Oktober 2017

Münze des Monats

Oben: Dīnār (AV), Konya 648 (1250-1251), 4,50g, 25mm, 10h. Unten: Dirham (AR), selber Ort und selbes Jahr, 2,91g, 22mm, 6h.
© Thomas Bauer

Drei Sultane in Gold und Silber, Konya 1250-1251

Inschrift (arabisch):
Obv. Dīnār (zu Abweichungen im Dirham siehe unten):

(Ornament)
lā ilāha illā llāh
Muḥammadun rasūlu llāh al-imām
al-Mustaʿṣim bi-llāh amīr al-muʾ-
minīn ḍuriba d-dīnār fī sanat
ṯamān-ʾarbaʿīn-sittmiʾa bi-Qūniya
(Ornament)
Es gibt keinen Gott außer Gott.
Muḥammad ist der Gesandte Gottes. Der Imām
al-Mustaʿṣim bi-llāh, Befehlshaber der Gläu-
bigen. Dieser Dīnār wurde geprägt im Jahr
Sechshunderachtundvierzig in Konya.

Rev.:

(Ornament)
as-salāṭīn al-aʿāẓim
ʿIzz ad-dunyā wa-d-dīn Kaykāʾūs
wa-Rukn ad-dunyā wa-d-dīn Qiliǧ Arslān
wa-ʿAlāʾ ad-dunyā wa-d-dīn Kayqubād
banū Kayḫusraw barāhīn amīr al-muʾminīn
(Ornament)
Die großmächtigen Sultane
ʿIzzaddīn Kaykāʾūs
und Ruknaddīn Qılıǧ Arslān
und ʿAlāʾaddīn Kayqubād,
Söhne Kayḫusraws, Bekräftiger des Beherrschers der Gläubigen

