Forum für Autobiographieforschung
"Die meisten Menschen sind im Grundverhältnis zu sich selbst Erzähler."
(Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)

Im autobiographischen Erzählen manifestieren sich zentrale Fragen der Literatur(wissenschaft) sowie die Problematik des menschlichen Selbstverhältnisses. Als eine ausdifferenzierte Literaturgattung umfasst Life Writing nicht nur Autobiographie und Biographie, sondern auch Autofiktion, Briefe, Tagebücher, Krankheitsnarrative, testimonials, Memoiren, Reiseberichte, Essays, Interviews, autographics und andere Textsorten. Auch beispielsweise Film, Kunst und Photographie oder soziale Netzwerke sind prominente autobiographische Medien.

Das Forum schafft einen Raum für die intensive Auseinandersetzung mit konkreten Texten und Formaten, aber auch für die theoretisch-methodische Reflexion des Gegenstands. Es greift aktuelle wissenschaftliche Diskussionen und Impulse aus anderen Disziplinen auf und beteiligt sich aktiv an der Entwicklung neuer, auch interdisziplinär ausgerichteter Fragestellungen zum Thema. Die Aktivitäten des Forums umfassen Vorträge, Workshops, Konferenzen sowie gemeinsame Lehrveranstaltungen und Publikationen.

Aktuelles

Call for Papers - GENDER: Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft

Verwandtschaftsverhältnisse – Geschlechterverhältnisse Mediale Formen, Techniken und Praktiken von Verwandtschaft im 21. Jahrhundert

In lebensweltlichen Zusammenhängen begegnen wir zunehmend Erosionsprozessen und Neuordnungen von biologischen Verwandtschaftsverhältnissen in unterschiedlichen und oft miteinander verbundenen Bereichen: in der Reproduktionsmedizin, in Beziehungs- und Fürsorgeverhältnissen, in der Klein- und Großfamilie. Es entstehen neue biopolitische, soziale und rechtliche Formen des Verwandtseins, die die Geschlechter- und Verwandtschaftsordnungen grundlegend neu definieren und das Ordnungsmodell der Genealogie zunehmend obsolet erscheinen lassen. Anstelle von auf Abstammung und Blutsverwandtschaft gegründeter familiärer Beziehungen, die auf einer dyadischen, patrilinearen Struktur beruhen, sind nun neue plurale soziale
wie biologische Verwandtschaftsformen möglich (gleichgeschlechtliche Elternschaft; Adoptionsrechte; Spenderkinder; Kinder mit dem Erbgut von drei Eltern). Diese emulieren zum Teil die alten familiären Modelle, erproben aber auch neue Allianzen und Netzwerke und justieren dabei die Funktion der Kategorie Gender in Verwandtschaftsbeziehungen neu. Das Themenheft lädt zur Beschäftigung mit neuen Formen von Verwandtschaft insbesondere aus kultur- und sozialwissenschaftlichen und zugleich gendertheoretischen Perspektiven ein. So wird nach experimentellen Imaginationen neuer Verwandtschafts-
formen in den Medien ebenso gefragt, wie nach Verwandtschaftserzählungen, die zu den kulturell stabilsten und ältesten Narrativen gehören. Sie bilden genealogische Ordnungsmuster ab und geben Ängsten, Transgressionen und Affekten Raum, mit denen Verwandtschaft beladen ist. Als Kulturtechnik konstituieren und stabilisieren sie humane Vergesellschaftungsformen, und den Literatur- und Kulturwissenschaften fällt mit der Analyse der medialen Repräsentationen neuer Verwandtschaftsformen eine wichtige kulturhermeneutische Aufgabe zu. Von Interesse ist darüber hinaus jedoch auch der geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Blick auf die Bedeutung und Herstellung von Verwandtschaft, auf rechtliche Aspekte vor allem von sozialen Verwandtschaftsbeziehungen und auf neue Praktiken von Verwandtschaft, in denen die soziale Gruppenzugehörigkeit intime Beziehungen rahmt. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Frage, welche Bedeutung diese Verschiebung für die Geschlechterverhältnisse hat.


