Wie bilden sich alltägliche Lebensweisen heraus, was plausibilisiert sie, wie kommt es zu Veränderungen? Und wie können wir vergangene Alltage historisch-anthropologisch untersuchen? Die Übung führt in die empirischen Methoden der historischen Kulturanalyse ein. Wir erarbeiten das am Beispiel von „Familie“, einer der „spezifischen Ontologien der sozialen Gruppen“, deren prinzipiell unendlich vielfältigen empirischen Konkretionen Pierre Bourdieu mit dem nützlichen Konzept des „Familiensinns“ gefasst hat. Wie kam es, dass das normative Ideal der heteropatriarchalen „Kernfamilie“, wie Hegel es in seiner Rechtsphilosophie (1820/21, 324f.) im 19. Jahrhundert in Abgrenzung zu den „Stämme[n] und Häusern“ des Adels als Fundament der „bürgerlichen Gesellschaft“ ersonnen hatte, politisch, wissenschaftlich und populär außerordentlich wirkmächtig wurde: „Ehegatten und Kinder bilden den eigentlichen Kern, im Gegensatz dessen, was man im gewissen Sinn auch Familie nennt“. Auf welche Weise sorgte der moderne Staat dafür, dass diese Lebensweise in einer Weise normalisiert wurde, die auch zur rassistischen Differenzierung taugte, innergesellschaftlich ebenso wie in der kolonialen Expansion? Wie begrenzten und dynamisierten kapitalistische Ökonomie und Massenkonsum diese Alltage? Welche Aufbrüche der „Familie“ brachten der Untergang der kleinbäuerlichen Welt, die Kritik der Frauenbewegungen und queere Innovationen von Zugehörigkeit? All diese Praktiken und Konzepte für und wider den „Familiensinn“ lassen sich anhand unterschiedlicher Quellentypen historisch erforschen: Verwaltungsschriftgut, Formulare und Fallakten von Behörden und Asylen, Kirchenbücher, Fotografien, Fotoalben und Super-8-Filme, biographische Interviews und Dokumentationen der historischen Sozialforschung, gedruckte Quellen wie Ratgeber oder Zeitungen, Egodokumente in Form von Briefen, Tagebüchern oder Memoiren, Flugblätter und Arbeitsdokumente der neuen sozialen Bewegungen.
Nach gemeinsamer einführender Lektüre zum „Familiensinn“ sowie zur Archiv- und Quellenkunde und Transkriptionsübungen wählen die Studierenden das Thema für ihre Kurzreferate im zweiten Teil der Lehrveranstaltung. Ein besonderes Augenmerk gilt der Vermittlung von Kompetenzen im Umgang mit digitalisierten Quellen sowie Kompetenzen für die Nutzung von KI-Werkzeugen in der historischen Forschung (v.a. Transkriptionssoftware, Texterkennung für Datenbankrecherchen). Als Studienleistung recherchieren alle Studierenden zwei Quellen und stellen deren Analyse und Interpretation, informiert durch Forschungsliteratur zum gewählten Fall, in einem Kurzreferat zur Diskussion. Drei Archivbesuche in Münster (Stadtarchiv, Archiv für Alltagskultur der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen, LWL-Medienzentrum, Bistumsarchiv) sowie in Duisburg (Archiv für alternatives Schrifttum) geben Einblick in die Arbeitsweise und Nutzungsmöglichkeiten unterschiedlicher Archive.
Die Lehrveranstaltung vermittelt folgende Kompetenzen: Quellen für eine historisch-kulturanthropologische Forschung suchen und finden (im Archiv, als Digitalisat in Datenbanken); Verknüpfung von Forschungstand, Fragestellung und Quellenarbeit; historisch-epistemologische Reflexion der Formulierung eines Untersuchungsgegenstands und der methodischen Konzeption eines empirischen Falls; Beschreibung, Zitation und Transkription von Quellen; Interpretation von Quellen; kultur- und sozialanthropologisches Argumentieren in historischer Perspektive, digital literacy.
- Lehrende/r: Elisabeth Timm