Lesung mit Sofia Andruchowytsch
Im Rahmen der Annette von Droste-Hülshoff-Lesung des Exzellenzclusters "Religion und Politik" lädt Prof. Dr. Irina Wutsdorff zu einer Lesung mit der ukrainischen Schrifstellerin Sofia Andruchowytsch.
Alle Informationen finden Sie auf dieser Webseite oder im Flyer.
Für weitere Informationen zur Annette von Droste-Hülshoff-Lesung besuchen Sie gerne die Webseite des Exzellenzclusters.
Programm
Dienstag, 20. Oktober 2026 | 18.15 Uhr
Eröffnung
Prof. Dr. Wolfram Drews, Sprecher des Exzellenzclusters „Religion und Politik“Einführung und Moderation
Prof. Dr. Irina WutsdorffSofia Andruchowytsch liest aus ihrem Werk
Amadoka (2020)Auf Deutsch erschienen als Die Geschichte von Romana (2023), Die Geschichte von Uljana (2023) und Die Geschichte von Sofia (2024)
Die deutschsprachigen Übersetzungen werden von einem*einer Schauspieler*in gelesen. Der Abend findet in ukrainischer und deutscher Sprache statt. Das Gespräch wird von Dr. Tetyana Dagovych gedolmetscht.
Anschließend wird zu einem Empfang geladen.
Ort
Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters
Raum JO 1 Johannisstraße 4,
48143 MünsterDer Eintritt ist frei.

© Vasylyna Vrublevska Über die Autorin Sofia Andruchowytsch
Sofia Andruchowytsch, geboren 1982 in Iwano-Frankiwsk, zählt zu den renommiertesten zeitgenössischen Autorinnen der Ukraine. Als Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin setzt sie sich intensiv mit den komplexen Verflechtungen von Geschichte, Identität und Macht auseinander. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges nutzt sie ihre internationale Bekanntheit, um über die Lage in ihrer Heimat aufzuklären.
Ihr literarisches Werk zeichnet sich durch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der politischen Dimension von Er innerung aus – sowohl mit unterdrückten Narrativen als auch mit deren Konstruktion. Sofia Andruchowytsch ist Autorin von sieben Prosabänden, darunter vier Romanen. Bereits in ihrem Roman Felix Austria (2014; deutsch erschienen als Der Papierjunge) entwirft sie ein Panorama des multireligiösen und multikulturellen Galiziens um 1900. In einer gleicher maßen grotesken wie fantastischen Erzählweise schildert sie das Zusammenleben deutsch-, polnisch- und ukrainischspra chiger jüdischer und christlicher Bevölkerungsgruppen.
Mit dem monumentalen Romanepos Amadoka (2020; deutsch erschienen in den Bänden Die Geschichte von Romana, Die Geschichte von Uljana und Die Geschichte von Sofia) widmet sich Andruchowytsch den Themen Verlust und Auslöschung. Metaphorisch benannt nach einem auf antiken Karten ver zeichneten, tatsächlich jedoch nicht existierenden See, ver knüpft der Roman drei traumatische Epochen der ukrainischen Geschichte: die stalinistischen Repressionen der 1930er Jahre und die Vernichtung der ukrainischen Intelligenzija („Er schossene Renaissance“), den „Holocaust der Kugeln“, die Massenerschießungen während der nationalsozialistischen Besatzung in den 1940er Jahren, sowie den seit 2014 an dauernden Russisch-Ukrainischen Krieg.
Eine eindrucksvolle Entsprechung hat die Vielschichtigkeit dieses Epos bereits auf der Bühne gefunden: Die Inszenie rung von Dušan David Pařízek (Amadoka, Prager Theater Divadlo X10 und Theater der Welt) überträgt die literarischen Motive in den theatralen Raum und macht die Dynamiken von Erinnern und Vergessen physisch erfahrbar. Nach ihrer Ur aufführung im April 2026 in Prag wurde die Produktion im Juni desselben Jahres beim Festival „Theater der Welt“ in Chemnitz erstmals dem deutschen Publikum präsentiert.