Mögliche Themen und Fragestellungen im Einzelnen sind:
• Genealogie als literarisches und kulturelles Ordnungsmuster der Geschlechterverhältnisse
• Interdependenzen juristischer, biotechnologischer und literarischer/medialer Diskurse
• Herstellung und Bedeutung von Verwandtschaftsbeziehungen für die Geschlechterverhältnisse
• Wahlverwandtschaften, Allianzen, Netzwerke: Verwandtschaftsmetaphern
• trans-humane Denkfiguren von Verwandtschaft
• innovative und restaurative Begründungsformeln von Verwandtschaft

Verfahren und Zeitplanung

Wir bitten um die Einreichung eines ein- bis zweiseitigen Abstracts bis zum 20.11.2017. Beiträge aus dem nicht-deutschsprachigen Ausland können gern auch auf Englisch eingereicht werden. Die Redaktion arbeitet mit dem Online-Redaktionssystem OJS. Daher bitten wir Sie, sich auf www.budrich-journals.de/index.php/gender als Autorin oder Autor für die Zeitschrift GENDER anzumelden und Ihr Abstract dort einzureichen und hochzuladen. Einen Leitfaden zum Umgang mit OJS finden Sie unter www.gender-zeitschrift.de/index.php?id=manuskripte. Die Einladung zur Beitragseinreichung erfolgt im Falle einer positiven Einschätzung bis zum 06.12.2017. Der Abgabetermin des fertigen Beitrags im Umfang von max. 50.000 Zeichen ist der 04.06.2018. Alle eingereichten Beiträge durchlaufen ein mehrstufiges Review-Verfahren, auf dessen Grundlage die endgültige Auswahl der Beiträge getroffen wird; dabei sind Hinweise zur Überarbeitung eher die Regel als die Ausnahme. Diese werden den AutorInnen von den Herausgeberinnen zurückgemeldet. Im Falle einer hohen Anzahl von positiv begutachteten Beiträgen behält sich die Redaktion vor, eine abschließende Auswahl vorzunehmen und ggf. Beiträge in einer späteren Ausgabe zu veröffentlichen.

Über GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft

GENDER ist eine 2009 gegründete Zeitschrift, die der Frauen- und Geschlechterforschung sowie den Gender Studies ein übergreifendes Forum für wissenschaftliche Debatten, aber auch für die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis bietet. Das Spektrum der Zeitschrift umfasst gesellschaftliche und kulturelle Themen – sozialpolitische Fragen zu Gleichheit und Gerechtigkeit haben ebenso Platz wie Fragen nach den Inszenierungen
und kulturellen Deutungen von Geschlecht. Intendiert ist ein breites Spektrum von Themen und wissenschaftlichen Disziplinen, in denen Frauen-, Männer- und Geschlechterfragen reflektiert werden. Dem multidisziplinären Charakter der Zeitschrift entsprechend sind sozialwissenschaftliche, kulturwissenschaftliche, naturwissenschaftliche und andere Analysen willkommen, die dem interdisziplinären Charakter der Geschlechterforschung entsprechen.

Die Zeitschrift erscheint dreimal jährlich jeweils mit einem thematischen Schwerpunkt und einem

Jahresumfang von rd. 480 Seiten. Die Beiträge des Schwerpunktthemas und des offenen Teils wer-
den im doppelblinden Peer-Review-Verfahren begutachtet.

Beiträge für den offenen Teil der Zeitschrift sind – unabhängig vom jeweiligen Schwerpunktthema
– jederzeit herzlich willkommen!

Haben Sie noch Fragen?

