In aktuellen öffentlichen Debatten über den Missbrauchsskandal rund um Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell wird immer wieder mit Erstaunen und Überraschung geäußert, wie verzweigt und weitreichend ihr Netzwerk ausgebildet ist. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Adel, Medien und Hochkultur – die Liste der Kontakte erscheint lang und heterogen. Aus Perspektive der Elitensoziologie kann die öffentliche Verwunderung über die Reichweite elitärer Netzwerke selbst verwundern. Im Rahmen des Power Structure Research, einer Teildisziplin der Elitensoziologie, wurde die Komplexität und über einzelne Funktionssysteme hinausweisende Charakter elitärer Machtstrukturen und Netzwerke nämlich immer wieder herausgearbeitet.

Das Seminar setzt genau hier an. Zunächst werden wir die Grundannahmen klassischer und neuerer Elitetheorien erarbeiten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Machtelitetheorie von C. Wright Mills, der in seinem Werk The Power Elite in den 1950er Jahren die enge Verflechtung von politischen, militärischen und wirtschaftlichen Führungsgruppen in den USA analysierte. Diese Perspektive wird mit der Weiterentwicklung von Mills Theorie um das Konzept des Geldmachtkomplexes von Hans Jürgen Krysmanski ergänzt, der mit seinen Studien insbesondere globale Vermögenseliten und ihre transnationalen Netzwerke im frühen 21. Jahrhundert in den Blick genommen hat.

Im zweiten Teil des Seminars wenden wir diese theoretischen Ansätze in kleinen empirischen Projekten an. Am Beispiel des Netzwerks um Epstein – aber auch weiterer Fallstudien – untersuchen wir personelle Überschneidungen, institutionelle Knotenpunkte, Formen sozialer Rekrutierung und das Sozialprofil der (amerikanischen) Machtelite. Ziel ist es, strukturelle Muster sichtbar zu machen und die Fragen zu diskutieren, inwiefern sich zeitgenössische Machtkonstellationen mit den klassischen Annahmen der Elitensoziologie erklären lassen, was sie von Verschwörungstheorien unterscheidet und inwiefern die Ergebnisse der Elitensoziologie dazu herausfordern bestimmte Postulate kontemporärer Demokratietheorien kritisch zu hinterfragen.


Kurs im HIS-LSF

Semester: WT 2026/27