Unter den Sultanen Kaykāʾūs I. (1211-1220), seinem Bruder Kayqubād I. (1220-1237) und dessen Sohn Kayḫusraw II (1237-1246) hatte das Reich der Rūm-Seldschuken seine politische und wirtschaftliche Vormachtstellung in Anatolien ausgebaut und gefestigt. Als es durch den Erwerb der Hafenstädte Sinop am Schwarzen Meer (1214) und Alanya am Mittelmeer (1220) direkten Zugang zum internationalen Seehandel bekommen hatte, vermehrte sich sein Reichtum und ermöglichte eine eindrucksvolle kulturelle Blüte. In den Städten entstanden spektakuläre Paläste und Moscheen, Bildungsstätten (Medresen) und Krankenhäuser, auf den Handelsrouten ein Netz von Karawansereien.
Das hätte noch länger so weitergehen können, wären nicht die Mongolen gekommen, die im Jahr 641/1243 ein Heer Kayḫusraws vernichtend schlugen. Zwar konnte sein Wesir durch Verhandlungen den Weiterbestand des Reichs sichern, doch nur als Protektorat der Mongolen. Als Kayḫusraw im Jahr 644/1246 verstarb, hinterließ er das Reich in einer denkbar kritischen Lage, zumal seine drei Söhne erst 7, 9 und 11 Jahre alt waren. Der Vater hatte sich den kränklichen ʿAlāʾaddīn Kayqubād II., den Jüngsten, als Nachfolger gewünscht, aber die Emire und hohen Beamten, die alle politischen Entscheidungen trafen, setzten ʿIzzaddīn Kaykāʾūs II., den Ältesten, auf den Thron, rivalisierten selbst aber untereinander bis hin zum Mordkomplott. Infolge diverser Intrigen kam es schließlich soweit, dass Ruknaddīn Qılıǧ Arslān IV., der Mittlere der Drei, im Jahr 646/1248 von einer Mission zum Mongolenkhan als neuernannter Sultan zurückkehrte. Sofort wurden Münzen geprägt, die ihn nicht nur als Sultan proklamierten, sondern auch ein Münzbild mit einem bogenschießenden Reiter (nach einem mongolischen Vorbild) zeigten (s. u. Abb.). Damit brachen sie mit der Rūm-Seldschukischen, ja mit der islamischen Münztradition insgesamt und setzten ein deutliches promongolisches Signal. Da ʿIzzaddīn Kaykāʾūs und seine Hofpartei aber nicht weichen wollten und eine dauerhafte Spaltung des Reichs drohte, einigte man sich 647/1249 – nicht ohne vorheriges Gefecht –, alle drei Söhne Kayḫusraws gemeinsam zu Sultanen zu machen.
Diese ungewöhnliche Konstruktion eines Triumvirats ging eine Weile ganz gut, endete aber 655/1257, als ʿAlāʾaddīn auf einer Gesandtschaftsreise zu den Mongolen ermordet wurde. Das verbliebene Duumvirat endete zunächst schon 657/1259, als die Rivalitäten der promongolischen Partei, die hinter Ruknaddīn Qılıǧ Arslān stand, und deren Opposition im Namen ʿIzzaddīns (der eine griechische Mutter hatte) wieder gewaltsam ausbrachen. Ruknaddīn regierte dann zumeist allein, bis er dem mongolischen Bevollmächtigen (Parwāna) zu eigenständig geworden war und dieser ihn 663/1265 töten ließ. ʿIzzaddīn starb 678/1279-1280 im Exil auf der Krim. Damit war auch der dritte der Brüder dahin.
Auf unserer Münze sind alle drei noch friedlich vereinigt. Die Drei-Brüder-Münze wurde von 647/1249 an als Silbermünze (Dirham) in großer Stückzahl in Konya, Sivas und anderen Orten geprägt (vereinzelt sogar noch im Jahre 657/1259, als es weder ʿAlāʾaddīn noch den Kalifen mehr gab) und gehört zu den häufigsten Rūm-Seldschukischen Münzen. Wesentlich seltener ist die korrespondierende Goldmünze (Dīnār), wie überhaupt Rūm-Seldschukische Dīnāre so selten sind, dass man bis vor kurzem glaubte, man habe sie nur zu Repräsentationszwecken geprägt. Tatsächlich sind die Dīnāre sowohl ausgesprochen repräsentativ als auch selten, doch ist jüngst eine größere Anzahl ans Licht gekommen, die auf eine regelmäßige Prägung von Goldmünzen hindeutet. Möglicherweise wurden solche Münzen auch geprägt, um den Tribut an die Mongolen zu bezahlen, die die Münzen nach Erhalt sicherlich einschmelzen ließen.
Wie bei abbasidischen Münzen zwischen 206/821 und 334/946, aber kaum sonst irgendwo, unterscheiden sich Rūm-Seldschukische Gold- und Silbermünzen nur in Metall, Gewicht, Größe und der Bezeichnung als Dīnār oder Dirham. Ansonsten ist der Text völlig identisch. Bei den beiden hier vorgestellten Münzen findet sich der einzige Unterschied in den letzten Zeilen des Obv. nach (muʾ)minīn. Während die Münzbezeichnung dirham in der Silbermünze weggelassen wird und das Wort „acht“ des Prägejahrs noch in der vorletzten Zeile steht, fügt die Goldmünze das Wort ad-dīnār nach ḍuriba ein und verschiebt das Wort „acht“ in die letzte Zeile.
Bemerkenswert an Rūm-Seldschukischen Silbermünzen (und nur diesen) ist auch, dass sie die längste Zeit ein Gewicht aufweisen, das mit wenig Abweichung um das Normgewicht (2,97 g) des abbasidischen Dirhams oszilliert. Offensichtlich wurde wieder nach Stücken, nicht nach Gewicht bezahlt, was auch schon lange nicht mehr der Fall gewesen war, wie überhaupt Silbermünzen in der wirtschaftlichen Krisenzeit vor 1100 fast ganz außer Gebrauch gekommen waren.
Die Vorderseite (wobei es diskutabel ist, welche Seite bei einer bildlosen Münze die Vorderseite ist) beginnt mit dem islamischen Glaubensbekenntnis, gefolgt von Namen und Titel des Kalifen al-Mustaʿṣim (reg. 640-656/1242-1258), des letzten (von den Mongolen ermordeten) Bagdader Abbasidenkalifen. Der politisch nur noch in der Region um Bagdad einflussreiche Kalif war nach wie vor die Legitimationsinstanz, auf die sich die meisten sunnitischen Herrscher beriefen. Die Rūm-Seldschuken, große Förderer sunnitischer Gelehrsamkeit, waren den Kalifen innig zugetan und erwiesen ihnen stets großen Respekt. Das Wort al-muʾminīn „der Gläubigen“ wird auf zwei Zeilen aufgeteilt. Es folgt die Angabe von Prägejahr und Prägeort. Wie schon in vorislamischer Zeit bei den Sassaniden, sind fast alle islamischen Gold- und Silbermünzen datiert, was Historiker zu schätzen wissen. Das Prägejahr wird sechshundert Jahre lang ausschließlich in Worten, nicht in Ziffern geschrieben. So im Prinzip auch hier, doch hat es sich bei den Rūm-Seldschuken eingebürgert, die Jahreszahl in der Kanzleischrift Dīwānī gewissermaßen in Stenographie anzugeben. „Acht“ (voll ausgeschrieben ثمان) wird zu einem kühnen Zickzack, von اربعين „vierzig“ ist ein stark abgeschliffenes اٮعں geblieben, während „sechshundert“ deutlicher ist. Für den Nichtkenner ist das schwer zu lesen; es sieht aber interessant aus und verleiht der Münze dynastisches Kolorit, weil es niemand sonst so machte.
Verso nennt die Prägeherren, die „großmächtigen Sultane“, die in der damaligen Situation alles andere als großmächtig waren. Die wirklich Mächtigen treten nicht in Erscheinung, auch nicht der Großkhan. Die Sultane werden mit ihren Beinamen (laqab) wie „Macht/Pfeiler/Ruhm der Welt und der Religion“ und ihren Namen genannt (Kaykāʾūs und Kayqubād sind, ebenso wie Kayḫusraw, Namen aus der persischen Literatur, nur Qılıǧ Arslān ist türkisch). Der kollektive Vatersname „Söhne Kayḫusraws“ beginnt die letzte Zeile, gefolgt von einem Titel, der erneut ihre Nähe zum Kalifen bezeugt.
Das eigentliche Wunder dieser Münzen ist aber ihre ästhetische Gestaltung. Zunächst ist es keine Kleinigkeit, das Glaubensbekenntnis, einen amtlichen Vermerk sowie Titulatur und Namen von vier Personen samt Rand und Ornamenten auf 7,6 bzw. 9,8 cm2 unterzubringen. Die Kaligraphie ist aber nicht nur leicht und vollständig lesbar, sondern auch von äußerster Schönheit. Als man diese Münzen in der Rūm-Seldschukischen Hauptstadt Konya prägte, wurden dort gleichzeitig die Karatay-Medrese und wenig später die Inca Minare-Medrese erbaut, zwei Weltwunder islamischer Baukunst. Die Münzen zeigen, dass auch Kaligraphie und Metallkunst auf demselben Niveau waren. Die Präzision der Ausführung, die geschickte Ausnützung des knappen Raums, die die Wörter elegant ineinanderfließen lässt und, ohne dass die Schrift gestaucht wirkt, noch Platz für Verzierungen findet (man beachte den Schnörkel am auslautenden m des Kalifennamens al-Mustaʿṣim), besticht bei beiden Münzen. Die Goldmünze nützt ihre etwas größere Fläche, um noch mehr elegante Ligaturen (z.B. zwischen dem d von Muḥammad und dem r von rasūl Obv. Zeile 2) anzubringen und mit diakritischen und ornamentalen Zeichen Leerräume zu füllen. Die Schrift wirkt so gleichzeitig kompakt als auch filigran. Dieser (häufig stempelfrisch erhaltene) Drei-Brüder-Dīnār gehört sicherlich zu den attraktivsten islamischen Prägungen.