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an die Herausgeberinnen des Schwerpunkthef-
tes Prof. Dr. Sigrid Nieberle, Technische Universität Dortmund (sigrid.nieberle@tu-dortmund.de),

Prof. Dr. Barbara Schaff, Universität Göttingen (bschaff@uni-goettingen.de), und Dr. Jenny Bünnig,

Universität Duisburg-Essen (jenny.buennig@uni-due.de), oder an die Redaktion (redaktion@gen-
der-zeitschrift.de).

Die AutorInnenhinweise zur Erstellung von Manuskripten finden Sie unter www.gender-zeitschrift.
de/index.php?id=manuskripte.

Nächstes Treffen des Forums für Autobiographieforschung

Das AutobiographieForum lädt zu einem offenen Treffen ein, um eine für das nächste Jahr geplante Tagung zum Thema "Beyond Endings" vorzubereiten. Das Treffen findet am Mittwoch, den 18.10.2017, um 19.30 Uhr im Englischen Seminar der WWU Münster, Johannisstr. 12-20, Raum 129 statt. Alle an Autobiographiefragen Interessierten sind herzlich willkommen!

CfP: Anderswo im Anderswann

Autofiktion als Utopie

Anderswo im Anderswann – Autofiktion als Utopie

Binationale Tagung der WWU Münster und der RU Nijmegen

21.-23. März 2018, Gnadenthal bei Kleve

Tagungssprache Deutsch und Englisch

Utopie – Thomas Morus dachte sie sich vor 500 Jahren als Insel – die Insel als ein Gegenentwurf zur Gesellschaft. Bei Morus ist sie eine ideale, konfliktfreie Welt, während Gilles Deleuze sie sich, Mitte des 20. Jahrhunderts, eher als einen wüsten Ort vorstellte – allein schon deshalb, weil sie von der übrigen Welt abgesondert ist. Utopie [gr. οὐ und τόπος, ‘nicht’, ‘Ort’], der Nicht-Ort. Michel Foucault, Zeitgenosse Deleuzes, stellt in seinen Überlegungen zu ‘anderen Räumen’ den Gegenwartsbezug der Utopie heraus, was ihn dann konsequenterweise zur Formulierung der Heterotopien bringt. Es ist dieses kritische Potenzial der Utopie, das Denker wie Jean Jacques Rousseau oder Karl Marx und Friedrich Engels nutzten, um die literarische Gattung der utopischen Erzählungen stärker politisch auszurichten. Karl Mannheim brachte es auf den Satz: “Utopisch ist ein Bewußtsein, das sich mit dem es umgebenden ‘Sein’ nicht in Deckung befindet”. Damit beginnt im Grunde das Ende der Verzeitlichung der Utopie, wie sie am Beginn der Moderne mit Romanen wie ‘Das Jahr 2240’ (1771) von Louis-Sébastian Mercier aufkamen. Die aktuelle Utopieforschung hat sich schon lange von idealisierten Zukunftsvisionen verabschiedet und diskutiert Utopie (u.a.) als ‚Impuls’, ‚Methode’ oder ‚Bewusstsein’. Wie aber muss man sich ein solches Bewusstsein, das sich nicht in Deckung mit dem Realen befinden will, vorstellen? Wie entwirft es sich selbst, wie inszeniert es sich, wie stellt es sich dar? An dieser Stelle berühren sich Utopie- und Autobiographieforschung.

Mit dem Fokus auf die Utopie kommt das Imaginäre, Visuelle und Fantastische in den Blick, dass die Autobiographie von der Autofiktion unterscheidet. ‘Autofiktion’ adressiert im Gegensatz zur an Authentizität und Wahrhaftigkeit ausgerichteten Auffassung von Autobiographie das fiktionale Moment literarischer Selbstentwürfe: “Fiktion strikt realer Ereignisse und Fakten”, so definierte Serge Doubrovsky den Begriff, der sich inzwischen in der aktuellen Autobiographiedebatte etabliert hat. Entscheidend für die Behandlung der Autobiographie als Utopie dürfte des Weiteren die Konstitution des Ichs im Medium sein. Die neuere Autobiographieforschung hat dafür den Begriff der ‘Automedialität’ geprägt. Mit diesem Begriff wird der Fokus auf die mediale Begründung des Selbstentwurfs gelegt, der zwar zumeist, aber keinesfalls ausschließlich, im Medium der Schrift vollzogen wird. Dabei sind die verschiedenen Medien Grundlage unterschiedlicher autobiographischer - oder besser noch: autofiktionaler – Artikulationsmodi, die jeweils unterschiedlich geformte Selbstbilder hervorbringen.

