Menschen mit Behinderung sehen sich einer komplexen sozialen Lebenswelt gegenüber. Einerseits gibt es eine große Anzahl an Maßnahmen, sozialen Programmen und Interventionen, die Inklusion garantieren sollen. Inklusion ist in international etablierten Kodizes mittlerweile als ein fundamentales Menschenrecht verankert. So formuliert etwa der Artikel 3 („General principles“) der sog. UN-Be­hin­­der­ten­rechtskonvention (Convention on the Rights of Persons with Disabilities, 2006) als eine der zentralen Grund­nor­men für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung: „Full and effective participation and in­clu­sion in society“. Dieses Ideal ist jedoch heute keineswegs verwirklicht. Denn andererseits sind Menschen mit Behinderung auch mit einer Fülle von sozialen Praktiken, Einstellungen und Strukturen konfrontiert, die sie diskriminieren, marginalisieren, unterordnen, unterdrücken, abwerten oder anderweitig benachteiligen. Mit solchen Strukturen des Ableismus sind behinderte Menschen bis heute in allen Gesellschaften konfrontiert.

Während in philosophischen Debatten um Behinderung und Beeinträchtigung häufig die Kontroverse um den Behinderungsbegriff im Zentrum steht, möchte ich in diesem Seminar das Thema der Beziehung des behinderten Menschen zu seiner Lebenswelt (insbesondere zur Gesellschaft, in der er lebt) in den Mittelpunkt rücken. Dies beinhaltet nicht nur begriffliche, sondern auch empirische und normative Aspekte. Zweifelsohne gibt es „die Behinderten“ als homogene Gruppe gar nicht. Ein Mensch mit einer schweren mentalen Einschränkung findet sich in einer völlig anderen Lebenswelt wieder als ein Mensch mit einer sensorischen Behinderung wie etwa der Blindheit. Gibt es überhaupt allgemeine Grundkategorien, beispielsweise die Grunddimensionen von Raum und Zeit, mit denen sich die Lebenswelt von Menschen mit Behinderung in allgemeiner Weise umreißen lässt? Falls ja: Wie kann man solche Grunddimensionen in sinnvoller Weise beschreiben? Falls nein: Sollte man dann überhaupt in allgemeiner Weise von „Inklusion“ und „Ableismus“ sprechen? Gibt es bessere Kategorien, um der Lebenswelt von Menschen mit Behinderung gerecht zu werden?

Im Seminar werden wir ausgewählte Positionen zu diesem Fragenkomplex rezipieren und aus philosophischer Sicht diskutieren. Wir werden der Frage nachgehen, wie man sich einer angemessenen empirischen Beschreibung und normativen Charakterisierung der Rolle von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft annähern kann.

Voraussetzung für die Teilnahme ist die Bereitschaft zur Lektüre philosophischer Texte und die Bereitschaft zur regelmäßigen und engagierten Teilnahme an den Diskussionen im Seminar.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27