Thomas Bauer

Literatur:
Michael Broome: A Survey of the Coinage of the Seljuqs of Rūm. London 2011.
Rudi Paul Lindner: The Challenge of Qilich Arslan IV. In: Dickran Kouymjian (Hg.): Near Eastern Numismatics, Iconography, Epigraphy and History: Studies in Honour of George C. Miles. Beirut 1974, 411-418.

Qılıǧ Arslān IV, erste Alleinherrschaft, Sīvās 646/1248, 2,79g, 22,5mm, 12h.
© Thomas Bauer
September 2017

Münze des Monats

AE aus Attouda (Karien), ca. 193-211 n. Chr., 4,83g, 22mm, Archäologisches Museum der WWU, Inv. M 1192; Vs. ΜΗΝ ΚΑΡΟΥ. Gewandbüste des Mȇn n. r. mit phrygischer Mütze, auf Mondsichel
© Robert Dylka
AE aus Attouda (Karien), ca. 193-211 n. Chr., 4,83g, 22mm; Archäologisches Museum der WWU, Inv. M 1192; Rs. ΑΤΤΟΥΔΕΩΝ. Altar mit Pinienzapfen und kleinen flammenden Rundaltärchen obenauf
© Robert Dylka

Men Karou. Zur Verehrung des Mondgottes im südlichen Mäandertal

Archäologisches Museum der WWU, Inv. M 1192
AE aus Attouda (Karien), ca. 193-211 n. Chr., 4,83g, 22mm
Vs. ΜΗΝ ΚΑΡΟΥ. Gewandbüste des Mȇn n. r. mit phrygischer Mütze, auf Mondsichel – Rs. ΑΤΤΟΥΔΕΩΝ. Altar mit Pinienzapfen und kleinen flammenden Rundaltärchen obenauf
Foto: Robert Dylka

