John Stuart Mill (1806-1873) ist heute vor allem durch seine Schrift Utilitarianism (1861) als klassischer Vertreter des Utilitarismus bekannt. Mit seinem Buch On liberty (1859) hat er außerdem eine Grundlagenschrift des modernen Liberalismus verfasst. In spezifischer Hinsicht ist er jedoch unter den bedeutenden Philosophen des 19. Jahrhunderts eine Ausnahme: Während sich in den Schriften vieler anderer wichtiger Philosophen jener Zeit von Johann Gottlieb Fichte bis hin zu Friedrich Nietzsche dezidiert sexistische und misogyne Stellungnahmen finden, kann man Mill fraglos als überzeugten Feministen bezeichnen. Vermittelt wurde das Thema der Stellung der Frau in der Gesellschaft vor allem durch seine langjährige enge Freundin und spätere Ehefrau Harriet Taylor (1807-1858), deren eminenten Einfluss auf sein Werk und deren Mitautorschaft Mill selbst immer wieder hervorgehoben und betont hat. Ihre in weiten Teilen gemeinsam verfasste und 1869 publizierte Schrift The subjection of women ist ein Klassiker des liberalen Feminismus. Unter dem – aus heutiger Sicht allerdings irreführenden – Titel „Die Hörigkeit der Frau“ erschien noch im selben Jahr (1869) die deutsche Übersetzung von Jenny Hirsch, die dem Werk auch im deutschen Sprachraum schon früh eine breite Rezeption sicherte.

Im Seminar wollen wir die Schrift The subjection of women (aktueller deutscher Titel: Die Unterwerfung der Frauen) lesen und aus dem Zusammenhang von Mill/Taylors gemeinsamen Werk verstehen. Deshalb werden wir zunächst relevante Passagen aus der Schrift On liberty (Über die Freiheit) diskutieren, um die liberale Fundierung von Mill/Taylors feministischem politischen Programm angemessen einordnen zu können.

Dabei liegt mir nicht primär an einer historischen Einordnung, sondern am systematischen Verständnis dieser philosophischen Grundlegung des liberal feminism. Als aktuelle Anknüpfung möchte ich deshalb im Seminar zwei einflussreiche Filme zeigen und diskutieren, die in eindrücklicher Weise die politische Unterwerfung von Frauen thematisieren:

Barbara (2012) von Christian Petzold

Morgen ist auch noch ein Tag (Originaltitel: C’è ancora domani) (2023) von Paola Cortellesi

Wir werden gemeinsam herausarbeiten, wie sich Mill/Taylors programmatische Gedanken im Licht dieser modernen Darstellung der politischen Lebenswirklichkeit von Frauen präzisieren und konkret anwenden lassen.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WT 2026/27