Die geplante Tagung fragt vornehmlich nach dem Utopischen dieses autofiktionalen Selbstentwurfs und möchte damit Licht werfen auf das Imaginäre, das Fantastische aber auch auf die gesellschaftskritischen Gegenwartsbezüge des Selbstentwurfs.

Der spezifische Fokus der Tagung leitet sich aus dem ‘Spatial Turn’, einer Neuorientierung am Räumlichen, seiner Wahrnehmung und seiner Konzeptualisierung, ab: Sowohl die Utopie wie die Autofiktion werden unter räumlichen Gesichtspunkten betrachtet. Daraus ergibt sich auch die Zielsetzung der Tagung, die das autofiktionale Potential räumlich verfasster Utopien untersuchen will.

Mögliche Themen:

  • Utopische U-topien: Das autofiktionale Anderswo als Ideologiekritik
  • Heterotopie und Utopie: Gesellschaftsbezug oder Realitätsflucht?
  • Autobiographische Dystopien und/oder Das Prinzip Hoffnung
  • Anderswo/Anderswann: Zukunft und Vergangenheit als utopische Räume
  • Fluchtversuche in die Auto(r)poetik
  • Power of Past: Nostalgia/ Nostalgie als Eutopie

Vortragsvorschläge in Form von Abstracts (max. 300 Wörtern) sowie eine kurze biographische Notiz (inkl. E-Mail-Adresse, Anschrift und Institution) mit Angabe von Forschungsschwerpunkten senden Sie bitte bis zum 01. November 2017 an: k.wilhelms@uni-muenster.de und y.delhey@let.ru.nl. Für Rückfragen stehen wir zur Verfügung. NachwuchswissenschaftlerInnen werden nachdrücklich aufgefordert, sich zu bewerben. Wir bemühen uns um eine Finanzierung bzw. Erstattung der Kosten für Reise.

Konzept und Organisation: Dr. Kerstin Wilhelms (Westfälische Wilhelms-Universität Münster), Dr. Yvonne Delhey (Radboud Universiteit Nijmegen)

Ringvorlesung "Life Writing. Neue Ansätze in der Autobiographieforschung"

Ringvorlesung

Die Ringvorlesung "Life Writing. Neue Ansätze in der Autobiographieforschung" findet im WS 2015/16 sowie im SoSe 2016 jeweils dienstags von 14-16 Uhr im J1 statt. Die aktuellen Termine finden Sie hier

Ringvorlesung "Life Writing. Neue Ansätze in der Autobiographieforschung II"

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Die zweite Ringvorlesung des Autobiographieforums, "Life Writing. Neue Ansätze in der Autobiographieforschung II" findet im WS 2016/17 jeweils dienstags von 14-16 Uhr im Fürstenberghaus, Raum F2, statt. Die aktuellen Termine finden Sie hier.

Gastvortrag

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Am 7. Februar 2017 findet der letzte Gastvortrag der Ringvorlesung "Life Writing. Neue Ansätze in der Autobiographieforschung II" statt: Prof. Dr. Ulla Haselstein (Berlin) hält ihren Vortrag zum Thema "Talking and Listening: Gertrude Steins Selbstporträts".
Der Vortrag wird in deutscher Sprache stattfinden. Interessierte aller Fachrichtungen sind herzlich eingeladen.