Die Europäische Union sucht ihren Weg vom primär marktliberalen Integrationsmodell in ein geopolitisch handlungsfähigeres Resilienzmodell - ohne dabei die Grundlagen von Of-fenheit, Rechtsbindung und Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.


Das Seminar analysiert die europäische Erfolgsgeschichte und bewertet Zielkonflikte, die in dem Prozess des Resilienzstrebens entstehen, so Markt-Offenheit vs. Dumpingkonkurrenz, Wettbewerbsfähigkeit vs. Regulierung, Dekarbonisierung vs. Kosten, strategische Autono-mie vs. internationale Arbeitsteilung, Verteidigungsbündnis vs. NATO und Nationale Souve-ränität. Hat ein robusteres Europa die Chance, an Wachstum und soziale Sicherheit der ver-gangenen Jahrzehnte anzuknüpfen oder begeben wir uns mit Strategien etwa der Handels- und Rohstoffpolitik geradezu in neue Abhängigkeiten?
Dabei folgen die Vorträge/Hausarbeiten demselben Raster:  


•    Um welche Verwundbarkeit geht es, welche EU-Instrumente adressieren die Stär-kung der Resilienz? 
•    Wer sind die Akteure (Kommission, Rat, Parlament, Mitgliedstaaten, Wirtschaft, NGOs, Drittstaaten) und wo treten Zielkonflikte (Nachhaltigkeit, Souveränität, Wett-bewerbsfähigkeit, Rechtssicherheit) auf?
•    Politische Bewertung (realistisch, symbolisch, widersprüchlich)

 

Aufbauend auf diesen theoretischen Grundlagen sind in Brüssel Kommission, Rat und Euro-parlament die wichtigsten Ansprechpartner, ergänzt aber auch um die Sichtweise der wich-tigsten wirtschaftlichen Stakeholder, Umweltverbänden und globalisierungs-kritischer NGOs. Ferner planen wir den Besuch einer relevanten außereuropäischen nationalen Ver-tretung (Japan, China ...)  Die Exkursion, deren (moderate) Kosten von den Teilnehmenden zu tragen sind, ist verpflichtender Bestandteil des Seminars.

 


Studienleistung:    Impulsreferat zu einem Seminarthema
Prüfungsleistung:     Einführender Vortrag und Hausarbeit zu einem Seminarthema
 


Hinweise zum Ablauf
Die Vorbesprechung mit Einführung in das Seminar Vergabe der Referatsthemen findet am 12. Oktober um 11.30 Uhr im Institut (Raum 101, GraSP) statt. 


Am 30.November folgt von 12 Uhr bis 16.30 Uhr die erste Block-Veranstaltung (Raum 101, GraSP) als Vorbereitung für die Exkursion nach Brüssel. 


Das Blockseminar in Brüssel ist im Zeitraum vom 11.-13. Januar 2024 vorgesehen. Reise-Hinweise erfolgen rechtzeitig. Die Abschlussveranstaltung erfolgt dann nach Absprache An-fang Februar. Die Termine werden im Laufe des Seminars bekanntgegeben.


Bitte melden Sie bis zum 5. Oktober Ihr Interesse an den Referatsthemen an. Als Prüfungs-leistung gilt eine schriftliche Hausarbeit mit Einführungs-Vortrag. Dazu wird die frühzeitige Übernahme eines Themas der Einführungsveranstaltung in Münster oder eines Themas der Brüsseler Exkursion erwartet. Als Studienleistung gilt ein Impulsvortrag zu einem der The-men. Bitte melden Sie Ihr Interesse am Seminar und an einem Thema unter  pieperhalen@gmail.com. an. Dabei sind die Impuls-Vorträge in Brüssel als Einführung und Vorstellung der zu besuchenden Institutionen zu verstehen. Die schriftlichen Arbeiten be-rücksichtigen dann auch die Exkursionsergebnisse.


Hauptmerkmale dieses Seminars sind Aktualität und Praxisbezug, die der Dozent als lang-jähriges Mitglied des Europäischen Parlaments unmittelbar herstellen wird. Abweichend von üblichen Literaturvorgaben können fast nur Verweise auf Grundlagenliteratur und (ta-ges)aktueller Presse erfolgen. Es wird eine thematisch eigenständige Literaturreche (insbe-sondere EU-Kommission), Kontaktaufnahme zu den einschlägigen Einrichtungen und politi-sche Bewertung erwartet. Es ist auch möglich, dass zwei oder mehr Studierende - eine Semi-nararbeit gemeinsam durchführen.
 


 
Einführung Münster

1.    Politische Lage in Brüssel mit Einordnung der Resilienz-Instrumente  (Aufteilung der Referatsthemen)

 

Block 1 Münster - Einführung und Vorbereitung der Brüssel-Exursion 


2.    Resilienz als Leitbegriff: Was soll Europa resilient machen?
Gemeinsame begriffliche Grundlagen, Benennung der Resilienzpolitiken aus polit-ökonomischer Perspektive, Zielkonflikte Resilienz/Unabhängigkeit vs. Freihan-del/Wettbewerbsfähigkeit/Bündnisverpflichtungen, politische Konflikte erkennen


Erster Einstieg: Mark Leonard et al., The geopolitics of technology: How the EU can become a global player (ECFR, verschiedene Policy Papers), Mario Draghi, einschlägi-ge EU-Wettbewerbsfähigkeits- und Industriepolitik-Reden/Reports, European Com-mission, Dokumente zu Open Strategic Autonomy, Economic Security