Die Münze des Monats September stammt aus dem antiken Kleinasien und wurde während der römischen Kaiserzeit geprägt. Viele Städte auf dem Gebiet der heutigen Türkei münzten damals ihr eigenes Kleingeld aus – große und bedeutsame Poleis genauso wie kleine und heute fast vergessene Städtchen. Alle nutzten die Rückseiten ihrer Münzen, um hier anschaulich Lokalgeschichte zu illustrieren. Die Bronzeprägungen zeigen die am Ort verehrten Gottheiten und Heroen, gelegentlich berühmte Söhne der Stadt, besondere Bauten, zeugen von Festen und Feierlichkeiten, weisen auf die naturräumliche Lage hin, nennen Ehrentitel und Städtepartnerschaften: Auf den sogenannten Roman Provincials begegnen wir ausgedehntem Lokalpatriotismus.
Die vorliegende Kleinbronze wurde Ende des zweiten beziehungsweise zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrhunderts von einem kleinen Städtchen im kleinasiatischen Hinterland herausgegeben. Die Aufschrift ΑΤΤΟΥΔΕΩΝ („‹Münze› der Attoudeer“) auf der Rückseite nennt die Bürger von Attouda als Prägeherrn. Attouda lag im Grenzgebiet zwischen den beiden antiken Landschaften Karien und Phrygien, südlich des Mäandertals, am Nordabhang des Salbakosgebirges an der Stelle des heutigen türkischen Örtchens Hisar.
Es handelt sich um eine sogenannte pseudo-autonome Münze, denn sie zeigt nicht den sonst üblichen Kaiserkopf auf der Vorderseite, sondern eine lokale Gottheit: den in Kleinasien vielerorts verehrten Mondgott Mȇn (anders als mit Selene in der griechischen oder mit Luna in der römischen Tradition ist der Mond in Kleinasien traditionell männlich). Er hat einige Attribute, anhand derer man ihn erkennen kann: Auf dem Kopf trägt er eine phrygische Mütze, die auf seine kleinasiatische Heimat verweist, und seine Schultern ruhen auf einer nach oben geöffneten Mondsichel, die ihn als Mondgottheit ausweist. Die Beischrift ΜΗΝ ΚΑΡΟΥ („Mȇn Karou“) verdeutlicht, dass es sich um eine ganz spezielle Erscheinungsform des Mondgottes handelt. Allerdings wirft die Bezeichnung ΚΑΡΟΥ auch Fragen auf: Handelt es sich um einen speziell „karischen Mȇn“, um einen „Mȇn des Karos“ (ein Karos als Begründer des Kultes) oder um einen Mȇn, der eigentlich zu Karou(ra) gehörte?
Eine Verbindung nach Karoura, einer nahegelegenen Ortschaft im Mäandertal (ohne eigene Münzprägung) ist literarisch überliefert, wenn sie auch nur der Lokalisierung dient. Der antike Autor Strabon berichtet von einem kleinen, aber angesehenen Heiligtum: „Zwischen Laodikeia und Karoura befindet sich ein Heiligtum des sogenannten Mên Karou, das in großen Ehren gehalten wird. In meiner Zeit wurde eine große herophilische Ärzteschule von Zeuxis eingerichtet, später wurde sie von Alexandros, dem Sohn des Philalethes weitergeführt“ (Strab. 12,8,20 [p. 580]).
Wir entnehmen dem Text indirekt, dass das Heiligtum Mên Karou außerhalb des Stadtgebiets von Attouda lag und dass ihm zu Strabons Zeiten (am Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts beziehungsweise zu Beginn des ersten nachchristlichen Jahrhunderts) eine Ärzteschule und damit vermutlich auch ein Kurbetrieb, in dem die (angehenden) Ärzte praktizierten, angegliedert waren. Quellen, die dort entsprangen (Athenaios 2,43a spricht von heißen, aber spärlichen Quellen in Karoura und den raueren und mehr Natron enthaltenden Wassern der Μηνὸς κώμην, eines „Mȇn-Dorfes“, also wohl des Heiligtums mit den dazugehörigen Infrastrukturen), werden – wenn sie nicht sogar Anlass für die ursprüngliche Einrichtung gewesen sind – ihren Teil zur Attraktivität dieses Kurbetriebs beigetragen haben. Eine Verbindung von Mên und Medizin sowie das Verständnis von Mên als einem Heilgott ist häufiger belegt, auch wenn meist Asklepios oder Apollon als Götter der Heilkunst galten.
Auf der Rückseite unserer Münze ist eine große profilierte, mit Girlanden und Omphalosschalen geschmückte Basis abgebildet, auf der sich zwischen Pinienzapfen kleine ebenfalls verzierte und flammende Rundaltäre befinden. Die Pinienzapfen, die neben der Mondsichel das zweithäufigste Attribut des Mên sind, charakterisieren die Gesamtanlage als dem Mên zugehörig. Dasselbe Rückseitenmotiv findet sich auf Münzen von Attouda mit Mên Karou (wie in unserem Fall) sowie mit Demos (der Personifikation des „Volks“) oder später (253-268 n. Chr.) mit dem Porträt der Kaisergattin Salonina auf der Vorderseite.
Da das Mên-Heiligtum nicht genauer lokalisiert ist und damit kein Baubefund vorliegt, ist schwer zu entscheiden, wie genau das ungewöhnliche Rückseitenbild zu verstehen ist. Vorstellbar sind zwei Möglichkeiten:

  1. Das Rückseitenbild kann rein sinnbildlich verstanden werden; es zeigt einen monumentalen Altar, der als Synonym für die Verehrung des Gottes in der Stadt steht. Die Pinienzapfen zwischen den kleinen Altärchen wie auch die Kombination des Motivs mit dem Bildnis des Mên Karou auf der Vorderseite verdeutlichen, dass es sich nicht um irgendeinen Altar, sondern um ein zur Stadt gehöriges Heiligtum handelt, Möglicherweise ging es Attouda nicht um die Wiedergabe von realer Architektur, sondern man wollte lediglich auf einen bedeutenden lokalen Kult des Heilgottes hinweisen.
  2. Eine andere, konkretere, Lesbarkeit ist ebenso möglich: Dass nicht ein Tempel, sondern ein Altar abgebildet ist, muss einen Grund haben. Das Münzbild ist dementsprechend „wörtlich“ zu verstehen. Ein richtiger Tempel war vielleicht gar nicht existent, dafür stand im Mên-Heiligtum ein monumentaler Altar, an dem Opferhandlungen vollzogen wurden. Für individuelle Trank- oder Rauchopfer standen kleine (evtl. tragbare) Altäre im Heiligtum zur Verfügung. Dies wäre ein seltener numismatischer Hinweis auf „private Kultpraxis“.

