Praktisch-theologische Impulse im Werk von Klaus Hemmerle (1929–1994)

Aufriss

Klaus Hemmerle, geb. 1929 in Freiburg i. Br. und gest. 1994 in Aachen, war von Hause aus Religionsphilosoph und Fundamentaltheologe. Wer trotzdem Ausschau hält nach praktisch-theologischen Impulsen in seinem Werk, ist insbesondere auf jene Texte Hemmerles verwiesen, die nach 1975, d. h. in seinen Jahren als Bischof von Aachen, entstanden sind: Aufsätze, Vorträge, Predigten, offene Briefe, Skizzen.
Diese Texte bereiten nicht geringe Schwierigkeiten: Zu abgehoben erscheint oft ihre Sprache, zu spekulativ ihr Ansatz, zu spirituell ihr Ertrag. Alles, worauf Praktische Theologie heute Wert legt, fehlt: Situationsanalysen werden nicht durch sozialempirische Erhebungen gestützt, eine Auseinandersetzung mit den Sozial- und Humanwissenschaften findet nicht statt, eindeutige Handlungsoptionen sucht die Leserin oder der Leser vergebens.
Die 1995/1996 erschienene Schriftenausgabe, Klaus Hemmerle: Ausgewählte Schriften, bietet im vierten Band zwar Beiträge Hemmerles zum Ansatz und zu den Feldern kirchlichen Handelns, doch gängigen Erwartungen an eine praktisch-theologische Reflexion entsprechen Hemmerles Impulse nicht. Andererseits haben Hemmerles Beiträge im Raum der Praktischen Theologie durchaus Aufmerksamkeit und Resonanz gefunden. Seine Überlegungen zur Jugendpastoral und zu einer korrelativen Didaktik werden in der Religionspädagogik immer wieder aufgegriffen.

Perspektiven

Von Interesse ist Hemmerles Werk für eine Praktische Theologie, die sich und anderen Rechenschaft zu geben sucht über die Weise ihrer Wahrnehmung, die Herkunft ihrer Urteile und die Eigenart ihres Tuns. Wenn nämlich Hemmerle bleibend unterwegs war zu einer Phänomenologie des Glaubens und wenn in dieser Phänomenologie ein „Logos“ führend ist, der „den Risiken der Erfahrung ausgesetzt“ bleibt (Bernhard Waldenfels), dann könnte es sogar einen Glücksfall darstellen, bei Hemmerle beides zu finden: das in der Konzentration des Denkens gereifte Wort und die von der Not und Notwendigkeit des Tages eingeforderte Antwort. Auf der einen Seite könnte die praktisch-theologische Perspektive noch deutlicher sehen lassen, dass und inwiefern es auch Hemmerle um eine „Praktische Fundamenaltheologie“ (Johann Baptist Metz) gegangen ist; und auf der anderen Seite könnte eine phänomenologisch sich orientierende Praktische Theologie von Hemmerles grundsätzlichen Überlegungen zum Verhältnis von Theologie und Phänomenologie nur profitieren.

Veröffentlichungen

Edition
Hemmerle, Klaus: Ausgewählte Schriften, hg. von Reinhard Feiter, Freiburg i. Br.
Bd. 1: Auf den göttlichen Gott zudenken. Beiträge zur Religionsphilosophie und Fundamentaltheologie 1. Ausgewählt und eingeleitet von Heinz-Jürgen Görtz, Klaus Kienzler und Richard Lorenz (1996).
Bd. 2: Unterwegs mit dem dreieinen Gott. Beiträge zur Religionsphilosophie und Fundamentaltheologie 2. Ausgewählt und eingeleitet von Heinz-Jürgen Görtz, Klaus Kienzler und Richard Lorenz (1996).
Bd. 3: Die Alternative des Evangeliums. Beiträge zu gesellschaftlichen Fragen. Ausgewählt und eingeleitet von Michael Albus, Peter Blättler und Wolfgang Schneider (1995).
Bd. 4: Spielräume Gottes und der Menschen. Beiträge zu Ansatz und Feldern kirchlichen Handelns. Ausgewählt und eingeleitet von Reinhard Göllner und Bernd Trocholepczy (1996).
Bd. 5: Gemeinschaft als Bild Gottes. Beiträge zur Ekklesiologie. Ausgewählt und eingeleitet von Hanspeter Heinz und Anton E. van Hooff (1996).

Biographische Skizze
Hemmerle, Klaus, in: Freiburger Diözesan-Archiv 116 (1996), 244–248.

Aufsätze
Krisis. Zu Glauben und Denken von Bischof Klaus Hemmerle, in: Pa­sto­ral­­blatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen [u. a.] 47 (1995), 47–54.

Zeit-Pastoral. Zu einer Anregung von Klaus Hemmerle, in: Bibel und Li­tur­­gie 70 (1997), 184–188.

Von der (Un-)Sichtbarkeit des Glaubens. Der Beitrag Klaus Hemmerles zur Prak­­­tischen Theologie, in: Arbeiterfragen. Schriftenreihe des Os­wald-von-Nell-Breuning-Hauses, Herzogen­rath (1999) H. 5, 6–26.

Trinitarischer Lebensstil. Zur Theologie und Spiritualität der Trinität bei Klaus Hemmerle, in: Lebendige Seelsorge 53 (2002), 8–11.

„Erzähle mir von Gott!“ Notizen zu Klaus Hemmerles Sprechen von Gott, in: Hans Hermann Henrix (Hg.), Bischof Klaus Hemmerle (1929–1994). Ein geistlicher Meister, Aachen 2004 (=Aachener Beiträge zu Pastoral- und Bildungsfragen, Bd. 22), 18–37.


Weitere wichtige Forschungsliteratur

Schreier, Josef: Bibliographie Bischof Prof. Dr. Klaus Hemmerle (1929-1994), in: Kirchliches Buch- und Bibliothekswesen 1 (2000), 155–268.

Schreier, Josef: Bibliographie und Theologie. Die Textualität des Schrifttums von Bischof Klaus Hemmerle als Signatur seines Denkens, in: Kirchliches Buch- und Bibliothekswesen 2 (2001), 103–117.

Loos, Stephan: Religion als Freiheit. Eine hermeneutische Phänomenologie der Religion nach Klaus Hemmerle, Freiburg i. Br. 2006 (=Technik und Weisheit ; 3) - S. 464-468: Sekundärliteratur zu Klaus Hemmerle.