Ein ἐπάμερος, ein „Tageswesen“ sei der Mensch, schreibt Pindar in seiner achten Pythischen Ode. In dem vieldeutigen Wort ephemeros drückt sich sowohl das Wiederkehrende des Alltags aus als auch dessen Flüchtigkeit und Unbeständigkeit aus, die Routinen und die Ereignisse, die den Menschen als wandelbares Wesen tagtäglich neu formen. Die Wirklichkeit des einzelnen Menschenlebens spielt sich vornehmlich im Alltag ab. Er ist gleichsam die menschliche Gegenwart, hinter der sich der gestrige Tag in die unabänderliche Vergangenheit verflüchtigt und der morgige Tag als Beginn der offenen Zukunft bereits greifbar ist. An den konkurrierenden Vorstellungen vom ‚richtig‘ gelebten und genutzten (All-)Tag zeigen sich die zentralen Ideologeme und Mytheme kultureller Formationen. Diesen Grundüberlegungen folgend widmet sich das Seminar (vornehmlich) polnisch- und russischsprachigen Texten und Filmen aus dem 20. und frühen 21. Jahrhundert, die einen einzelnen (All-)Tag erzählen, der entweder (scheinbar) gemütlich vor sich hinplätschert oder aber von einem extremen Ereignis unterbrochen wird. Durch diese schlaglichtartige Fokussierung entwirft das Seminar nebenbei einen Überblick durch die Literatur- und Filmgeschichte dieser Zeit.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27