Die Pinienzapfen mögen zudem auf den medizinischen Aspekt des Kultes und den angegliederten Kurbetrieb hier am Ort hinweisen. Auf die heilende Wirkung der Kerne des Pinienzapfens weist im ersten nachchristlichen Jahrhundert der Arzt und Autor eines pharmakologischen Werkes Pedanios Dioskurrides aus Anazarbos hin (Dioskurrides 1,69).
Die Bedeutung des Heiligtums mit seiner Infrastruktur für Attouda steht außer Frage, davon zeugen die verschiedenen Quellen: Nachweislich vom ersten vorchristlichen (durch die Erwähnung bei Strabon) bis in die Mitte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts (belegt durch die oben genannten Münzen mit Kaisergattin Salonina auf der Vorderseite) haben sich Kultstätte und Kurbetrieb über mindestens drei Jahrhunderte hindurch kontinuierlicher Beliebtheit erfreut.
Die Münze Inv.-Nr. M 1192 gehört zur Sammlung des Archäologischen Museums der WWU; Sie finden sie auch im Onlinekatalog unter http://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk-ms/object.php?id=ID23; Geschichte und Geschichten hinter den Münzen werden vielfach im Rahmen von Lehrveranstaltungen erarbeitet. Die Erforschung der antiken Türkei hat in Münster lange Tradition durch die Arbeit der Forschungsstelle Asia Minor (https://www.uni-muenster.de/AsiaMinor/).

Katharina Martin

Literatur:
J. Benedum, Zeuxis Philalethes und die Schule der Herophileer in Menos Kome, Gesnerus. Swiss Journal of the history of medizine and sciences 31, 1974, 221-236
S. Hübner, Spiegel und soziale Gestaltungskraft alltäglicher Lebenswelt: Der Kult des Men in Lydien und Phrygien, in: E. Schwertheim – E. Winter (Hrsg.), Religion und Region. Götter und Kulte aus dem östlichen Mittelmeerraum, AMS 45 (2003) 179-200

Juli 2017

Münze des Monats

Schatzfund von Selm-Bork, verborgen um 950
© LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum Münster

Schatzfund von Selm-Bork, verborgen um 950

65 Pfennige Deutsches Reich, König Otto I. der Große (936/62–973), Münzstätte Köln, 936–962
LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum Münster, Inv.-Nr. 9318 Mz

Nach wie vor bildet der kleine Schatzfund von Selm-Bork (Kr. Unna) den ältesten mittelalterlichen Münzschatzfund Westfalens. Beim Graben eines Fundamentloches für einen Wäschepfeiler wurden die Münzen am 2. Juli 1981 auf einem Grundstück nördlich der örtlichen St. Stephanus-Kirche entdeckt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stellen die 65 Stück alle ursprünglich in diesem Komplex enthaltenen Münzen dar, denn der Bodenaushub wurde bei der Fundbergung sorgfältig durchgesiebt. Reste eines Behältnisses jedweder Art wurden dabei nicht angetroffen; es dürfte sich also um eine Art Beutel aus organischem Material gehandelt haben, das inzwischen restlos vergangen war.

Die 65 Münzen gehören alle einem einzigen Typ aus der Münzstätte Köln unter König Otto I. dem Großen (936/62–973) an. Die Vorderseite zeigt innerhalb eines Perlkreises ein Kreuz mit je einer Kugel in den Winkeln, die Umschrift nennt mit + ODDO + REX Namen und Titel des Münzherrn. Die Rückseite trägt ganzflächig den dreizeiligen Stadtnamen S | COLONIA | A, was als „Sancta Colonia Agrippinensis“ aufzulösen ist. Dieser Typ war unter König Ludwig dem Kind (900–911) eingeführt worden und wurde letztlich – mit Variation nur der Umschrift und unausbleiblichen stilistischen Veränderungen – bis in die Königszeit Heinrichs II. (1002/14–1024) fortgesetzt. Im späten 10. Jahrhundert aber wurde er zum Ansatzpunkt für zahlreiche Nachprägungen vor allem in Westfalen im 11. und 12. Jahrhundert. Zentrum war der kölnische Außenposten Soest, und Ableitungen des kölnisch-soestischen Münztyps finden sich speziell im östlichen Westfalen noch weit im 13. Jahrhundert.

