Studiendesign

Auf welchen wissenschaftlichen Grundlagen basiert das Projekt?

Zentrale Grundlage der Aktivitäten zur Unterstützung von Schreibmotivation und Schreibkompetenz ist die prozessorientierter Schreibförderung, die sich als besonders hilfreich zur Verbesserung von Schreibqualität erwiesen hat. Hierbei wird das Schreiben als rekursiver Prozess des Planens, Verschriftlichens und Überarbeitens verstanden. Dem Planen sowie dem wiederholten Überarbeiten von Texten auf der Grundlage formativen Feedbacks, d. h. Feedback im Prozess, wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Formatives Feedback ist nachweislich besonders dann lernwirksam, wenn es die Lernziele und den Lernstand verdeutlicht und konkrete Hinweise zur Verbesserung der Leistung gibt. Internationale Studien zeigen allerdings, dass die prozessorientierte Schreibförderung im Allgemeinen und Feedback im Speziellen häufig nicht ausreichend im Unterricht umgesetzt werden und das Planen von Texten und das Überarbeiten anhand von Feedback noch zu selten im Unterricht stattfindet. Die wissenschaftlichen Grundlagen der prozessorientieren Schreibförderung im Allgemeinen sowie der Feedbackmaßnahmen haben wir in verschiedenen Publikationen genauer dargelegt. Weitere Informationen finden sich hier:

Zentrale Grundlage der Aktivitäten zur Förderung von sozialer Partizipation sind zwei sozialpsychologische Theorien:

Die Intergroup-Contact-Theory und die Social-Referencing-Theory.

Die Intergroup-Contact-Theory besagt, dass negative Vorurteile zwischen Personen(gruppen) reduziert werden können, wenn sich diese wechselseitig besser kennlernen. Jedoch zeigen Untersuchungen im Rahmen der Theorie, dass es nicht reicht, wenn Personen Zeit an einem gemeinsamen Ort verbringen. Vielmehr ist es wichtig, dass sie wiederholt gemeinsam positive Erfahrungen machen. Dies ist insbesondere dann möglich, wenn sie statusgleich auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Die Zielerreichung sollte nur gemeinsam möglich sein. Hilfreich ist es, wenn die Zusammenarbeit unter angenehmen Rahmenbedingungen stattfindet, so dass sich alle Beteiligten wohlfühlen. Schließlich ist es für den Abbau von Vorurteilen hilfreich, wenn die Kooperation zwischen den Gruppen/Personen durch eine anerkannte Autorität legitimiert wird. Diese Punkte werden im Rahmen von kooperativem Lernen explizit aufgegriffen. Im Projekt lernen sich die Kinder auch durch das Montagsspiel – also den Steckbrief und die gemeinsamen Aktivitäten mit den wöchentlich wechselnden Partnern – besser kennen.

Die Social-Referencing Theory verdeutlicht, dass Kinder sich in uneindeutigen Situationen – wenn sie z. B. nicht wissen, wie sie mit einem anderen Kind umgehen sollen – an Erwachsenen orientieren und deren Verhalten, Einstellungen und Bewertungen übernehmen. Daher ist es wichtig, dass die Lehrkräfte (vor allem in der Grundschule) ein gutes Rollenvorbild sind für den Umgang mit den Kindern. Ein freundlicher, anerkennender Umgang mit allen Kindern ist dabei von besonderer Bedeutung. Durch das Lob-Memory wird den Kindern verdeutlicht und vorgelebt, dass alle Kinder in der Klasse wertgeschätzt sind und niemand ausgegrenzt wird. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass das positive Vorbild der Lehrkraft dazu führt, dass es in der Klasse zu weniger Ausgrenzung kommt.

Welche genauen Aktivitäten werden in den Klassen umgesetzt?

Zur Förderung der Schreibkompetenz und der Schreibmotivation werden mit Bezug auf die prozessorientierte Schreibförderung unterschiedliche Maßnahmen eingesetzt, die Kindern dabei helfen, Texte zu planen, zu schreiben und zu überarbeiten. Eine besondere Rolle spielt dabei auch  Feedback.

