Die Vorstellungen darüber, welche Kräfte den Gang des historischen Geschehens vorantreiben, unterliegen selbst geschichtlichem Wandel. Die Frage, welcher Anteil menschlichen Subjekten dabei zukommt, durch ihr Handeln die Welt zu gestalten, fand in der Forschung des 20. Jahrhunderts unterschiedliche Antworten. Während sich in der zweiten Jahrhunderthälfte eine verstärkte Tendenz zur ‚Dezentrierung‘ des Subjekts manifestierte, war die frühere Forschung im allgemeinen geneigt, den intentionalen Handlungen von Menschen ein signifikantes Maß an wirklichkeitsprägender Agency zu attestieren. Dass entscheidende historische Weichenstellungen das Werk großer Individuen waren, stellt eine Vorannahme zahlreicher Arbeiten der Geschichtswissenschaft des 19. und früheren 20. Jahrhunderts dar. Die Mechanismen der Verknappung des Diskurses, die regulierten, welchen sozialen Differenzkategorien (etwa Religion, Ethnizität, Stand, Geschlecht) die Personen angehörten, denen diese geschichtsmächtige Agency zukam, wurden dabei meist nicht reflexiv, nahmen aber eine wirksame Selektion des personalen Ensembles vor, das für Erzählungen über epochale Begebenheiten überhaupt in Frage kam. Im Hinblick auf Geschlecht war die Rolle des Subjekts der Geschichte, das zur Gestaltung des historischen Geschehens befähigt war, in diesem Deutungsrahmen oftmals für männliche Protagonisten reserviert. Die bekannte Äußerung Heinrich von Treitschkes über das Wirken von Männern, die Geschichte „machen“, ist dieser Diskursordnung verpflichtet.

Im europäischen Mittelalter, so sollte man meinen, war diese Regulierung des Sagbaren kaum weniger effizient. Schließlich gab es im Mittelalter einen Diskurs, der Frauen pauschal geringere Fähigkeiten zuschrieb als Männern. Auch wenn die konkreten Ausprägungen dieses Unterschieds umstritten blieben, so war in diesem Diskurs sowohl die Rationalität als auch die Willensfreiheit von Frauen entscheidend beeinträchtigt. Doch wie verbindlich war diese Sprachregelung in den Geschichts- und Wirklichkeitsdeutungen, die in mittelalterlichen Gesellschaften artikuliert wurden? Ließen die diskursiven Ordnungen, die das Sprechen über menschliche Agency in Geschichte und Gegenwart während des Mittelalters regulierten, keine willensstarken Akteurinnen zu, die den Gang des Geschehens lenkten, indem sie Pläne konzipierten und realisierten? Waren die historischen Gestalter, die mit Verstand und Willenskraft in den Lauf des historischen Geschehens eingriffen, in den Diskursen der mittelalterlichen Epoche durchweg männlichen Geschlechts oder lässt sich in dieser Hinsicht eher eine Pluralität, womöglich auch eine Verschiebung der Regeln des ‚Sagbaren‘ im Mittelalter beobachten? Welche spezifischen Genderkonstruktionen treten in diesem Kontext in Erscheinung? Diese Fragen sollen im Seminar im Hinblick auf die Geschichtsschreibung und Geschichtsdeutungen des 14. bis 16. Jahrhunderts diskutiert werden.

 

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27