Am 11. März 1900 wurde der 18-jährige Gymnasiast Ernst Winter in der westpreußischen Kleinstadt Konitz (heute: Chojnice) brutal ermordet. Kurz darauf erlitt die jüdische Stadtbevölkerung den schwersten Ausbruch antisemitischer Gewalt im wilhelminischen Deutschland. Als Motor fungierte die erstmals im Mittelalter dokumentierte, antijüdische Ritualmordlegende, der zufolge Jüdinnen und Juden jedes Jahr vor dem Pessachfest christliche Kinder auf rituelle Weise schlachteten, um mit deren Blut Matzen zu backen.

In der Übung werden wir anhand zeitgenössischer Quellen über den unaufgeklärten Mordfall untersuchen, wie in Konitz ein antijüdisches Gerücht zu manifestem und gewaltbereitem Antisemitismus wurde. An diese mikrohistorische Studie knüpft sich die Frage, wie sich die lokalen Geschehnisse in die allgemeine Entwicklung des Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich einfügen lassen. Was können wir aus ihnen insbesondere über das Verhältnis von „altem“ Antijudaismus und modernem Antisemitismus lernen? Nicht zuletzt werden wir uns mit den politischen Reaktionen und Instrumentalisierungen der „Mordaffäre“ in den folgenden Jahren bis hin zum Nationalsozialismus auseinandersetzen und diskutieren, ob „Konitz“ als eine Vorstufe von Auschwitz gedeutet werden kann.

Die Übung findet in Kooperation mit dem Westpreußischen Landesmuseum in Warendorf statt. Eine Exkursion zum Museum ist daher Teil des Semesterprogramms.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WT 2026/27