Andruchowytsch verzichtet in ihrem Werk auf einfache Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Indem sie Täter und Opfer in ihrer menschlichen Ambivalenz zeigt, hinterfragt sie moralische Grenzziehungen ebenso wie die Gewalt, die der Konstruktion von Familiengeschichten und nationalen Mythen eingeschrieben sein kann. Für ihr herausragendes literarisches Schaffen wurden Sofia Andruchowytsch sowie ihre Übersetzer*innen Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck 2024 mit dem Internationalen Hermann-Hesse Preis ausgezeichnet. Amadoka erhielt darüber hinaus den Internationalen Literaturpreis des Kulturhuset Stadsteatern (Schweden, 2025), den Encounter – Ukrainisch-Jüdischen Literaturpreis (Kanada/Ukraine, 2023) sowie den Sholem Aleichem-Preis (Ukraine, 2023).

© Wikimedia Commons Annette von Droste-Hülshoff-Lesung
Das Verhältnis von Religion und Politik ist nicht nur Gegenstand wissenschaft- licher Forschung. Es wird seit jeher auch in der Literatur verhandelt. Dabei werden Fragen und Nuancen, Dilemmata und Konflikte mit literarischen Mitteln anders zum Ausdruck gebracht, als die wissenschaftliche Be schäftigung mit Religion und Politik es zu tun vermag. Aus diesem Grund veranstaltet der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster seit 2024 die Annette von Droste-Hülshoff-Lesung. Dazu eingeladen werden internationale Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich in künstlerisch anspruchsvoller Weise mit der Beziehung von Religion und Politik befassen.
Die Namensgeberin der Lesung, die aus dem Münsterland stammende Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848), die einmal von sich sagte, in hundert Jahren wolle sie gelesen werden, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen deutscher Sprache. Wurde sie vormals gelegentlich auf das Image des biederen westfälischen Adelsfräuleins reduziert, sieht man in der Gegenwart ihre vorausweisende Modernität. Ihr kritischer Blick auf Religion und Gesellschaft sowie ihre fein gezeichneten Natur- und Landschaftsbilder, in denen sich das Verhältnis des Menschen zu einer durchaus auch bedrohten Natur spiegelt, machen ihr Werk in der heutigen Zeit auf vielfache Weise aktuell. Die 1842 erschienene Novelle Die Judenbuche, in der soziale und religiöse Zugehörigkeit und Ausgrenzung dargestellt werden, zählt seit langem zu den meistgelesenen Werken der deutschsprachigen Literatur, erhält aber gerade in der von Krisen und gesellschaftlichen Spannungen geprägten Gegenwart neue Brisanz. In ihrer reflektierten und präzisen Sprachlichkeit verweigern sich Droste-Hülshoffs komplexe Texte einfachen Antworten.
Exzellenzcluster „Religion und Politik“
Der Exzellenzcluster „Religion und Politik“, der 2007 ein gerichtet wurde, untersucht noch bis 2027 das komplexe Verhältnis von Religion und Politik quer durch die Epochen und Kulturen. Im Zentrum des Interesses der rund 150 Forschenden aus 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen stehen Europa und der Mittelmeerraum sowie deren Verflechtungen mit Vorderasien, Afrika, Nord- und Lateinamerika. Der Forschungsverbund ist der bundes weit größte dieser Art und unter den Exzellenzclustern in Deutschland der einzige zum Thema Religion. Seit seiner Gründung bearbeitet der Exzellenzcluster eine Vielzahl an historischen und gegenwartsbezogenen Themen von aktueller Relevanz.
Organisation
Exzellenzcluster „Religion und Politik“
Prof. Dr. Irina Wutsdorff
Johannisstraße 1,
48143 Münster
Tel: +49 251 83-23376religionundpolitik@uni-muenster.de
Instagram: @religionundpolitik
www.religion-und-politik.de