stille des Wüstenklosters, die omnipräsenten großen Frauen der georgischen Geschichte – von Nino über Tamar zu Ketevan – sowie schließlich die Erkenntnis, dass die griechische Prometheus-Sage ursprünglich aus der georgischen Mythologie stammte, zu den Höhepunkten der Exkursion.
Die Georgien-Exkursion war nach der Exkursion nach Litauen im Sommersemester 2024 die zweite gemeinsame Lehrveranstaltung der Abteilung für Osteuropäische Geschichte am FB 08 und der Abteilung für Ostkirchenkunde und Ökumenik am FB 02. Die Organisatorinnen sind besonders der Exkursionsförderung des FB 08 und der PROMOS-Förderung des DAAD dankbar für die finanzielle Unterstützung der Studierendenmobilität, die diese spannende Exkursion ermöglicht hat. Durch die mittlerweile erfolgte Bewilligung der Erasmus+ Partnerschaft mit Georgien und Armenien hoffen sie, auch in Zukunft Studierende für einen Austausch mit den Ländern des Südkaukasus begeistern zu können.

