Das Lukasevangelium (Lk) besitzt unter den Evangelien des Neuen Testaments ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal: Der bekannteste und umstrittenste theologische Lehrer des zweiten Jahrhunderts, Markion von Sinope, verwendete selbst ein Evangelium (Mkn), das ausgerechnet dem Lukasevangelium in Vielem täuschend ähnlichsah, gegenwärtig jedoch nur in Zitaten und Anspielungen antiker Autoren greifbar ist. Markions Gegner, die ihn als „Antichrist“ und gefährlichen „Wolf“ verunglimpften, erkannten darin wenig überraschend den Versuch eines Erzketzers, einen heiligen Text für die eigenen Ziele missbräuchlich umzugestalten.

Daneben gab es in der modernen exegetischen Forschung jedoch immer auch andere Verhältnisbestimmungen, wie die, Mkn und Lk ginge auf eine gemeinsame Vorlage zurück oder auch die, Lk sei eine (erweiterte und korrigierte) Überarbeitung des Mkn. In jüngster Zeit wurden diese alternativen Verhältnisbestimmungen in unterschiedlicher Weise neu begründet und zum Teil mit großem Nachdruck in die exegetische Diskussion eingebracht. Sogar die Position, Markion selbst habe Mkn als ältestes Evangelium verfasst und damit die gesamte Evangelienüberlieferung erst begründet, wird dabei vertreten. Die Lehrveranstaltung kartographiert die Debatte, bietet in einem ebenso virulenten wie grundlegenden Forschungsfeld Orientierung und zeigt Wege auf, Mkn in verantwortungsvoller Weise in die eigene exegetische und theologische Arbeit einzubeziehen.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27