Mit dem bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts vollzogenen Wechsel zur hochdeutschen Schriftsprache hat der norddeutsche Raum seine eigene, durchaus großräumig geprägte niederdeutsche Schreib- und Literaturtradition zunächst aufgegeben. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand unabhängig von dieser Tradition eine neue, nun sehr deutlich regional ausgerichtete niederdeutsche Dialektliteratur. Diese (auch mit der Sprachbezeichnung „Plattdeutsch“ verbundene) Literatur weist häufig unterhaltsame Elemente auf und thematisiert zumeist dörfliches Leben. Wichtige Autoren dieser Zeit sind Klaus Groth, Fritz Reuter, John Brinckman Johann Hinrich Fehrs und Augustin Wibbelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für die niederdeutsche Literatur einen zweiten Neuanfang. Im Zusammenhang mit einer 2016 erschienenen, umfassenden literaturhistorischen Darstellung dieses Zeitraums weisen die beiden beteiligten Autoren mehr als 7.000 eigenständige literarische Werke auf Plattdeutsch für die Zeit zwischen 1945 und 2015 nach (vgl. Möhn/Goltz 2016 und Goltz/Möhn 2018, S. 147). Sie gliedern den Zeitraum in fünf sog. „Literaturstrecken“ („Wiederaufnahme und einzelne Neuerungen“ 1945-1960; „Die goldenen 60er Jahre“ 1961-1970; „Politisieren und Experimentieren“ 1971-1979; „Hinwendung zum Individuum“ 1980-1989 und „Gefährdete Vielfalt und Qualität“ 1990-2015). Die plattdeutschen Texte aus der Zeit nach 1945 sind vor allem den kleineren Formen und der Lyrik zuzuordnen, aber es gibt auch umfangreichere Erzählungen und Romane sowie eine umfangreiche Produktion an Bühnenstücken und Hörspielen.

Im Seminar, das kompakt in Rothenberge stattfindet, sollen exemplarisch einige Texte gelesen und eingeordnet werden. Nach Möglichkeit möchten wir auch den Bereich der niederdeutschen Bühnenstücke und Hörspiele einbeziehen und Einblicke in eine äußerst rege und vielfältige Literaturszene mit eigenen Publikationsorganen, Wettbewerben, Tagungen und Preisen erschließen. Eine Textauswahl wird im Rahmen der Vorbesprechung am 20.10., 18 Uhr, bekannt gegeben. Niederdeutsche Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27