Aufriss
In
den letzten Jahren ist eine Kontroverse darüber entstanden, ob die
Praktische Theologie als eine Handlungs- oder als eine
Wahrnehmungswissenschaft zu konzipieren sei. Lange Zeit hatte
hinsichtlich ihrer handlungswissenschaftlichen Ausrichtung und
handlungstheoretischen Fundierung ein breiter Konsens in der
Praktischen Theologie bestanden. Diesen scheinen ästhetische und
phänomenologische Ansätze neuerdings in Frage zu stellen.
Gründe, die Wahrnehmung stärker zu akzentuieren, gibt es durchaus. Ob
es die Pluralisierung der Lebensläufe oder die Ästhetisierung der
Lebenswelten ist, eine „Kunst der Wahrnehmung“ (Albrecht Grözinger)
erfordern sie gleichermaßen; und ob die gelebte Religion in den
Mittelpunkt des Interesses rückt oder die Kontextualität kirchlicher
und christlicher Praxis betont wird, die Praktische Theologie steht in
gesteigertem Maße vor der Aufgabe, Lebenswirklichkeit zuallererst
wahrzunehmen.
Auch das Zeugnis des Alten wie Neuen Testaments, dass Gott nur
erfahrbar wird und bleibt, wenn und solange er sich zu erfahren gibt,
scheint für den Einsatz bei der Wahrnehmung zu sprechen. Denn dass es
zuerst und zuletzt keine andere Vermittlung Gottes gibt als die
Vermittlung durch ihn selbst, bindet schließlich die „praktische
Behauptung Gottes“ (Helmut Peukert) zurück an die Beglaubigung durch
Gottes eigene Taten: „Das hast du sehen dürfen, damit du erkennst:
Jahwe ist der Gott, kein anderer ist außer ihm“ (Dtn 4,35).
Auf der anderen Seite trifft jedoch die Kritik, die in der Diskussion
gegen eine handlungstheoretisch ansetzende Praktische Theologie
vorgebracht wird, diese kaum einmal wirklich. Handeln und Wahrnehmen in
einen Gegensatz zu bringen, hieße auch, sogleich wieder zu verspielen,
was an neuen Ansatzpunkten gewonnen wird. Wahrnehmen und Handeln
gehören zusammen, tragen als Momente gläubiger Praxis aber das Gepräge
eines Antwortens.
Perspektiven
Wird
diesen Verhältnissen und Beziehungen, letztlich dem responsiven
(antwortenden) Grundzug des Sprechens und Handelns Beachtung geschenkt,
verschwindet nicht nur die abstrakte Alternative von Wahrnehmen oder
Handeln. Die Konsequenz ist eine Erweiterung des Handlungsbegriffs: Zur
Frage nach dem „Woraufhin“ (den Zielen) und dem „Wonach“ (den Regeln
und Normen) des Handelns tritt nämlich hinzu die Frage nach dem
„Worauf“. Das aber ist die Frage nach dem, was meinem Handeln
voraufgeht und woran ich anknüpfe, ohne es jemals restlos in meinem
Handeln aneignen bzw. ihm jegliche Fremdheit nehmen zu können.
Veröffentlichungen
Antwortendes
Handeln. Praktische Theologie als kontextuelle Theologie, Münster [u.
a.] : Lit-Verlag, 2002 (=Theologie und Praxis ; Bd. 14).
„Gib deine Antwort darauf!“, in: Katechetische Blätter 129 (2004) 376–382.
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