Die Münzen, allesamt Pfennige, sind aus Silber, messen zwischen 19,5 und 21,0 mm im Durchmesser und sind ca. 1,0 bis ca. 1,7 g schwer. Technisch war die Ausführung mangelhaft: Die Schrötlinge sind ungleichmäßig dick ausgehämmert, was zu Fehlstellen bei der Prägung führte; zudem ist der Stempelschnitt als sehr grob zu bezeichnen. Charakteristisch sind das stets spiegelverkehrte S auf der Rückseite und der fehlerhafte Königstitel auf der Vorderseite, indem es nur selten REX heißt, meist – wohl später zu datieren – ERX und einmal XER. Insgesamt lassen sich zahlreiche Stempel feststellen, was anzeigt, dass der Münzbestand vor Ort durch den Umlauf bereits gut durchmischt war.

Stilistisch geben sich die Münzen des Ottonen Ottos I. als Fortentwicklung der Kölner Prägungen des Karolingers Karls des Einfältigen, Königs im Westfrankenreich (893/98–923), der zwischen 911 und 925 auch Lotharingien mit der Stadt Köln beherrschte, zu erkennen. Von Heinrich I., König im Ostfrankenreich (919–936), sind ab 925 keine Kölner Münzen, die seinen Namen tragen, bekannt; vielleicht verstecken sie sich aber hinter Stücken mit verwilderten Karls-Umschriften. Es muss sich demnach um den ersten Typ Ottos I. in Köln handeln, und eine Neubearbeitung der Kölner Münzreihe durch Peter Ilisch hat gezeigt, dass es auch der einzige Typ Ottos I. als König war. Es schlossen sich 962/65 Gemeinschaftsprägungen Kaiser Ottos I. mit seinem Bruder Brun, von 953 bis 965 Erzbischof von Köln, an, danach gab es einen Typ, der jedoch nicht zwischen Otto I. als Kaiser und Kaiser Otto II. (973–983) zu trennen ist. Da der Schatzfund nur den Typ König Ottos I. und keinen seiner Vorgänger bzw. seines Bruders und seiner Nachfolger enthielt, muss die Bildung des Münzbestands spätestens in den frühen 960er Jahren abgeschlossen gewesen sein. Kaum später dürfte das Geld dann spätestens in den Boden gekommen sein – ob zu bewusster Verwahrung oder als Verlust, bleibt unklar.

Dass der Schatzfund von Selm-Bork nach wie vor der älteste mittelalterliche Münzschatzfund Westfalens und zumal der einzige aus dem 10. Jahrhundert ist, ist freilich kein Zufall. Dies hängt mit dem Grad der allgemeinen, d. h. alltäglichen Verwendung von Münzgeld zusammen, der vor der Stauferzeit, also vor der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, insgesamt noch nicht allzu hoch war. Zwar spielte hier – in Germanien, das niemals zum Römischen Reich gehört hat – im 1. bis 4. Jahrhundert römisches Münzgeld in den lokalen Wirtschaftszentren durchaus eine Rolle. Danach, zur Zeit der Merowinger und der frühen Karolinger, fanden aber nur noch wenige Münzen in die Region, die sich oft zudem als Grabbeigaben niederschlugen. Erst nachdem das Gebiet östlich des Rheins, Sachsenland, im Zuge der Sachsenkriege Karls des Großen (768/800–814) bis 804 endgültig ins Frankenreich eingegliedert worden war, konnte sich hier eine Münzgeldwirtschaft allmählich entwickeln. Eine Münzstätte sollte es im westlichen Westfalen allerdings erst seit dem späten 10. Jahrhundert mit Dortmund geben; bis dahin war Köln, die wichtigste Stadt im ostfränkisch-deutschen Reich, der nächstgelegene Prägeort. Insofern verwundert es nicht, dass ein Schatzfund an der Mitte des 10. Jahrhunderts ausschließlich Münzen aus Köln, das auch Westfalen mitversorgte und so beim Beginn einer tieferen Monetarisierung der Region zum Ansatzpunkt für Nachprägungen werden konnte, enthielt.

In Westfalen werden Kölner Münzen seit dem späten 9. Jahrhundert gefunden, allerdings nur als Einzelstücke. So ein Pfennig Ludwigs des Kindes in Münster, ein Pfennig Karls des Einfältigen in Castrop-Rauxel (Kr. Recklinghausen), ein Pfennig Kaiser Ottos I./II. in Iserlohn (Märkischer Kreis). Aber auch der Typ König Ottos I. liegt vor: in Geseke (Kr. Soest), zweimal in Lippstadt-Bökenförde (Kr. Soest), in Höxter, sogar eine zeitgenössische Fälschung in Bad Lippspringe (Kr. Paderborn). Diese wenigen Fundstücke, zu denen in Lippstadt-Bökenförde auch ein entsprechender Halbpfennig/Obol, den es in Köln als eigenständige Münze auch unter Otto I. sowie allen seinen Vorgängern gab, kommt, liefern einen weiteren Hinweis auf den nur geringen Grad des Münzgeldgebrauchs dieser Zeit. Der Pfennig/Denar und nur gelegentlich auch der Obol waren seit den frühen Karolingern die einzigen Nominale im mitteleuropäischen Münzsystem, was dem damaligen Bedarf offensichtlich genügte. Der nächstälteste – und sicher überlieferte – mittelalterliche Münzschatzfund Westfalens ist erst der große Schatzfund von Halver (Märkischer Kreis), verborgen um 1100/10, mit seinen 207 ganzen und 29 halbierten Pfennigen der näheren und weiteren Region, darunter auch Köln, aus dem späteren 11. Jahrhundert. Die Fundsituation in den anderen Regionen des Reichs östlich des Rheins gestaltet sich übrigens ganz ähnlich, so dass es sich hierbei nicht um Zufälle der Fundüberlieferung handelt.