3.    Die EU als Wirtschaftsmacht und Friedensgarant: Erfolgsmodell und  Legitimationskrise
Integrationsprozesse Binnenmarkt und Handelspolitik näher verstehen, Green Deal/kriegerische Konflikte/autoritäre Staaten als Korrektiv analysieren, Instrumente wie handelspolitische Allianzen, Lieferkette/Beschaffungsvorgaben/kritische Roh-stoffe, CBAM, ETS-Reform in knapper politischer Bewertung, Konsequenzen der Deindustrialisierung, Resilienzpolitik antwortet reaktiv auf eine Serie von Krisen, schafft aber neue Konflikte


Erster Einstieg: Luuk van Middelaar, Alarums and Excursions bzw. Arbeiten zur EU als Krisenunion, Wolfgang Streeck, Gekaufte Zeit

4.    EU-Geopolitik: Lieferketten, Verwundbarkeit und wirtschaftliche Sicherheit
Übergang von Freihandels-Globalisierung zu Sicherheitsökonomie aus EU-Sicht er-klären. Wie entstanden strategische Abhängigkeiten? Welche Lehren zieht die EU aus Pandemie, Halbleiterknappheit, Ukrainekrieg und China-Abhängigkeit?
Erster Einstieg: European Commission, European Economic Security Strategy, IMF, OECD oder World Bank Berichte zu supply chains, de-risking, fragmentation


5.    Handelspolitik zwischen Offenheit, Machtgewinn und Schutz: WTO, Anti-Dumping, Procurement, CBAM, Lieferkettenrecht
Wie verändert sich europäische Handelspolitik unter geopolitischem Druck? Wann sind Anti-Dumping, Anti-Subventionsinstrumente, Public Procurement und Lieferket-tenregulierung legitime Schutzinstrumente? Wo bewirken sie das Gegenteil? Konflik-te mit WTO-Regeln?


Erster Einstieg: Chad P. Bown, Arbeiten zu Handelsschutz und WTO, Anu Bradford, The Brussels Effect, Sophie Meunier, EU-Handelspolitik und Strategischer Autono-mie, EU-Dokumente zu Anti-Coercion Instrument, Foreign Subsidies Regulation, In-ternational Procurement Instrument, CBAM, CSDDD/CSRD je nach Schwerpunkt



6.    Kritische Rohstoffe und Industriepolitik - von Abhängigkeit zu strategischer Steuerung?
Warum sind kritische Rohstoffe ein Schlüsselthema europäischer Resilienz? Welche Rolle spielen China, Afrika, Lateinamerika, Australien, Kanada? Welche Instrumente hat die EU? Neue Form legitimer Industriepolitik - oder eine überdehnte Erwartung an staatliche Steuerung?


Erster Einstieg: EU-Dokumente und Analysen zum Critical Raw Materials Act und In-dustrial Accelerator Act und dazu relevante Stakeholder, International Energy Agency, The Role of Critical Minerals in Clean Energy Transitions, Vaclav Smil, Arbei-ten zu materiellen Grundlagen moderner Wirtschaft, Simon Evenett / Arbeiten zu Subventions- und Industriepolitik im globalen Wettbewerb

7.    Energie- und Klimapolitik als Resilienzpolitik
Energie nicht nur als Umwelt-, sondern als Sicherheits- und Standortfrage behan-deln? Wie verändern Corona, Iran- und Ukrainekrieg die europäische Energieord-nung? Wie hängen Dekarbonisierung, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und in-dustrielle Wettbewerbsfähigkeit zusammen? Ist der Green Deal ein Wachstumspro-jekt, eine Regulierungsagenda oder beides? Wie wirken Strompreise, Netze, Spei-cher, Wasserstoff, Importabhängigkeiten auf Europas Resilienz?


Erster Einstieg: IEA, World Energy Outlook und Europa-bezogene Berichte, Simone Tagliapietra, Guntram Wolff u.a. zu EU-Energiepolitik, European Commission und Europäisches Parlament, Materialien/Berichte  zu REPowerEU, RED, ETS… und Euro-pean Green Deal.

8.    EU-Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik: Anspruch, Instrumente, Grenzen
Resilienzbegriff auf Sicherheits- und Verteidigungspolitik erweitern. Welche außen- und sicherheitspolitischen Instrumente hat die EU tatsächlich? Wo liegt die „Arbeits-teilung” zwischen EU, Mitgliedstaaten und NATO? Was sind Strategischer Kompass, EDF, PESCO, Sanktionspolitik, Rüstungskooperation? Unterscheidung zwischen rhe-torischer geopolitischer EU und realer institutioneller Handlungsfähigkeit. 


Erster Einstieg: Berichte der Europäischen Institutionen, Sven Biscop, Arbeiten zu EU-Strategie und Verteidigung, Claudia Major, Analysen zu europäischer Sicherheit und Verteidigung, Nicole Koenig / Jana Puglierin / ECFR-Analysen

 


Block 2 Brüssel – Vor Ort in Parlament, Rat, Kommission und bei Stakeholdern


a.    EU-Kommission – Generaldirektion Resilienz
b.    Europäischer Rat/Deutschland – Ständige Vertretung 
c.    Europäisches Parlament – Außenwirtschaftsauschuss, Industrieausschuss
d.    Die Rolle der Stakeholder I - Beispiel Energie
e.    Die Rolle der Stakeholder II - Beispiel NGO-Kritik
f.    Die Rolle der Stakeholder III – Beispiel Drittland


Abschlussseminar Münster


Zusammenfassender Ausblick und Bewertung des Seminars 

Kurs im HIS-LSF

Semester: WT 2026/27