Das deutsche Bildungssystem erreicht katastrophale Ergebnisse. Im internationalen Vergleich untersucht die PISA-Studie die Bildungserfolge aller 15-Jährigen. Bei der ersten Untersuchung im Jahr 2001 rollten die Ergebnisse als „Pisa-Schock“ durch Deutschland und erzeugten starken Reformdruck im Bildungssystem. Mehr als 20 Jahre nach dem PISA-Schock sind die Kompetenzen der 15-Jährigen in Deutschland in allen getesteten Kompetenzen weiterhin gleich schlecht oder gar noch schlechter. In Bezug auf die Bildungsergebnisse der Kinder und Jugendlichen ist nach mehr als zwei Jahrzehnten nichts passiert.

 

Innerhalb Deutschlands liefert das Institut für Bildungsqualität an der Humboldt-Universität Berlin Daten für einen Vergleich der Bundesländer für die sprachlichen und mathematischen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in der Jahrgangsstufe 4 und Jahrgangsstufe 9. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Trend: Die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler sinken über alle Schulformen hinweg dramatisch. Kurz gesagt: Ein steigender Anteil der Schülerinnen und Schüler in Deutschland kann nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen.

 

Das deutsche Bildungssystem fällt auch in einem anderen Bereich im internationalen Vergleich zurück: Der Zusammenhang zwischen sozio-ökonomischer Herkunft und den sprachlichen und mathematischen Kompetenzen ist in Deutschland extrem groß. Selbst in den USA ist der Einfluss der sozio-ökonomischen Herkunft auf das sprachliche Kompetenzniveau weniger stark ausgeprägt als in Deutschland.

 

Für die Persistenz ökonomischer Ungleichheit ist Bildungspolitik entscheidend. Neben einer Gefährdung der Chancengerechtigkeit bedroht die Situation den gesellschaftlichen Wohlstand und das Wirtschaftsmodell, insb. in einer Wissensgesellschaft. Ausbildungsplätze können nicht besetzt werden, Arbeitslosigkeit verfestigt sich und junge Menschen bleiben ohne Perspektive. In letzter Konsequenz bedrohen die miserablen Ergebnisse des Bildungssystems auch die Demokratie. Die Politikwissenschaft zeigt immer und immer wieder, wie nachträglich niedrige Bildung für demokratische Teilhabe ist.

 

Wir widmen uns in diesem Lektürekurs der Frage, welche Erkenntnisse die empirischen Sozialwissenschaften zu diesem Politikfeld generieren. Hierzu beschäftigen wir uns mit drei Themenfeldern:

-          Welche Einstellungen haben Individuen zu bildungspolitischen Themen?

-          Welche Rolle spielt Bildungspolitik in staatlichem Handeln?

-          Welche Bedeutung hat Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat und was ist der Beitrag von Bildung zur Reduktion sozio-ökonomischer Ungleichheit?

 

Einige Bundesländer haben sich in Deutschland auf den Weg gemacht, umfangreiche Reformanstrengungen zu unternehmen und das Bildungssystem ergebnisorientiert und datengestützt weiterzuentwickeln. Das Land Berlin hat bspw. im Dezember 2025 die Strategie zur Steigerung der Bildungsqualität veröffentlicht. Als Leiter der für die Umsetzung der Strategie zuständigen Fachgruppe kann ich im Seminar auch echte Praxisbezüge herstellen und nebenbei Karrieremöglichkeiten für empirisch arbeitende Absolvierende der Politikwissenschaft aufzeigen.

 

Im Seminar ist ein Text als Studienleistung vorzustellen. Für die Prüfung sind die Anforderungen der Prüfungsordnung des Studiengangs einzuhalten.

 

Das Seminar wird als Blockseminar mit insgesamt drei Tagen verteilt auf zwei Wochenenden durchgeführt.

 

 

Literaturliste:

Allmendinger, J., & Leibfried, S. (2003). Education and the welfare state: the four worlds of competence production. Journal of European social policy, 13(1), 63-81.

 

Busemeyer, M. R., Lergetporer, P., & Woessmann, L. (2018). Public opinion and the political economy of educational reforms: A survey. European Journal of Political Economy, 53, 161-185.

 

Busemeyer, M. R. (2012). Inequality and the political economy of education: An analysis of individual preferences in OECD countries. Journal of European Social Policy, 22(3), 219-240.

 

Garritzmann, S., & Wehl, N. (2025). How education policies shape political inequality: Analyzing policy feedback effects in Germany. Comparative Political Studies, 58(6), 1273-1314.

 

Garritzmann, J. L., & Seng, K. (2016). Party politics and education spending: challenging some common wisdom. Journal of European Public Policy, 23(4), 510-530.

 

Agasisti, T. (2014). The efficiency of public spending on education: An empirical comparison of EU countries. European Journal of Education, 49(4), 543-557.

 

Arnesen, A. L., & Lundahl, L. (2006). Still social and democratic? Inclusive education policies in the Nordic welfare states. Scandinavian journal of educational research, 50(3), 285-300.

 

Skopek, J., & Passaretta, G. (2021). Socioeconomic inequality in children’s achievement from infancy to adolescence: The case of Germany. Social Forces, 100(1), 86-112.

 

Passaretta, G., & Skopek, J. (2021). Does schooling decrease socioeconomic inequality in early achievement? A differential exposure approach. American Sociological Review, 86(6), 1017-1042.

 

Ghirardi, G., Baier, T., Kleinert, C., & Triventi, M. (2023). Is early formal childcare an equalizer? How attending childcare and education centres affects children’s cognitive and socio-emotional skills in Germany. European Sociological Review, 39(5), 692-707.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27