Die Umsetzung fokussiert dabei insbesondere drei Methoden:

Das Modellieren, dass sowohl in der Planungs-als auch in der Überarbeitungsphase zum Einsatz kommt. Diese Methode beruht darauf, dass Lernende ihre Schreibfähigkeit auch verbessern, wenn sie beobachten, wie andere Personen schreiben bzw. über das Schreiben nachdenken. Im Kontext des Schreibens nutzt die Lehrkraft die Methode des Modellierens, d.h. des didaktisierten, lauten Denkens, um den Lernenden zu zeigen, wie sie selbst beim Schreiben eines Textes vorgeht. Hierbei wird insbesondere auf coping models gesetzt (engl. to cope with sth.– etw. bewältigen), d.h. es werden auch Probleme, Änderungen oder Re-Evaluationen der Ideen beim Modellieren verbalisiert. Zudem ist auch eine positive Bestärkung der eigenen Leistung Teil des erfolgreichen Lernprozesses und sollte entsprechend beim Modellieren verbalisiert werden.

Die Arbeit mit Modelltexten, d.h. die vertiefte Auseinandersetzung mit optimalen und ausbaufähigen Texten. Durch den direkten Vergleich ist es für Kinder einfacher, Stärken und Schwächen der einzelnen Texte zu benennen und diese dann auch in ihren eigenen Texten zu erkennen. Sind einzelne Kriterien im eigenen Text im Gegensatz zum ausbaufähigen Modelltext erfüllt, verdeutlicht dies den Lernenden ihre bereits vorhandenen Kompetenzen, was zusätzlich motivierend wirken kann. Wenn die Lernenden hingegen noch Schwächen in ihrem eigenen Text erkennen, dient der Vergleich als Anregung und zeigt im Sinne guten Feedbacks, wie sich die Lücke zwischen Ist- und Soll-Zustand schließen lässt.

Der Einsatz von kriteriengeleiteten Feedbackbögen. Kriteriengeleitete Feedbackbögen fassen zusammen, was im konkreten Text enthalten sein soll, und können sich sowohl auf Texttiefen- als auch Textoberflächenmerkmale beziehen. Die Kriterien werden vor dem Hintergrund des Schreibziels also überschaubar und transparent und die Diagnose und Einschätzung von Lernendenleistungen damit einfach und objektiv. Ein kriteriengeleiteter Feedbackbogen kann so Lehrkräfte darin unterstützen, die Texte von Lernenden angemessen zu beurteilen. Kriteriengeleitete Feedbackbögen erleichtern allerdings nicht nur die Diagnostik, sondern können auch tatsächlich die Schreibleistungen von Lernenden verbessern. Zudem scheint sich die Arbeit mit kriteriengeleiteten Feedbackbögen auch positiv auf motivationale Aspekte des Schreibens auszuwirken. Positiv hervorzuheben ist, dass nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Schülerinnen und Schüler Feedbackbögen nach Einübungsphasen – beim Peer- Feedback oder sogar eigenständig bei der Selbstkorrektur nutzen können.

Ein übergeordneter Baustein zur Förderung von Schreibkompetenz, Schreibmotivation und sozialer Partizipation ist der Einsatz kooperativen Lernens. Das Einbeziehen von Peers in den Schreibprozess ist nachweislich lernförderlich und kann zur Verbesserung der schriftlichen Leistung sowie der Schreibmotivation beitragen. Die Lernenden helfen sich hierbei gegenseitig beim Planen, Schreiben oder Überarbeiten von Texten. Dafür arbeiten sie beispielsweise gemeinsam mit Planungstabellen, bilden Schreibtandems oder geben sich gegenseitig Feedback mit Hilfe kriteriengeleiteter Feedbackbögen. Letzteres hat sich insbesondere auch für Zweitsprachlernende als wirksam erwiesen. Gibt es eine vorgegebene, begrenzte Anzahl an Kriterien für das Peer-Feedback, bleibt der Arbeitsaufwand für die Lernenden überschaubar und ihre Aufwandsbereitschaft steigt. Die Kriterien bzw. Leitfragen des Peer-Feedbacks sind dabei auf die Schreibaufgaben abgestimmt.

