"Die Frage nach der Möglichkeit von gesellschaftlicher Ordnung (Simmel) und entsprechenden Mechanismen des Zusammenhalts ist eine – wenn nicht gar die – Grundfrage der klassischen soziologischen Theorie. Für frühere Theoretiker:innen, etwa Durkheim oder Parsons, stand fest, dass nur dort von Gesellschaft die Rede sein kann, wo dem Differenzierenden etwas Verbindendes, etwas Integratives, gegenübergestellt ist. Jüngere Ansätze, vor allem aber die Systemtheorie von Luhmann, betonen hingegen die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung von Differenz und problematisieren in diesem Zuge die Vorstellung einer normativ fundierten Integration der Gesellschaft. Mit der von David Lockwood eingebrachten und sodann von Jürgen Habermas aufgenommenen Unterscheidung zwischen Sozial- und Systemintegration wurde die Integrationsfrage zudem vervielfacht: Die soziologische Analyse schaut nicht mehr exklusiv auf das Verhältnis von Mensch und Gesellschaft, sondern fragt auch nach der (Un-)Möglichkeit der Koordination von großformatigen Einheiten, etwas von Politik, Wirtschaft oder Recht.

Im Seminar werden wir uns zunächst den klassischen soziologischen Großtheorien widmen, die den Integrationsbegriff maßgeblich mitgeprägt haben. Wie wird Integration jeweils konzeptualisiert? Welche Mechanismen, Voraussetzungen und Grenzen werden benannt? Welche impliziten Annahmen über die Gesellschaft und ihre Einheit werden damit formuliert? Und sind diese mit Blick auf die Gegenwartsgesellschaft noch haltbar? Zudem werden wir uns auch mit aktuellen Debatten auseinandersetzen – droht uns aus soziologischer Warte tatsächlich eine »Spaltung der Gesellschaft«, von der sowohl öffentlich als auch fachintern immer wieder die Rede ist?"

 

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27