Angesichts seiner Singularität bildete der Schatzfund von Selm-Bork 1981 eine echte Sensation, doch eben aufgrund dieser Singularität braucht seine Existenz eine Erklärung. Diese könnte im Fundort liegen, einem Grundstück im direkten Umfeld des Schultenhofes Bork mit seiner St. Stephanus-Kirche, dem herrschaftlichen Nukleus des Ortes. Befunde, die die Fundsituation erhellen könnten, scheinen bei der Bergung der Münzen nicht beobachtet worden zu sein, doch dürfte das Geld mit einiger Sicherheit irgendwie mit diesem Schultenhof zu tun gehabt haben. Der Fund ist somit eher ein Zeugnis für den Münzgeldgebrauch im grundherrschaftlichen Milieu und weniger der einfachen Bevölkerung auf dem Lande, die eben noch selten bis gar nicht mit Münzgeld in Berührung kam. Welchem Realwert die 65 Pfennige an der Mitte des 10. Jahrhunderts entsprachen, was man damals also dafür kaufen konnte, ist mangels Quellen sehr schwer abzuschätzen – anderthalb Jahrhunderte später erhielt man für die gut 220 Pfennige des Schatzfundes von Halver immerhin etwa 14 Schweine.

Stefan Kötz

Literatur

  • Hävernick, Walter: Die Münzen von Köln. Die königlichen und erzbischöflichen Prägungen der Münzstätte Köln sowie die Prägungen der Münzstätten des Erzstifts Köln. Vom Beginn der Prägung bis 1304 (Die Münzen und Medaillen von Köln, Bd. 1), Köln 1935, Nr. 29
  • Ilisch, Peter: Fundchronik [1981] – Münzfunde, in: Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe 1 (1983), S. 329–368, hier Nr. 1 auf S. 330 (Fundnotiz)
  • Ilisch, Peter: Zur Datierung der in nordischen Funden vorkommenden ottonischen Münzen von Köln, in: Nordisk Numismatisk Årsskrift 1983/84 [1990], S. 123–144, hier bes. S. 124–131
  • Ilisch, Peter: Münzschatzfunde aus Westfalen (Bildhefte des Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, Bd. 30), Münster 1991, S. 8
  • Kötz, Stefan: Schatzfund von Selm-Bork, verborgen um 950, in: Werdendes Ruhrgebiet. Spätantike und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr (Ausstellungskatalog RuhrMuseum Essen 2015), hrsg. von Heinrich Theodor Grütter / Patrick Jung / Reinhild Stephan-Maaser, Essen 2015, Kat.-Nr. 157 auf S. 129f.
  • Kötz, Stefan: Monetissimo! Aus den Tresoren des Münzkabinetts. 27 Jahrhunderte Münzen, Medaillen & Co. (Ausstellungskatalog LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum Münster 2016/17), Petersberg 2016, S. 74
Juni 2017

Münze des Monats



Aureus des Geta im Israel Museum Jerusalem (RIC IV.1, 318 Nr. 33); Av.: Barhäuptige Büste des Geta mit Rüstung n. l.; P.SEPTIMIUS GETA CAES
© Israel Museum Jerusalem
Aureus des Geta im Israel Museum Jerusalem (RIC IV.1, 318 Nr. 33); Rv.: Liber Pater und Ariadne mit Panther sitzend, im Vordergrund Silen, Flötenspieler und tanzende Mänaden, im Hintergrund Herme; PONTIF.COS
© Israel Museum Jerusalem

Ein Aureus des Geta Am 21. Juni 2017 öffnet im Israel Museum in Jerusalem eine numismatische Ausstellung mit 75 römischen Goldmünzen aus der Victor A. Adda Collection. Die Aurei stammen aus einer alten Sammlung und sind allesamt von höchster Qualität und vorzüglichem Erhaltungszustand, mehrere der Goldstücke Unikate. Unter den Münzen ist auch ein Aureus des Geta, der aufgrund seines außergewöhnlichen Themas auf der Rückseite auffällt (RIC IV.1, 318 Nr. 33). Das Stück wurde wohl 206 n. Chr. ausgegeben. Die Vorderseite zeigt die barhäuptige Büste des Geta nach links. Geta war der Sohn des Kaisers Septimius Severus und sein älterer Bruder war Caracalla. Die beiden Prinzen, Caracalla und Geta wurden von Septimius Severus als Nachfolger aufgebaut, beide regierten kurze Zeit nach dem Tod des Vaters 211 n. Chr. gemeinsam, bevor Caracalla seinen Bruder beseitigte und Alleinherrscher wurde.