Zur Förderung der sozialen Partizipation wird zudem das „Montagsspiel“ gespielt. Zu Beginn jeder Woche zieht jedes Kind eine Bilderkarte. Jedes Bild kommt zweimal vor. Kinder mit dem gleichen Bild sind für diese Woche ein Paar und machen möglichst viel gemeinsam – z. B. bei Partnerarbeit oder Klassendiensten. Wenn möglich sind die beiden für diese Woche auch Sitznachbarn. Um sich (noch) besser kennenzulernen, füllen die Kinder miteinander einen Steckbrief aus.

Eine weitere Aktivität zur Unterstützung der sozialen Partizipation ist das Lob-Memory. In jeder Stunde werden zwei Kinder von der Lehrkraft durch ein Lob besonders hervorgehoben. Am Ende des Tages sollen sich die Kinder daran erinnern, wer gelobt wurde. Für jedes korrekt genannte Kind gibt es Punkte. Die Punkte werden über drei Wochen gesammelt. Am Ende der drei Wochen bekommen die ganze Klasse für die gesammelten Punkte einen Preis – z. B. Zeit für freies Spielen. Je mehr Punkte sie haben, desto länger ist die Spielzeit. Die Lehrkraft achtet natürlich darauf, dass alle Kinder in der Woche einmal gelobt werden.

Wie wurden die Lehrkräfte auf die Umsetzung des Projekts vorbereitet?

Die Lehrkräfte haben an einer Fortbildung teilgenommen, die von den Wissenschaftlerinnen der Projektgruppe durchgeführt wurde. Dort wurden sie sowohl über die wissenschaftlichen Grundlagen als auch die Möglichkeiten der praktischen Umsetzung aller Aktivitäten im Unterricht informiert. Sie haben in der Fortbildung einen Teil der Aktivitäten bereits erprobt und sich im Kollegium über die Einbindung der Maßnahmen ausgetauscht. Die Lehrkräfte haben vom Projektteam umfangreiches Material erhalten, mit dem die Aktivitäten in allen Klassen in relativ einheitlicher Weise umgesetzt werden können. Insbesondere stehen den Lehrkräften Materialien für Unterrichtsreihen zur Schreibförderung zur Verfügung, die auf aktuellen Erkenntnissen der (grundschul-)didaktischen Schreibförderung basieren.

Wie wird die Wirksamkeit des Projekts untersucht?

Um die Wirksamkeit des Projekts zu überprüfen, werden zu drei Terminen im Laufe des Schuljahres 2023/24 schriftliche Befragungen in den teilnehmenden Klassen durchgeführt. Die erste Erhebung findet gleich zu Beginn des Schuljahres statt, bevor das Projekt in den Klassen startet. Nachdem die Aktivitäten des Projekts für ein Schulhalbjahr durchgeführt wurden, findet am Ende des ersten Halbjahres eine zweite Befragung statt. Wieder ein halbes Jahr später gibt es eine dritte Erhebung.  Neben soziodemographischen Daten werden mittels Fragebögen Merkmale wie Schreibfreude und Kompetenzerleben beim Schreiben erhoben. Die Kinder werden gefragt, wie sie sich in der Klasse akzeptiert fühlen und mit wem sie gerne zusammenarbeiten bzw. -spielen. Die Kinder geben auch Auskunft über das Verhalten der Lehrkraft; z. B. wie sie das Lehrkraft-Feedback einschätzen. Durch einen Test wird die Schreibkompetenz der Kinder erfasst. Indem diese Daten dreimal im Laufe des Schuljahres erhoben werden, kann überprüft werden, ob es zu Veränderungen gekommen ist. Um abzusichern, dass die Veränderung wirklich auf die Teilnahme am Projekt zurückzuführen ist, gibt es eine sogenannte Kontrollgruppe. Das sind Kinder an Schulen, die noch nicht am Projekt teilnehmen. In den Schulen der Kontrollgruppe wird das Projekt im Schuljahr 2024/2025 durchgeführt. Im Schuljahr 2023/24 nehmen die Klassen dieser Schulen nur an den Befragungen teil.

Auch die Lehrkräfte werden im Rahmen unserer Untersuchung befragt. So geben sie zum einen Auskunft darüber, wie sie die verschiedenen Bausteine des Projekts in ihrer Klasse umgesetzt haben. Außerdem führen wir am Ende des Schulhalbjahres Interviews mit Lehrkräften, um zu erfahren, welche Veränderungen die Lehrkräfte in ihren Klassen erlebt haben.