Septimius Severus (193-211 n. Chr.) hatte nach dem Tod des Commodus 192 n. Chr. und einem kurzen Bürgerkrieg ab 193 n. Chr. begonnen, eine neue Dynastie zu etablieren. Dieses Unterfangen war nicht einfach, denn der neue Kaiser stammte nicht aus einer der alteingesessenen aristokratischen Familien Roms, sondern aus Nordafrika, aus Lepcis Magna. Schon vor ihm kamen Kaiser wie Trajan oder Hadrian aus provinzialen Familien, doch Septimius Severus war tatsächlich in der Provinz aufgewachsen und dort tief verwurzelt. Septmius Severus versuchte daher gar nicht erst seine Herkunft zu verschleiern und ging offensiv damit um. In seiner Münzprägung propagierte er gleich zu Beginn seiner Herrschaft die Heimatgötter von Lepcis Magna, Liber Pater und Hercules, die romanisierte punische Gottheiten waren und als solche das Götterpaar von Lepcis Magna. Auf seinen Münzen zeigte Septimius Severus die beiden als Paar und benannte sie die „väterlichen Götter“ (Di Patrii). Jedem Betrachter war klar, dass diese Götter, die in der römischen Reichsprägung zuvor nur äußerst selten und in der Paarkonstellation gar nicht auftraten, dass diese nicht traditionelle Götter Roms waren, sondern die punischen Lokalgötter von Lepcis Magna. Ein solches Bild war ein absolutes Novum und ein Bruch mit der traditionellen Ikonographie kaiserlicher Schutzgötter.

Auch wenn in der antiken Literatur kritischer Wiederhall der vermeintlichen Bevorzugung Nordafrikas zu fassen ist, bewegte sich doch die Propagierung der heimatlichen Gottheiten im Rahmen einer kaiserlichen Demonstration von Frömmigkeit (pietas) gegenüber den Vorfahren. Trotzdem schien irgendwann der Bogen überspannt. Nachdem Liber Pater und Hercules noch ausgiebig im Rahmen der Säkularspiele 204 n. Chr. propagiert wurden, kam es 206 n. Chr. zu einem abrupten Ende der Darstellung der Heimatgötter in der Münzprägung. Kurz vorher, 205 n. Chr. stürzte der mächtige Prätorianerpräfekt Plautianus, der wie Septimius Severus aus Lepcis Magna stammte. Über die Gründe können wir nur spekulieren, doch verlor der allmächtige Mann das Vertrauen des Kaisers. Fortan werden Liber Pater und Hercules aus der Münzprägung massiv zurückgenommen und die beiden treten erst einmal nur noch einzeln auf. In dieses veränderte Programm gehört der Aureus des Geta aus dem Jahr 206 n. Chr., der auf der Rückseite Dionysos und Ariadne begleitet vom tanzenden und musizierenden dionysischen Thiasos zeigt. Ariadne ist die zweite von links, neben ihr lagert Dionysos. Es ist eine mythologische Idylle, die thematisch und vom Bildschema voll und ganz griechisch-römischer Ikonographie entspricht. Jeglicher Hinweis auf eine Verbindung des Weingottes zur Heimatstadt des Septimius Severus fehlt, und es ist bemerkenswert, dass gleichzeitig für Getas Bruder Caracalla ein ebenso feiner Aureus geprägt wurde. Dieser zeigt auf der Rückseite Hercules in einem urrömischen Mythos mit Pinarius und Potitiius. Auch hier fehlt jeglicher Hinweis auf die Paarkonstellation mit dem Weingott und eine mögliche Verbindung zu Lepcis Magna. Diese beiden Aurei für die Prinzen sind deutliche Hinweise darauf, dass Septimius Severus und seine Familie nach 206 n. Chr. einen radikalen Umschwung in ihrer Münzikonographie machten, und es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser damit zu tun hatte, dass das Kaiserhaus sich gezwungen sah, nordafrikanische Themen zurückzunehmen. Auch wenn die genauen Gründe dafür im Dunkeln bleiben, so sind die Aurei doch eindrückliche Zeugnisse dafür, wie das Kaiserhaus seine Selbstdarstellung anpassen musste und nicht jede gewünschte message einfach so sein Zielpublikum erreichte. Darüber hinaus ist der Aureus des Geta so wie die anderen Aurei der Adda Collection ästhetisch überaus ansprechend, und sollten Sie im Sommer in Jerusalem sein, sei ein Besuch der von Haim Gitler und Yaniv Schauer kuratierten Ausstellung wärmstens empfohlen.

Achim Lichtenberger

Zum Thema:
A. Lichtenberger, Severus Pius Augustus. Studien zur sakralen Repräsentation und Rezeption der Herrschaft des Septmius Severus und seiner Familie (193-211 n. Chr.) (Leiden – Boston 2011).

Zu der Ausstellung in Jerusalem, „Faces of Power“, zu der auch ein Katalog erscheint.